Direkt zum Hauptbereich

Posts

Es werden Posts vom Dezember, 2011 angezeigt.

Herta Graf - Venedig

Venedig

Im Salzhauch der Winde zerbröckeln
die Spitzengewirke aus Stein,
mit denen die Serenissima
sich schmückte, als ihre Galeassen
unter San Marcos
rotgoldenem Löwenbanner
die Adria beherrschten;


noch immer voll Grazie
wiegt sich der Totentanz
der Paläste und Kirchen
am Kanal Grande,
dunkel widerspiegelnd den Abglanz
vergangener, ruhmreicher Tage;


unruhvoll bebt die Lagune
im Pulsschlag des Meeres,
von Marghera vergiftet
bis ins Mark;


o sterbende Stadt,
die schönste der Erde;
der Mensch aber sucht Kontakt
zu fernen Planeten.




Aus: Labile Harmonien. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1994, S. 23. In den Band aufgenommen wurden 50 Gedichte, die aufgrund einer 1993 erfolgten Ausschreibung aus 327 Eingesandten von einer Jury ausgewählt wurden.
Herta Graf (1911-1997)


This file is licensed under the Creative CommonsAttribution 3.0 Unported license.
Copyright holder Klaus Graf (Wikipedia Commons)




Albert Giraud – Colombine

Colombine An Heinrich Rickert

Des Mondlichts bleiche Blüten,
Die weissen Wunderrosen,
Blühn in den Julinächten —
O bräch ich eine nur!

Mein banges Leid zu lindern,
Such ich am dunklen Strome
Des Mondlichts bleiche Blüten,
Die weissen Wunderrosen.


Gestillt wär all mein Sehnen,
Dürft ich so märchenheimlich,
So selig leis — entblättern
Auf deine braunen Haare
Des Mondlichts bleiche Blüten!


Aus: Albert Giraud, Pierrot lunaire, Gedichte (Übersetzung von Otto Erich Hartleben), Verlag der deutschen Phantasten, Berlin, 1892


Mehr bei ngiyaw eBooks unter dem Autor

Bayard Taylor - Orientalisches Idyll

Orientalisches Idyll.
In jäher Strömung blitzend fließt Der Parpharmündung schneller Fluß, — Ein Silberspeer, den niederschießt Der Berg in’s Thal, — zu meinem Fuß.
Ich höre hier die muntre Well’, Die immer lachend kommt und geht, Saug’ an der Pfeife, schlürfe schnell, Im Bergesschnee gekühlt, Sherbeth.
Der Sonnenstrahl glüht wie ein Stern Unter des Schattens Baldachin — Und vom Bazare dumpf und fern Hör’ ich den Lärm herüberziehn.
Nicht Furcht noch bange Ahnung mir Umnachten meines Himmels Blau, Mein Blut ist frisch, wie Morgen, hier, Mein Herz mir scheint getaucht in Thau.
Wie Perle in der Schaale ruht, So schläft in mir der frohe Geist. Nichts weiß von Leid mein stolzer Muth, Doch weiß ich halb, was Freude heißt. —
Ich fühle nun in Puls und Brust Der Leidenschaft Gewoge kaum — Ein Leben leb’ ich unbewußt, Wie’s haucht aus jenem Jasminbaum.

Damaskus’ Straßen blick’ ich hin, Mit reichem Prunk und Pomp besetzt — So müßig, wie des Kindes Sinn An Bilderbüchern sich ergötzt.
Vergessen nun sind Nam’ und Land, Verlösch…

Irene von Schellander - Geheime Liebe

Geheime Liebe. Du nennst die weiße Lilie mich,
Die Schimmernd kühl erblühte,
Und huldigst mir so feierlich
Mit sehnendem Gemüte.
O blicktest du mir einmal klar
Ins Herz, das ruhelose!
Im Grunde glüht es wunderbar
Wie eine rote Rose.
Aus: Irene von Schellander, Tannenbruch, Gedichte, E. Pierson's Verlag, Dresden und Leipzig, 1902

Irene von Schellander - Titanic

Titanic.
Dein Name schon: Titanic, war die Macht! Dein Anblick Sieg, der aller Stürme lacht.
Und als die Riesenanker Du gelichtet Im Hafen von Southampton, weltgesichtet,
Und ungestüm zerwühlt den Wellenschoß, Da rissen sich zwei große Dampfer los
Von ihren Tauen, die Dein Wirbel schlug, Und schwangen warnend sich vor Deinen Bug. »Hab’ acht. Du größtes Schiff im Meergewog!«
Da blies der Wind und Deine Flagge flog Auf Deiner Brautfahrt, grüßte, wie seit je, Die Freiheit in Alt-Englands Macht zur See! Musik und Volldampf! Ob der Tag zerfloß,
Du stiegst am Himmel auf als Lichtkoloß, Der durch das Weltall in den Abgrund fährt
Und Flut und Eis im Untergang verklärt.
Da horch — vom Krähennest hoch oben schlug
Dreimal der Gong: »Eis vor dem Bug!« — Und: »Hard a-starboard!« das Kommandowort
In einem Atem. »Hart an Steuerbord!« — Es war der Tod, der das Kommando sprach Und Dir das Ruder und die Rippen brach.
Die Männer zweier Länder ins Verderben! Und mußten kühn wie Könige zu sterben! Zweitausend Helden, eins im Seem…

Arno Holz - Samstagsidyll

Samstagsidyll. 1884.
Es war ein Tag, wie’s ihrer viele giebt, Wenn falb der Sommer in den Herbst zerstiebt; Verstummt schon schien der Vögel buntes Völkchen Und grau am Himmel standen kleine Wölkchen. Nur ab und zu schwamm’s fernher durch die Luft Noch weich wie ein verirrter Rosenduft Und wie ein Lenzlockruf, nur herbstlich stiller, Klang hie und da ein später Vogeltriller. Auf lauen Windes Flügeln kam’s und schwand Und reichte wiederkehrend sich die Hand, Wie wenn zwei Herzen durch ein letztes Grüßen Sich noch des Scheidens bittres Weh versüßen.
Doch also war’s nur draußen fern im Hag, Durch die Fabrikstadt schlich der Werkeltag. Das schwarzberußte Schurzfell um die Lenden, War er bemüht, die Woche zu beenden; Er ließ das Eisen wie ein Licht erglühn Und mehr als hundert Essen Funken sprühn, Und, unbekümmert um den eignen Jammer, Schwang er den centnerschweren Schmiedehammer. Hier war’s ein Schienenwagen, dort ein Schiff, Der Schornstein rauchte und der Dampfhahn pfiff, Die Räder rollten ewig um im Kreise Un…