Bayard Taylor - Orientalisches Idyll

Portrait von Bayard Taylor


Orientalisches Idyll.

In jäher Strömung blitzend fließt
Der Parpharmündung schneller Fluß,
— Ein Silberspeer, den niederschießt
Der Berg in’s Thal, — zu meinem Fuß.

Ich höre hier die muntre Well’,
Die immer lachend kommt und geht,
Saug’ an der Pfeife, schlürfe schnell,
Im Bergesschnee gekühlt, Sherbeth.

Der Sonnenstrahl glüht wie ein Stern
Unter des Schattens Baldachin —
Und vom Bazare dumpf und fern
Hör’ ich den Lärm herüberziehn.

Nicht Furcht noch bange Ahnung mir
Umnachten meines Himmels Blau,
Mein Blut ist frisch, wie Morgen, hier,
Mein Herz mir scheint getaucht in Thau.

Wie Perle in der Schaale ruht,
So schläft in mir der frohe Geist.
Nichts weiß von Leid mein stolzer Muth,
Doch weiß ich halb, was Freude heißt. —

Ich fühle nun in Puls und Brust
Der Leidenschaft Gewoge kaum —
Ein Leben leb’ ich unbewußt,
Wie’s haucht aus jenem Jasminbaum.

Damaskus’ Straßen blick’ ich hin,
Mit reichem Prunk und Pomp besetzt —
So müßig, wie des Kindes Sinn
An Bilderbüchern sich ergötzt.

Vergessen nun sind Nam’ und Land,
Verlöscht im Hirn Vergangenheit —
Erinnerung schläft — die müde Hand
Durchblättert nicht das Buch der Zeit.

Ich seh’ den Glanz des Morgenscheins,
Fühl’, wie die Morgenluft mich kühlt! —
Doch ob sie spielt im Laub des Weins,
Ob sie in meinen Haaren wühlt? — —

Nichts wissen! — Ach, wie macht es froh!
Verzaubert tief in süße Ruh’,
Ob Mann ich oder Rose, o
Nicht aus dem Traum mich pfücke du! —

Aus: Bayard Taylor, Gedichte, Übersetzt von Karl Bleibtreu, Verlag von L. Schleiermacher, Berlin, 1879


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