Sonntag, 2. Dezember 2012

Rudolf Hammon - Quellwasser und Abwasser

Jean-Auguste-Dominique Ingres - The source



Quellwasser und Abwasser.

Wie sprudelt sie so frei und stolz
Im lichten, blanken Kleid: die Quelle;
Wer ihr begegnet, freut sich der Begegnung!

Im engen zementierten Graben
Schleicht lautlos hin ein dunkles Wasser;
Es schillert just in allen Farben,
Das macht der Schmutz, den man
Hineingeführt in dies Gewässer.

In einen, Flusse münden sie zusammen,
Die Quelle und der Schmutzkanal.
— Wie sich im Leben oftmals Gegensätze treffen!
Vergebens sucht die Quelle, sich zu sondern
Von jenem düsteren Gewässer;
Will seitwärts fließen, hochgeschürzt.
Das saubʼre Kleid nicht beschmutzen,
Und vor Entrüstung fließen ihre Tränen,
Die Worte fehlen ihr ob solchem Schimpf,
Gibtʼs denn für ihresgleichen keine andre Stätte?
Tief senkt das Haupt das andere Gewässer.
Und sucht den Schmutz zurückzuhalten.

Da spricht der Fluß, der beide aufgenommen:
»Du Quelle, stammst aus edler Erde.
Dein Lauf hat dich geführt nur Wege.
Sie aber haben Menschen so geleitet,
Den Schmutz von ihnen aufzunehmen.
Hat sie nicht so auch reich genutzt?
Du gabst dem Durstigen Erquickung,
Sie nahm, was Schaden hättʼ gebracht, mit fort.
An Nutzen warʼt ihr gleich,
Du hattest Ehre nur und sie nur Schmach,
Wer hat das Größʼre nun von euch geleistet?«


Aus: Rudolf Hammon, Herbes und Liebes, Gedichte, Verlag von Strecker & Schröder, Stuttgart, 1904




Donnerstag, 11. Oktober 2012

Johann Georg Fischer - Vorüber

Henri Matisse - Le bonheur de vivre (PD only in the U.S.A.)


Vorüber.

Anfang des Maien, bis die Rosen kamen.
Da gab des Himmels Glück mir sein Geleit,
Da hatten alle Dinge Deinen Namen
Und eine Stunde war die Ewigkeit. —

Ich geh' denselben Weg, dieselbe Matte,
Sie sind's noch immer, sind es doch nicht mehr —
Was damals Flügel, Ton und Seele hatte,
Liegt regungslos und tönelos umher.

In seine seichte Breite muß es nieder.
Was oben mit des Stromes Flut begann;
Ach, daß man nicht auf Ewigkeiten wieder
Als wie zum erstenmal empfinden kann!

Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 3. Band (1869)



Mittwoch, 10. Oktober 2012

Marie Luise Weissmann - Tote Liebe

Franz von Stuck - The Expulsion from Paradise



TOTE LIEBE

Was mir erwarb
Ihr süßes Licht
Was ihr verdarb
Mein Angesicht
Warum sie starb
Ich weiß es nicht.

Die Märchenbraut
Lag so im Tod
Dem Blick vertraut;
Der Wange Rot
Wer es geschaut
Fiel neu in Not.

Als hübe sie
Die er gewann
Die wie der Früh-
Tau ihm zerrann
Als hübe sie
Zu sprechen an:

Was dich mir warb
Damals im Licht
Was mich verdarb
Für dein Gesicht
Warum ich starb
Ich weiß es nicht.

Wir wissen beid
Nicht wies geschah
Wir sind im Leid
Uns nun ganz nah
An deine Seit
Sehnt ich mich ja.

Reiche mir Lieber
Noch deine Hand.
Ist sie im Fieber
Wie ich sie fand
Als sie hinüber
Gab mir den Brand?

Aus: Marie Luise Weissmann, gesammelte Dichtungen, Heinrich F. S. Bachmair, Pasing, 1932




Richard von Hartwig - Warum?

