Irene von Schellander - Titanic

RMS Titanic

Titanic.

Dein Name schon: Titanic, war die Macht!
Dein Anblick Sieg, der aller Stürme lacht.
Und als die Riesenanker Du gelichtet
Im Hafen von Southampton, weltgesichtet,
Und ungestüm zerwühlt den Wellenschoß,
Da rissen sich zwei große Dampfer los
Von ihren Tauen, die Dein Wirbel schlug,
Und schwangen warnend sich vor Deinen Bug.
»Hab’ acht. Du größtes Schiff im Meergewog!«
Da blies der Wind und Deine Flagge flog
Auf Deiner Brautfahrt, grüßte, wie seit je,
Die Freiheit in Alt-Englands Macht zur See!
Musik und Volldampf! Ob der Tag zerfloß,
Du stiegst am Himmel auf als Lichtkoloß,
Der durch das Weltall in den Abgrund fährt
Und Flut und Eis im Untergang verklärt.
Da horch — vom Krähennest hoch oben schlug
Dreimal der Gong: »Eis vor dem Bug!« —
Und: »Hard a-starboard!« das Kommandowort
In einem Atem. »Hart an Steuerbord!«
Es war der Tod, der das Kommando sprach
Und Dir das Ruder und die Rippen brach.

Die Männer zweier Länder ins Verderben!
Und mußten kühn wie Könige zu sterben!
Zweitausend Helden, eins im Seemannsspruch
»Frauen voran«, erlösen Dich vom Fluch.
Und Deines Siegervolkes Opferkranz
Strahlt heller um Dich als Dein Lichterglanz,
Umstrahlt das Schiff, das Dir zu Hilfe stürmte
Und, als sein Ziel in Eisgebirg sich türmte,
Scharf um den Tod geschwenkt mit gleichem Wort
Wie Du — zum Leben. »Hart an Steuerbord!«

Aus: Irene von Schellander, Titanic, Dem Andenken ihrer Helden, 15. April 1912, Xenien Verlag, Leipzig, 1913



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