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Es werden Posts vom November, 2011 angezeigt.

Rosa Kleinhapl - Novembertage

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Novembertage.
Novembertage trüb und grau
Ihr schleicht dahin so müd und matt
Wie eine gramgebeugte Frau,
Der man das Glück genommen hat.


Man nahm euch auch das Beste fort —
Kein Vogel singt im Tannenbaum.
Die Wiesen brach und längst verdorrt
Die Felder kahl bis an den Saum.


Und weiße Nebel, geistergleich,
Mit langen Armen waldwärts zieh'n;
Sie müssen stumm und schreckensbleich
Dem warmen Leben rasch entflieh'n.


Novembertage trüb und grau,
Ihr schleicht dahin so müd und matt
Wie eine gramgebeugte Frau,
Der man das Glück genommen hat.


Aus: Rosa Kleinhapl, Erzählungen und Gedichte, Kommissionsverlag Josef Kienreich, Graz, 1918


Es konnten leider keine Informationen zum Leben von Rosa Kleinhapl gefunden werden.







Albert Giraud - Absinth

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Absinth
An Richard Dehmel
Im Oceane des Absinths
Fand ich den Continent des Rausches!
Dort ist das Klima capriciös
Wie — eine schwangre Frau.


Das Meer ist trunken wie die Luft
Und tanzt in grünlich gelben Wogen.
Im Oceane des Absinths
Fand ich den Continent des Rausches!


Doch wehe! Was umklammert jäh
Mein Schiff? — Polypen, widrig, klebrig!
Ein Riesenarm zerknickt den Mast —
Und ohne Klagelaut versink ich
Im Oceane des Absinths.

Aus: Albert Giraud, Pierrot lunaire, Übersetzung von Otto Erich Hartleben,  Der Verlag deutscher Phantasten, Berlin, 1893

Angelika von Hörmann - Nun sind sie da, die blauen Tage

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Nun sind sie da, die blauen Tage,
Die Tage voll von Glanz und Duft,
Kein Wölkchen schreibt als leise Frage
Ein Warnungszeichen in die Luft;
Kein Sturm droht mehr mit Hochgewittern,
Du brauchst im Traume nicht zu zittern,
Daß dich ein Schlag ins Wachen ruft.


Noch fällt kein gelbes Blatt vom Baume,
Doch fruchtschwer neigt sich Ast zu Ast
Und dorfwärts schwankt vom Feldessaume
Der Ähren hochgethürmte Last.
Rings fettes Grün und Farbenprangen,
Als ruhten Lenz und Herbst umfangen
In selig stummer Liebesrast.


Das webt den Zauber dieser Stunden:
Sie scheinen frei vom irdschen Zoll,
Als hätt das Pendel Halt gefunden,
Als wär der Zeiten Kreislauf voll;
Kein Winter, wähnst du, käm sie rauben -
Das Herz will ewig dauernd glauben,
Was völlig es beglücken soll.


Aus: Das Buch der Sehnsucht, Herausgegeben von Paul Remer, Schuster & Loeffler Verlag, Berlin und Leipzig, 1900



Elisabeth Janstein - Liebe

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LIEBE

Demütig will ich sein und dienen?
Sind Wünsche, die wie Flammen schienen,
Vor diesem einen Wunsch verweht?


Das Haupt, das sich in Wolken wähnte
Und aller Taten Krone sehnte,
Das jetzt im Sturm der Liebe steht —


Die Hände, die sich zornig ballten
Um Schwert und Fahnenschaft zu halten,
Sind wie ein Becher aufgetan.


Wann steigt dein Durst zu meinem nieder,
Wann beugst du langsam deine Glieder
Und fängst voll Lust zu trinken an?


Aus: Elisabeth Janstein, Die Landung, Drei Masken Verlag, München, 1921


Elisabeth Jenny von Janstein - 19. Oktober 1893, Iglau -  31. Dezember 1944, Winchcombe - war eine deutsche Dichterin und Journalistin.



Angelika Hörmann - Mädchenlieder

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Mädchenlieder
1.

Was ihm an mir gefallen mag?
Zur Kammer schleich ich oft im Tag,
Schieb vor die Thür den Riegel
Und schau in meinen Spiegel.


Warum erwählt er nicht die Ros?
Bin eine schlichte Blume bloß
Und nimmer will's mir glücken,
Mich also hold zu schmücken.


Doch eine Zier ist mein fürwahr!
Die Schönste wär ich aus der Schar,
Stünd all mein treues Lieben
Im Antlitz mir geschrieben.




2.

Im Erker sitz ich früh und spät
Und führe die Nadel durchs Linnen,
Kaum hab ich ein paar Stiche genäht,
So lug ich über die Zinnen.


Erschallt vom Thurm des Wächters Ruf,
So spring ich schnell vom Sitze,
Dröhnt auf der Brück ein Pferdehuf,
Durchzucken mich Freudenblitze.


Wie lausch ich, ob die Trepp empor
Ein rascher Tritt nicht klimme,
Wie selig trinkt mein durstig Ohr
Die tiefe geliebte Stimme!


Wenn einen Tag mir's nicht gelang
Mich in Geduld zu fassen,
Wie schlepp ich dann der Jahre Gang,
Wenn er mich ganz verlassen?


Aus: Das Buch der Sehnsucht, eine Sammlung deutscher Frauendichtung;, eingeleitet und hrsg. von Paul Rem…

Liddy Richter – Sehnsucht

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Liddy Richter – Sehnsucht.