Paul Klee - Seiltänzer



Warum?

Du wunderst Dich, warum so trüb mein Blick,
Warum so selten meine Lippe lacht?
Meinst, daß das karg zwar zugemess'ne Glück
Uns doch das Leben wünschenswerth noch macht?
Verliert das Meer denn seinen Salzgeschmack
Weil dahinein sich alle Flüss' ergießen?
Wie kann des Lebens Schmerz ein sonn'ger Tag
Ein Augenblick entschwund'nen Glück's versüßen?


Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1884, 2. Band



Samstag, 6. Oktober 2012

Hermance Potier - Palingenesie


Palingenesie.

Abend ist es und ich suche
Spuren ferner Seligkeit,
Und ich finde hier im Buche
Noch ein Denkmal schön'rer Zeit.
Bist allein zurückgeblieben,
Veilchen, aus der Schwestern Zahl;
Auf der Stirne steht geschrieben
Dir ein leuchtend Feuermal.
Nur mein Auge kann es sehen,
Und es zieht wie Liebeslust
Und es haucht wie Frühlingswehen
Durch die müde, kranke Brust.
Kleines Veilchen, was erweckst Du
Diesen Sturm, der längst geruht?
Kleine Veilchen, was bedeckst Du
Doch für peinlich stille Glut!
Tausend sanft verrauschte Küsse,
Tausend Seufzer rufst Du wach,
Und ich hör' die fernen Grüße —
Manches heiße —  bange »Ach«.
Deines Lenzes Poesie,
Süße Blume und Du feierst
Deine Palingenesie!

Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1. Band (1885), S. 654


Donnerstag, 20. September 2012

Lena Bonte-Dotti - Wurzelstark

Caspar David Friedrich - Eiche im Schnee


Wurzelstark.

Du sollst nicht immer fragen
Nach dem »warum«, »woher«,
Nach dem, was kommen könnte,
Wenn dies und das nicht wärʼ!
Du quälst Dich und die Deinen,
Und meinst es doch so gut.
Ja, fast will es mir scheinen:
Dir fehlt zum Glückder Mut.

Schau drum in meinenGarten,
Wie das da flammt und glüht,
Wie in dem Lehm, dem harten,
Dort eine Blume blüht.
Du kennst sie nicht, denn selten
Ist ihrer Farben Pracht
Und ihrer Blüte Duften,
Wer hat sie mir gebracht?
Ich weiß es nicht, ich fragʼ nicht;
Ich freu mich ihres Seins,
Wie ich des Sturms mich freue,
Des warmen Sonnenscheins. —
Du meinst der Sturmwind bräche
Mir meine Blume ab?
Laß ihn; wenn er sie knickte,
Fand sie ein frühes Grab.
Du fragst, ob ich dann traure,
Ob Angst mein Herz befällt,
Daß es so kommen könnte?
Freund, arm ist Deine Welt!

Wenn jetzt der Sturmwind sauste
Und brächʼ die Blüte hier,
Wenn alles wanktʼ und brauste,
Mein Freund, dann sagt ich mir:
Der Sturmwind kann nur brechen,
Was morsch und wurzelkrank,
Was langsam oder schneller
Doch in die Tiefe sank.
Der Sturmwind kann nur brechen
Was schwächer ist wie er,
Was stärker ist, das trotzt ihm,
Das setzt sich ihm zur Wehr!
Das bleibt, weil es im Innern
Noch echt und wurzelstark.
Der Sturmwind fällt die Eiche,
Er tötet nicht ihr Mark.
Holt sie sich aus der Erde
Noch selber ihren Saft,
Sprießt aus den Wurzelknoten
Ein neuer Trieb voll Kraft.
»Wir sprachen von der Blume!« —
Ja so, mein Freund, verzeihʼ!
»Wenn sie der Sturmwind bräche,
Wärʼ alles dann vorbei?«
Nein, Freund, ihr Blühn und Duften
Wärʼ nie umsonst gewesen.
Die rote Blume brachte
Nach Krankheit mir Genesen.
Doch, Freund, wozu das Reden;
Laß doch den Sturmwind wehen!
Denn meine rote Blume
Wird er mir niemals mähen,
Weil sie aus sich gewachsen.
Und meinen schönen Glauben
An alles Wurzelstarke,
Den kann kein Gott mir rauben!

