Donnerstag, 29. Dezember 2011

Herta Graf - Venedig

Canaletto, Veduta del Palazzo Ducale



Venedig


Im Salzhauch der Winde zerbröckeln
die Spitzengewirke aus Stein,
mit denen die Serenissima
sich schmückte, als ihre Galeassen
unter San Marcos
rotgoldenem Löwenbanner
die Adria beherrschten;


noch immer voll Grazie
wiegt sich der Totentanz
der Paläste und Kirchen
am Kanal Grande,
dunkel widerspiegelnd den Abglanz
vergangener, ruhmreicher Tage;


unruhvoll bebt die Lagune
im Pulsschlag des Meeres,
von Marghera vergiftet
bis ins Mark;


o sterbende Stadt,
die schönste der Erde;
der Mensch aber sucht Kontakt
zu fernen Planeten.




Aus: Labile Harmonien. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1994, S. 23. In den Band aufgenommen wurden 50 Gedichte, die aufgrund einer 1993 erfolgten Ausschreibung aus 327 Eingesandten von einer Jury ausgewählt wurden.
Herta Graf (1911-1997)


This file is licensed under the Creative Commons Attribution 3.0 Unported license.
Copyright holder Klaus Graf (Wikipedia Commons)




Sonntag, 18. Dezember 2011

Albert Giraud – Colombine

Edgar Germain Hilaire Degas - Harlekin und Colombine



Colombine
An Heinrich Rickert


Des Mondlichts bleiche Blüten,
Die weissen Wunderrosen,
Blühn in den Julinächten —
O bräch ich eine nur!

Mein banges Leid zu lindern,
Such ich am dunklen Strome
Des Mondlichts bleiche Blüten,
Die weissen Wunderrosen.


Gestillt wär all mein Sehnen,
Dürft ich so märchenheimlich,
So selig leis — entblättern
Auf deine braunen Haare
Des Mondlichts bleiche Blüten!


Aus: Albert Giraud, Pierrot lunaire, Gedichte (Übersetzung von Otto Erich Hartleben), Verlag der deutschen Phantasten, Berlin, 1892


Mehr bei ngiyaw eBooks unter dem Autor

Montag, 12. Dezember 2011

Bayard Taylor - Orientalisches Idyll

Portrait von Bayard Taylor


Orientalisches Idyll.

In jäher Strömung blitzend fließt
Der Parpharmündung schneller Fluß,
— Ein Silberspeer, den niederschießt
Der Berg in’s Thal, — zu meinem Fuß.

Ich höre hier die muntre Well’,
Die immer lachend kommt und geht,
Saug’ an der Pfeife, schlürfe schnell,
Im Bergesschnee gekühlt, Sherbeth.

Der Sonnenstrahl glüht wie ein Stern
Unter des Schattens Baldachin —
Und vom Bazare dumpf und fern
Hör’ ich den Lärm herüberziehn.

Nicht Furcht noch bange Ahnung mir
Umnachten meines Himmels Blau,
Mein Blut ist frisch, wie Morgen, hier,
Mein Herz mir scheint getaucht in Thau.

Wie Perle in der Schaale ruht,
So schläft in mir der frohe Geist.
Nichts weiß von Leid mein stolzer Muth,
Doch weiß ich halb, was Freude heißt. —

Ich fühle nun in Puls und Brust
Der Leidenschaft Gewoge kaum —
Ein Leben leb’ ich unbewußt,
Wie’s haucht aus jenem Jasminbaum.

Damaskus’ Straßen blick’ ich hin,
Mit reichem Prunk und Pomp besetzt —
So müßig, wie des Kindes Sinn
An Bilderbüchern sich ergötzt.

Vergessen nun sind Nam’ und Land,
Verlöscht im Hirn Vergangenheit —
Erinnerung schläft — die müde Hand
Durchblättert nicht das Buch der Zeit.