Die Sehnsucht winkt mir aus des Himmels Blau,
Sie flüstert in der Lüfte wildem Wehen;
Die Blume duftet sie im Morgentau;
Sie klingt gar leis aus Nachtigallenflehen.


Die Sonne glüht sie scheidend noch ins Thal,
Im Waldesdunkel rauschen sie die Quellen,
Mit goldnem Griffel schreibt der Mondesstrahl
Sie zitternd auf des stillen Sees Wellen.


Im Himmel leuchtet sie die Sternenpracht
Geheimnisvoll in sommernächt'ger Stunde;
Doch grüßt sie mich mit ihrer Macht
Erst aus des Menschenauges tiefem Grunde.


aus: Dichterklänge, Neue deutsche Lyrik für Herz und Haus, Herausgegeben von Hermine Freiin von Gellenberg, Gustav Flock Verlag, Leipzig, o. J. [1906]



Maria Solina - Epigonen

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Epigonen

Jüngst sah auf einem meiner stillen Gänge
Ich einen Baum von seltsamer Gestalt,
Wie seinesgleichen nie mein Auge schaute.
Weil halb im Licht er, halb im Schatten stand,
Meint' ich zuerst, daß mich die Sonne äffe.
Nicht Baum noch Strauch: ein krankes Mittelding.
Der Stamm unförmlich kurz und dick, die Krone
Ein dichtbelaubter, ästeloser Knauf,
Der ungegliedert, reglos darauf ruhte
Wie eines dunkeln Riesenpilzes Dach.


Der Stamm – ob einer Linde Rest, ob eichen –
Gehört' einst sicher einem König an
Im Reich der Bäume. Mehr ließ nicht erkennen
Der neid'schen Wucherpflanze dicht Geschling,
Das sich mit tausend Würzlein d'ran geklammert,
Und, d'ran erstarkt, in üpp'ger Fülle sprießend
Sich kühn anmaßte eig'nes Lebensrecht.


Und wie man um die Säule eines Großen,
Der frei und stark zur Höh' emporstrebt,
Ein wimmelnd Völklein krabbeln sieht, das emsig
Backsteine schleppt herzu zum Weiterbau,
Bis jene Säule, die so stolz gestanden,
Ein weithin weisend Ehrenmonument
Selbsteig…

Otto Klein - Die Jungfrau

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Die Jungfrau.

In ihren Füßen zittert schon ein Schwingen,
In ihren Schritten bebt ein ferner Klang,
Der Glanz der Augen will das Sein durchdringen
Und spürt noch nicht der Sehnsucht Schöpfungsdrang.


Sie tappt noch unbewußt im eignen Herzen
Und lächelt süß, wenn sie sich selbst besieht.
Verirrend sich in ersten Täuschungsschmerzen,
Und wiederfindend ihr Erkennen blüht.


Sie tanzt vorbei an ihres Lebens Zwecken,
Der dunkle Frühling deckt noch ihren Leib.
Bis ihre Hände in den Tag sich strecken,
Ein fremder Hauch in ihr erweckt das Weib.

aus: Otto Klein, Der kommende Tag, Wir Verlag, Berlin, 1922

Erich Mühsam - Die Pfeife

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Die Pfeife Juni 1918

Wusch ich mich schon vor einem Jahr
zum letztenmal mit Seife,
so ward jetzt auch der Tabak gar.
Schwarz gähnt das Maul der Pfeife.
Ein kalter Ruch – Erinnerungswahn –
entdünstet trüb dem Rachen.
Die taubste Nuß, der hohlste Zahn
kann nicht so traurig machen.
Der Tabakbeutel schlaff und leer
rutscht grämlich durch die Hände.
Kein lustig blaues Wölkchen mehr
belebt die kahlen Wände.
Wo ist der Qualm, der mir im Raum
die fade Luft gesäuert,
der mich umwirkt mit süßem Traum,
den Genius mir befeuert?
Wo ist das braune Zauberkraut,
das alle Grillen bannte?
Verbraucht, verschmaucht, verraucht, verdaut –
dahin ins Unbekannte!
Da liegt er nun, der Pfeifenkopf,
ein Anblick zum Erbarmen,
und wartet, daß ihn jemand stopf.
Es hilft dir nichts, dir Armen.
So gings dem Vaterlande auch.
Jetzt habt ihr die Erfahrung:
Erst hochgepafft den dicken Rauch,
und nachher fehlts an Nahrung.
Die Seife schmolz dahin zu Schaum,
jetzt wäscht man sich mit Speichel
und raucht das Laub vom Lindenbaum
mit kleingeriebener Eichel.
V…

Therese Keiter - Qual

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Qual.

Von Kathedralenstufen fließt das Blut!
O dunkles Wort, wie grinst aus dir das Grauen!
Einst stiegen heilige Füße hier empor,
Gesalbte Gottes und geweihte Frauen;
Nun hält der Mord am Steinportale Macht! -
Wie wundergroß auch diese Zeiten sind,
Wie stolz wir stehn, sie fühlend zu erleben,
Das Auge wird von all dem Schrecknis blind.
Und unsre arme Seele ist voll Beben.
Gleich einem Alb erdrückt das Herz der Haß,
In unsern Nächten fühlen wir die Qual
Der Sterbenden, die fern im Felde liegen,
Allein und hilflos gehn den Todesweg:
Mit zu viel Schmerzen kaufen wir das Siegen!
Von Kathedralenstufen fließt das Blut!


Aus: Mein Kriegsbuch von M. Herbert (Therese Keiter), Verlag von J. P. Bachem, Köln, 1915