aus: Lena Bonte-Dotti, Wurzelstark, Verlag Schall und Rentel, Berlin, 1920




Samstag, 18. August 2012

Agnes Miegel - Mädchenlied





Mädchenlied

Nun ist vorüber die ruhige Zeit,
Meine junge Seele nach deiner schreit,
Ich gehe des Tags so müde einher,
Meine nächtigen Träume sind heiß und schwer.
Ich küss' dich im Traume so viel als ich mag, —
Drum sind meine Lippen so blaß am Tag.

Sie sagten zu mir: »Der Tag ist so heiß, so grün die Flur,
Deine liebsten Blumen, wir brachten sie dir,
Und du küßtest uns nicht einmal dafür,
Du hast vor dich hin ins Leere geschaut —
Und trägst keinen Ring und bist doch nicht Braut?«

Und sie zogen mich fort zu Tanz und Spiel,
Sie sangen so laut und lachten so viel,
Und der Abend über die Felder zog,
Ein irrender Stern am Himmel flog.
Und sie sprachen von Liebe, leise und lang, —
Nur ich ging schweigend die Felder entlang.

Aus: Agnes Miegel, Gedichte, J.G. Cotta Nachf.,  Stuttgart, 1921.

Abb.: Egon Schiele -Sitzendes Mädchen


Max Hermanny - Wie's so geht

Alphonse Mucha - Job Cigarettes




Wie's so geht

Wie es kam, so fragst du immer.
Wie es kam? — Ach, wüßt' ich, wie!
Einsam waren wir im Zimmer —
Einsam — ich vergeß es nie.

Wie es kam? Auf meinem Munde

Fühlt' ich deines Kusses Glut —
Eine kleine, stille Stunde —
Was nicht eine Stunde tut!

Inbegriff der Seligkeiten,

Tief geheimnisvolles Glück,
Eine Stunde kann's bereiten,
Eine Stunde nimmt's zurück.

Aus: Max Herrmann-Neisse, Georg Müller Verlag, München, 1906



Mittwoch, 15. August 2012

Johann Wolfgang von Goethe - An den Schlaf

Eugène Carrière - Sealmaiden


An den Schlaf.

Der du mit deinem Mohne
Selbst Gotteraugen zwingst,
Und Bettler oft zum Throne
Zum Mädgen Schäfer bringst,

Vernimm; Kein Traumgespinste
Verlang’ ich heut von dir,
Den grösten deiner Dienste
Geliebter, leiste mir.

An meines Mädgens Seite
Sizz’ ich, ihr Aug’ spricht Lust,
Und unter neid’scher Seite
Steigt fühlbar ihre Brust,

Oft hatte meinen Küssen
Sie Amor zugebracht,
Dieß Glück muß ich vermissen,
Die strenge Mutter wacht.

Am Abend trifst du wieder
Mich dort, o tritt herein,
Sprüh’ Mohn von dem Gefieder,
Da schlaf die Mutter ein:

Bey blassem Lichterscheinen,
Von Lieb’ Annette warm,
Sink’, wie Mama in deinen,
In meinen gier’gen Arm.

Johann Wolfgang von Goethe, An den Schlaf
aus: Annette, Leipzig 1767

Maria Marty - Aber sie lacht

Eva Gonzalès - Morning Awakening



Aber sie lacht –


Jung ist sie und furchtbar verdorben,
Besser wär’s ihr, sie wäre gestorben,
Aber sie lacht und lebt –
Lacht über Sünde, lacht über Tugend,
Ist so selig in ihrer Jugend
Als wär' sie schuldlos und rein!