Ich seh’ den Glanz des Morgenscheins,
Fühl’, wie die Morgenluft mich kühlt! —
Doch ob sie spielt im Laub des Weins,
Ob sie in meinen Haaren wühlt? — —

Nichts wissen! — Ach, wie macht es froh!
Verzaubert tief in süße Ruh’,
Ob Mann ich oder Rose, o
Nicht aus dem Traum mich pfücke du! —

Aus: Bayard Taylor, Gedichte, Übersetzt von Karl Bleibtreu, Verlag von L. Schleiermacher, Berlin, 1879


Donnerstag, 8. Dezember 2011

Irene von Schellander - Geheime Liebe

Quelle: http://www.liliumbreeding.nl/23b.jpg (modifiziert)
This file is licensed under the
Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic license.

Geheime Liebe.
Du nennst die weiße Lilie mich,
Die Schimmernd kühl erblühte,
Und huldigst mir so feierlich
Mit sehnendem Gemüte.

O blicktest du mir einmal klar
Ins Herz, das ruhelose!
Im Grunde glüht es wunderbar
Wie eine rote Rose.

Aus: Irene von Schellander, Tannenbruch, Gedichte, E. Pierson's Verlag, Dresden und Leipzig, 1902

Irene von Schellander - Titanic

RMS Titanic

Titanic.

Dein Name schon: Titanic, war die Macht!
Dein Anblick Sieg, der aller Stürme lacht.
Und als die Riesenanker Du gelichtet
Im Hafen von Southampton, weltgesichtet,
Und ungestüm zerwühlt den Wellenschoß,
Da rissen sich zwei große Dampfer los
Von ihren Tauen, die Dein Wirbel schlug,
Und schwangen warnend sich vor Deinen Bug.
»Hab’ acht. Du größtes Schiff im Meergewog!«
Da blies der Wind und Deine Flagge flog
Auf Deiner Brautfahrt, grüßte, wie seit je,
Die Freiheit in Alt-Englands Macht zur See!
Musik und Volldampf! Ob der Tag zerfloß,
Du stiegst am Himmel auf als Lichtkoloß,
Der durch das Weltall in den Abgrund fährt
Und Flut und Eis im Untergang verklärt.
Da horch — vom Krähennest hoch oben schlug
Dreimal der Gong: »Eis vor dem Bug!« —
Und: »Hard a-starboard!« das Kommandowort
In einem Atem. »Hart an Steuerbord!«
Es war der Tod, der das Kommando sprach
Und Dir das Ruder und die Rippen brach.

Die Männer zweier Länder ins Verderben!
Und mußten kühn wie Könige zu sterben!
Zweitausend Helden, eins im Seemannsspruch
»Frauen voran«, erlösen Dich vom Fluch.
Und Deines Siegervolkes Opferkranz
Strahlt heller um Dich als Dein Lichterglanz,
Umstrahlt das Schiff, das Dir zu Hilfe stürmte
Und, als sein Ziel in Eisgebirg sich türmte,
Scharf um den Tod geschwenkt mit gleichem Wort
Wie Du — zum Leben. »Hart an Steuerbord!«

Aus: Irene von Schellander, Titanic, Dem Andenken ihrer Helden, 15. April 1912, Xenien Verlag, Leipzig, 1913



Arno Holz - Samstagsidyll

Philip Leslie Hale - Girl by the stream





Samstagsidyll.
1884.

Es war ein Tag, wie’s ihrer viele giebt,
Wenn falb der Sommer in den Herbst zerstiebt;
Verstummt schon schien der Vögel buntes Völkchen
Und grau am Himmel standen kleine Wölkchen.
Nur ab und zu schwamm’s fernher durch die Luft
Noch weich wie ein verirrter Rosenduft
Und wie ein Lenzlockruf, nur herbstlich stiller,
Klang hie und da ein später Vogeltriller.
Auf lauen Windes Flügeln kam’s und schwand
Und reichte wiederkehrend sich die Hand,
Wie wenn zwei Herzen durch ein letztes Grüßen
Sich noch des Scheidens bittres Weh versüßen.

Doch also war’s nur draußen fern im Hag,
Durch die Fabrikstadt schlich der Werkeltag.
Das schwarzberußte Schurzfell um die Lenden,
War er bemüht, die Woche zu beenden;
Er ließ das Eisen wie ein Licht erglühn
Und mehr als hundert Essen Funken sprühn,
Und, unbekümmert um den eignen Jammer,
Schwang er den centnerschweren Schmiedehammer.
Hier war’s ein Schienenwagen, dort ein Schiff,
Der Schornstein rauchte und der Dampfhahn pfiff,
Die Räder rollten ewig um im Kreise
Und alles drehte sich im alten Gleise.

