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Nina Camenisch - Der Heinzenberger Grat und Versam




Kirche von Versam (GNU Free Documentation License, Version 1.2
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Attribution-Share Alike 3.0 Unported
Die Aufnahme stammt von Adrian Michael



Der Heinzenberger Grat und Versam.

Wie schön von dieser Alpenhöh’
Malt sich das weite Land!
Doch steh’ ich hier in stillem Weh,
Den Blick dorthin gewandt.


Denn jenes kleine Dörflern nur
Füllt meine Seele ganz;
Dort blüh’n so lieblich Baum und Flur
Im dunkeln Waldeskranz.


Dort steht das Haus, wo rosig mir
Der Kindheit Traum entflog;
Zu dem es mich so oft von hier
Mit heißem Sehnen zog;


Wo treue Liebe mich gepflegt.
Die nun im Grabe ruht.
Auf jenem Friedhof, dicht umhegt
Von gold’ner Aehren Fluth.


Du Raum, wo ich als Kind gespielt,
Sei mir gegrüßt von fern!
Du, meiner ersten Heimat Bild,
Bist meines Lebens Stern,


Bist meine Welt, mein Paradies,
Willst du mein Grab auch sein?
Hier muß selbst Todesruhe süß
Wie sanfter Schlummer sein.


Aus: Blumenlese aus den neuen Schweizerischen Dichtern, Herausgegeben von Heinrich Kurz, Verlag von Friedrich Schultheß, Zürich, 1860






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Albert Möser - An den Tod

An den Tod.
Im Lärm des Tages sind sie starr befangen:
Seht an die Jagd, die stürmisch-ruhelose,
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Pierre Louys - Rosen in der Nacht

ROSEN IN DER NACHT


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Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

Ludwig Thoma - Sexuelle Aufklärung

Sexuelle Aufklärung

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Nahm meine Unschuld unters Messer 
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Im Gegenteil, sehr weit entfernt. 
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Ich hab' es ziemlich gut gelernt. 


aus: Ludwig Thoma, Kirchweih, Simplicissimus-Gedichte, Albert Langen Verlag, München, 1912