Wenn ich sie sehe, muss ich mich fragen,
Wie wird sie einmal das Alter ertragen,
Reue und Armut, Krankheit und Not?
Besser wär's ihr, sie wäre tot!
– Aber sie lacht und lebt;

Lebt und lacht über alles Verderben,
Denkt nicht an Reue, denkt nicht an Sterben,
Ist noch so jung und schön!
Und ich glaube, für all meine Tugend
Tauschte sie nie ihre schäumende Jugend! –
Mir scheint es gar, sie fühlt Mitleid für mich –
– – – – – – – – – – –
Wer ist glücklicher – sie oder ich?

Maria Marty - Aber sie lacht –
Aus: Die zehnte Muse, Dichtungen vom Brettl und fürs Brettl, Herausgeber: Maximilian Bern, Otto Eisner Verlag, Berlin,1904



Sonntag, 12. August 2012

Alfred Friedmann - Susanna

Pierre-Auguste Renoir - Seating Girl

Susanna


In jungen Sommerlaubes tiefem Schatten
Ging leisen Silbertons dahin die Quelle.
Dort kühlt Susanna in krystallner Welle
Die Glieder, die in Mittagsglut ermatten!

Da ward erlauscht sie von zwei schädelglatten
Und gichtgeplagten Schleichern, an der Stelle
Wo durch das Astwerk ihrer Glieder Helle
Sich sonnig aufdeckt jenen Nimmersatten.

O Schaun voll Wollust! Es beginnt ein Streit
Voll Schrecken, Zagen und Begehrlichkeit,
Entsetzlich; doch die Ehrbarkeit blieb Sieger.

Es kostete den Kopf die Unterlieger! —
— Mir scheint der Jüdin Ruhm zu hoch im Preise —
Kein halber Mann noch waren beide Greise!

(Nach dem Italienischen von Ulysse Tanganelli)

Aus: Alfred Friedmann, Gedichte, W. Friedrich, Leipzig, 1882


Montag, 2. Juli 2012

Paul Haller - Das seltsame Sterben

Albert Dürer Lucas - Maiglöckchen


Das seltsame Sterben

Laßt aus frohen Jugendtagen
Euch mein liebstes Leid berichten:
Seltsam Sterben eines Freundes,
Das in trauten Nachtgesichten
Jahrelang mit mir gewandert.
Eines Freundes, den ich liebte
Wie mich selber; den ich kannte,
Meine zweite Seele nannte.

Still auf eines Berges Knieen
Lag das Dörflein. Auf zum Haupte
Stieg der Knabe jenes Morgens,
Der sein junges Leben raubte.
Grünten nicht die Frühlingswälder?
Lag der Nebel nicht im Tale?
Glänzte nicht im Sonnenstrahle
Silbern die betaute Welt?
War es nicht ein heilger Morgen?
Abends fand man meinen lieben
Freund zerschmettert unterm Felsen.
Und die Rede ist geblieben
In des Dörfleins stillen Hütten,
Daß er Maienglöcklein suchte
Und am Felsen ausgeglitten.
—  —  —  —  —  —  —  —  —
Besser weiß ich’s, weil er selber
Oftmals mir’s im Traum gewiesen.
Und ich wußt es ohne Träume,
Weil’s mein Freund war, den ich kannte,
Meine zweite Seele nannte.
Keiner sah ihn je auf Bergen
Tollkühn klettern, lustig wagen.
Und an jenem klaren Morgen
Nicht nach Blumen stieg er einsam;
Nur die Sonne wollt er sehen,
Eh sie auf den Berg gestiegen!
Ja, dem Licht entgegenfliegen,
Daß er früher als die Berge
Aus den goldnen Bechern trinke,
Glühend an der höchsten Göttin
Lichtumwob’ne Knie sinke!
Denn so war er, so ein Träumer,
Der auf Wolken weltumreiste,
Der auf blauen Himmelswiesen
Blumen pflückte, Sterne küßte,
Nach dem Licht mit Händen griff!
Und das Träumen, das er büßte,
War die einz’ge große Freude
Die das Leben ihm beschieden
Neben seinem großen Leide.