Nur Du und ich, wir beide waren frei
Und wußten nichts von Werktagssclaverei;
Wir jauchzten auf, die Noth in uns begrabend,
Und machten schon Nachmittags Feierabend.
Denn hatte jeder nicht mit Lust und Kraft
Die Woche über pflichtgetreu geschafft?
Die Nähmaschine hattest Du getrieben
Und ich gedacht, gedichtet und geschrieben.
Doch nun war ich »des trocknen Tones satt«
Und schrieb energisch: Punkt! aufs letzte Blatt
Und stieg dann flink, mir selber zur Belohnung,
In Deine zierliche Mansardenwohnung.
Ich klopfte an — ein neckisches: Herein!
Und durch das Fenster brach der Sonnenschein.
Ein Lichtmeer war’s, drin Welle schwamm auf Welle,
Ich aber stand geblendet auf der Schwelle.

O immer, trat ich in Dein trautes Heim,
Schrieb’s mir ins Herz sich wie ein neuer Reim;
Doch war’s mit seinen farbigen Gardinen
So hell und freundlich mir noch nie erschienen.

Zum Schmaus gedeckt stand schon Dein kleiner Tisch,
Grau hinterm Spiegel stack ein Flederwisch,
Doch unbekümmert um die neuste Mode
Stand dicht dabei die ältliche Kommode
Und unter einem Kreuz von Elfenbein
Das Bild von Deinem todten Mütterlein.

Wie tief im Traum sah lächelnd es hernieder
Auf ein zerles’nes Buch: »das Buch der Lieder!«
Vom Blumenbrett, das sich ums Fenster bog,
Um alles das ein süßes Duften flog.
Und dorther glänzten auch die beiden Schilder,
Verzeih! ich meine Deine Landschaftsbilder!
Denn Du hast recht: die reine Phantasie
Und farbenschillernd wie ein Kolibri!
Rechts hing der Watzmann, links der Gamsgarkogel
Und zwischen beiden ein Kanarienvogel.
Du selber aber, häubchenüberdeckt,
Ein weißes Schürzchen vor die Brust gesteckt,
Du schobst nun grad mit hausfraulicher Miene
Den Spiritus in Deine Kochmaschine.
Ein kurzer Aufblick dann, ein leiser Schrei,
Und eins und eins, wie immer, waren zwei!

Drauf, wie ich mich schon oft ließ unterjochen,
Sollt ich auch heute mit Dir Kaffee kochen.
Ich lärmte; doch was half mir mein Protest?
Ein kußersticktes Lachen war der Rest!
Und als ein vielgewandter junger Dichter
Hielt ich galant Dir nun den Kaffeetrichter.
Natürlich ging das »noch einmal so gut«,
— Sieh hier das Lied: »Was man aus Liebe thut!«
Wir schmeckten, wechselnd prüfend, mit den Zungen
Und endlich war der große Wurf gelungen.
Zwar war das Tischzeug nur von grobem Zwilch,
Doch fehlte weder Zucker drauf noch Milch,
Und dampfend füllten nun die braunen Massen
Die goldumränderten Geburstagstassen.
Des Tränkleins Wirkung aber kommt und geht,
Bis sich das Zünglein wie ein Mühlrad dreht:
Was Stift und Tinte, Häkelzeug und Maschen!
Wir waren heut zwei rechte Plaudertaschen!

Du schwärmtest von dem neusten Ausverkauf
Ich aber schlug ein kleines Büchlein auf
Und las Dir Lieder vor von Schack und Keller
Und übersah auch nicht den Kuchenteller.

So saßen wir — zwei große Kinder — da,
Bis roth der Abend durch die Scheiben sah,
Und tappten dann hinab die dunklen Stiegen,
Um noch ein Stündlein vor das Thor zu fliegen.

Dort, wo das Wasser sich am Stadtwall bricht,
Lag bunt der Park im letzten Abendlicht
Und ließ die Wipfel sich mit Purpur tränken
Und Kinder spielten auf den Rasenbänken.
Vom nahen Thorthurm kam das Spätgeläut,
Mir schien’s, es klang noch nie so schön wie heut;
Wir lugten lauschend durch die Laubverhänge
Und schritten flüsternd durch die Buchengänge,
Zu Füßen knirschte uns der gelbe Kies
Und alles schien uns, wie im Paradies.
Doch als die Glocken dann gemach verklangen,
Kam leisen Schritts die Dämmrung angegangen.

Da hieltst Du still und hauchtest mir ins Ohr:
»O, weißt Du noch, dort drüben vor dem Thor?«
Ob ich es weiß! Wie Lenz will’s mich umwehen;
Dort war’s ja, wo wir uns zuerst gesehen!
Und hier, wo waldversteckt das Wasser rauscht,
Hier haben wir den ersten Kuß getauscht!
O Maitag, Sonnenschein und Blüthenregnen,
Noch heut muß ich euch tausendfältig segnen!
Es war doch eine schöne, schöne Zeit,
Und denk ich dran, so wird das Herz mir weit!
Man fühlt’s, auch ohne daß man’s gleich bedichtet:
Der liebe Gott hat’s doch gut eingerichtet.
Doch still! Was braucht’s schon der Erinnerung?
Wir sind ja beide noch so jung, so jung!
Es lacht das Glück aus Deinem rothem Munde:
»Uns winkt ja noch so manche goldne Stunde!«

»Gewiß! fielst Du hier lächelnd ein, und wie?
Zum Beispiel morgen eine Landpartie!
Erinnerst Du dich noch, wie Du vor Wochen
Mir einen Ausflug ins Gebirg versprochen?

Mein Onkel dort, der Wirth zum weißen Schwan,
Wohnt ja ganz nahe an der Eisenbahn!
Ich weiß, er freut sich, wenn wir ihn besuchen,
Und Tantchen gar backt einen Extrakuchen!
Und dann — o Gott — die wunderschöne Luft,
Wald, Wiese, Sonnenschein und Kräuterduft,
Und über sich nichts, nichts als Himmelsbläue —
Nein, nein! Du weißt nicht, wie ich mich schon freue!«
Da sprach ich: »Topp, Du kleiner Niegenug!
Wir fahren morgen mit dem ersten Zug.
Als Musikant mach ich eins gern mal Pause . . . .
Doch es wird kühl hier, komm, wir gehn nach Hause!«

Und wieder thorwärts wandten wir uns um
Und wurden still und wußten nicht, warum.
Im Fluß das Wasser rann nur noch von ferne
Und durch das Laubdach blitzten schon die Sterne.
Ein feuchter Nachtwind durch die Wipfel strich,
Du aber schmiegtest fester Dich an mich,
Und wie das Schlußwort einer schönen Dichtung,
That sich nun wieder vor uns auf die Lichtung.

Dort hub die Stadt sich schwarz und ungewiß
Vom Horizont ab wie ein Schattenriß,
Nur hie und da warf fernher aus dem Dunkel
Ein Fenster noch sein rothes Lichtgefunkel.
Es war so schön, so wunderschön zu sehn,
Und schweigend blieben wir zusammen stehn,
Denn nun trat auch der Mond aus seinen Hallen
Und ließ sein Silber auf die Dächer fallen
Und drüben von der Vorstadt her erklang
Noch windverweht ein frommer Nachtgesang.

Du sahst mich an und wußtest nichts zu sagen,
Doch fühlt ich Dein Herz warm an mein Herz schlagen
Und sprach zu Dir und war bewegt, wie nie:
»Nun weißt auch Du, mein Herz, was Poesie!

Sie speist die Armen und sie stärkt die Schwachen,
Sie kann die Erde uns zum Himmel machen,
Sie kost im Zephyr und sie harft im Föhn:
Nicht wahr, mein Herz, das Leben ist doch schön?«

Aus: Moderne Dichter-Charaktere, Herausgegeben von Wilhelm Arent, Selbstverlag des Herausgebers, Leipzig, 1885







Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten. Ein holdes Räthsel soll ich lösen, Und schon ist mir die Deutung klar, Ich weiß...