Fragt ihr, wie es denn gekommen? —
Heimlich dämmerten die Tale.
An den Bäumen festgeklammert
Stand er droben, als die Sterne
Blaßten unterm hellern Strahle.
Leuchtend malte sich der Osten.
Herrlich wuchsen goldne Bäume
Aus der Nacht verträumten Tiefen,
Breiteten die Flimmeräste
Über Lande, die noch schliefen.
Und der Schöpfung kleinste Seele,
Jedes Blatt am tiefsten Strome,
Hob die Hände voll Verlangen,
Himmelsfrüchte zu empfangen.
Aber meines Freundes Seele
Wollte hoch ob allen andern
Durch die klaren Lüfte wandern
Und zuerst die Sonne sehen!
Und das Kind vergaß die Erde,
Löste kühn die schwachen Arme
Von den Bäumen, stand dort oben
Auf des Felsens höchster Kante,
Halb schon in die Luft gehoben. —
Und dann sprang er in den Himmel. — —

Freundlich trugen ihn die Lüfte,
Rauschend grüne Waldesgrüfte
Zogen meinen Freund ans Herz.
Ja, sein Leben und sein Lieben
Und sein seltsam schönes Sterben
Sind mein liebstes Leid geblieben.

Aus: Paul Haller, Gedichte, Herausgegeben von Erwin Haller, Verlag H. R. Sauerländer & Co., Aarau, 1922




Montag, 18. Juni 2012

Pierre de Ronsard - Ronsard's Klage

Wilhelm Morgner - Alter Mann
Ronsard's Klage

An ***

Einst wirst Du alt sein, bleichende Haare haben,
Ein altes Buch wirst lesen Du beim Kamin
Und seufzen nach den leuchtenden Tagen hin,
Als Ronsard sang von Deinen gepries'nen Gaben.

Die Mägde, die sich früh noch am Schlummer laben,
Wird scheu der Schlaf beim Klange des Namens flieh'n,
Sie werden, denkend schönerer Tage, knie'n,
Für Den zu beten, der nun schon längst begraben.

Dann lieg' ich in der Erde, gelöst von Staub,
Im Myrtenschatten, heiliger Ruhe pflegend,
Du bist dann kindlos, einsam und blind, und taub.

Das aber wirst im Geist Du hören . . . sehn  . . .
»Ein Jünglingsbild, die Hände auf's Haupt Dir legend,
»Ein Lied, verschmäht, das nie wird die Zeit verwehn!

Aus: Alfred Friedmann, Gedichte, W. Friedrich, Leipzig, 1882


Dienstag, 1. Mai 2012

Hedwig Vogel - Der Hexe letztes Lied

Jacob Truchsess von der Scheer zu Waldsee liess am 10. Juni 1587 21 Hexen,
am 11. Juni 9 und tags darauf nochmals 8 Hexen in "einem Brand" hinrichten. Aus
der Wickiana (Sammlung des Johann Jakob Wick, Zentralbibliothek Zürich)


Der Hexe letztes Lied!


Gehetzt und gejagt, den Körper zerschunden
Gemartert, gequält — nun ist es vorbei,
Und ehʼ Du mich an den Schandpfahl gebunden
Mitschuldʼger Henker — die Hexe ist frei!


Du — der sich so manchen Rausch getrunken
An meiner Brust und den Lippen so heiß,
Zum Henkersknecht bist Du herabgesunken
Dir wäscht mein Blut das Gewissen nicht weiß!


Du meinst, ich werde mich bändigen lassen
Zur frömmelnden Tugend, der Heuchler Spott?
Die »Hexe« schleifst Du durch kothige Gassen
Mitschuldʼger Henker, dahin zum Schaffot?


Du — der mir Liebe so oftmals geschworen,
Du hast mich verraten, wohlan — es sei —
Und dennoch hast Du das Spiel verloren
Ein Sprung inʼs Nirvana — — die Hexe ist frei!


Aus: Eva-Lieder von Hedwig Vogel, Wilhelm Ißleib, Berlin, Für Amerika: Max A. Silz, Cleveland, 1898



Montag, 30. April 2012

Hedwig Vogel - Hexenlieder - Warum ich Hexe ward

Lovis Corinth - The witches



Hexenlieder!

Warum ich Hexe ward!

Weil sie gar so schön,
All die Maienpracht,
Weil auf Flur und Höhn
Die Walpurgisnacht!

Weil sein Augʼ gebrannt,
Als er mein begehrt,
Weil ich kühner Hand
Nichts, Ihr, Herrn, gewehrt!

Weil der Kukuk rief
Und die Drossel sang,
Weil die Sonne schlief,
Als er mich umschlang!

Weil mein Hochzeitskleid
Nur ein Blütentraum,
Weil das Brautgeschmeid,
Nur der Wellenschaum!

Weilʼs der Dompfaff war,
Der uns copuliert,
Weil mein rotes Haar
Keine Myrthe ziert!

Weil so sehnsuchtsvoll,
Ihn mein Lied gegrüßt,
Weil er wild und toll
Immer mich geküßt!

Weil sich doch gepaart
In ihm Lug und Trug:
Wie ich Hexe ward,
Wißt ihr. ― Nun genug!

Aus: Eva-Lieder von Hedwig Vogel, Wilhelm Ißleib, Berlin, Für Amerika: Max A. Silz, Cleveland, 1898




Sonntag, 22. April 2012

Elisabeth Janstein - In einer Gewitternacht

Darío de Regoyos y Valdés - Almeria bei Nacht



IN EINER GEWITTERNACHT

Gewitterhimmel — auf dem Firmament
Ziehn Löwen, die sich laut und knurrend jagen.
O Sehnsucht, die in steilen Flammen brennt,
Wie soll ich diese Glut zu Ende tragen?

Aus jedem Stein, aus Strauch und Blume quillt
Dein Angesicht — will ich das Auge schließen,
So trägt ein Purpurmeer das gleiche Bild
An mir vorbei, vertausendfacht im Fließen.

Dein Wille griff — der Bogen war gespannt,
Daß sich das Holz verbog, die Sehne klagte —
Und immer noch bog frevelnd deine Hand
Im Spiel, was keine sonst im Kampfe wagte —

Bis sich der Pfeil mit einem Mal besann
Und abstieß mit des Vogelflügels Schwirren.
Und eines Wunden Klage hörte man
Aus weiter Ferne durch die Kronen irren.

So leuchte, Blitz, o knattere nieder, Sturm!
Das Segel ist geschwellt zu wilden Fahrten.
Die Seele, stumm und einsam wie ein Turm,
Dem sich im Graun der Nächte Wunder offenbarten,

Hält ihre Ewigkeit zu Mond und Stern.
Von Wolken eingehüllt, gewiegt von Winden,
Wird ihr Erlittenes seltsam sanft und fern,
Wie gütige Greise uns das Alter künden.

Du Schmerzensbild, umweintes Traumgesicht,
Das mich durch Durst und fahle Wüsten hetzte,
Ich bin es noch — und bin es wieder nicht,
Der sich in Gram und Fieberwind zerfetzte.

Noch brennt der Feuerküsse Bacchanal
Auf meinen Lippen, wund von solchen Küssen —
Und doch fließt alles Leid und alle Qual
Wie Frühlingsschnee vorbei auf dunklen Flüssen.

Aus: Elisabeth Janstein, Die Landung, Drei Masken Verlag, München 1921




Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten. Ein holdes Räthsel soll ich lösen, Und schon ist mir die Deutung klar, Ich weiß...