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Es werden Posts vom 2012 angezeigt.

Rudolf Hammon - Quellwasser und Abwasser

Quellwasser und Abwasser.
Wie sprudelt sie so frei und stolz
Im lichten, blanken Kleid: die Quelle;
Wer ihr begegnet, freut sich der Begegnung!

Im engen zementierten Graben
Schleicht lautlos hin ein dunkles Wasser;
Es schillert just in allen Farben,
Das macht der Schmutz, den man
Hineingeführt in dies Gewässer.

In einen, Flusse münden sie zusammen,
Die Quelle und der Schmutzkanal.
— Wie sich im Leben oftmals Gegensätze treffen!
Vergebens sucht die Quelle, sich zu sondern
Von jenem düsteren Gewässer;
Will seitwärts fließen, hochgeschürzt.
Das saubʼre Kleid nicht beschmutzen,
Und vor Entrüstung fließen ihre Tränen,
Die Worte fehlen ihr ob solchem Schimpf,
Gibtʼs denn für ihresgleichen keine andre Stätte?
Tief senkt das Haupt das andere Gewässer.
Und sucht den Schmutz zurückzuhalten.

Da spricht der Fluß, der beide aufgenommen:
»Du Quelle, stammst aus edler Erde.
Dein Lauf hat dich geführt nur Wege.
Sie aber haben Menschen so geleitet,
Den Schmutz von ihnen aufzunehmen.
Hat sie nicht so auch reich genutzt?
Du gabst…

Johann Georg Fischer - Vorüber

Vorüber.
Anfang des Maien, bis die Rosen kamen.
Da gab des Himmels Glück mir sein Geleit,
Da hatten alle Dinge Deinen Namen
Und eine Stunde war die Ewigkeit. —

Ich geh' denselben Weg, dieselbe Matte,
Sie sind's noch immer, sind es doch nicht mehr —
Was damals Flügel, Ton und Seele hatte,
Liegt regungslos und tönelos umher.

In seine seichte Breite muß es nieder.
Was oben mit des Stromes Flut begann;
Ach, daß man nicht auf Ewigkeiten wieder
Als wie zum erstenmal empfinden kann!

Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 3. Band (1869)



Marie Luise Weissmann - Tote Liebe

TOTE LIEBE
Was mir erwarb
Ihr süßes Licht
Was ihr verdarb
Mein Angesicht
Warum sie starb
Ich weiß es nicht.

Die Märchenbraut
Lag so im Tod
Dem Blick vertraut;
Der Wange Rot
Wer es geschaut
Fiel neu in Not.

Als hübe sie
Die er gewann
Die wie der Früh-
Tau ihm zerrann
Als hübe sie
Zu sprechen an:

Was dich mir warb
Damals im Licht
Was mich verdarb
Für dein Gesicht
Warum ich starb
Ich weiß es nicht.

Wir wissen beid
Nicht wies geschah
Wir sind im Leid
Uns nun ganz nah
An deine Seit
Sehnt ich mich ja.

Reiche mir Lieber
Noch deine Hand.
Ist sie im Fieber
Wie ich sie fand
Als sie hinüber
Gab mir den Brand?

Aus: Marie Luise Weissmann, gesammelte Dichtungen, Heinrich F. S. Bachmair, Pasing, 1932




Richard von Hartwig - Warum?

Warum?
Du wunderst Dich, warum so trüb mein Blick,
Warum so selten meine Lippe lacht?
Meinst, daß das karg zwar zugemess'ne Glück
Uns doch das Leben wünschenswerth noch macht?
Verliert das Meer denn seinen Salzgeschmack
Weil dahinein sich alle Flüss' ergießen?
Wie kann des Lebens Schmerz ein sonn'ger Tag
Ein Augenblick entschwund'nen Glück's versüßen?


Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1884, 2. Band

Hermance Potier - Palingenesie

Palingenesie.
Abend ist es und ich suche
Spuren ferner Seligkeit,
Und ich finde hier im Buche
Noch ein Denkmal schön'rer Zeit.
Bist allein zurückgeblieben,
Veilchen, aus der Schwestern Zahl;
Auf der Stirne steht geschrieben
Dir ein leuchtend Feuermal.
Nur mein Auge kann es sehen,
Und es zieht wie Liebeslust
Und es haucht wie Frühlingswehen
Durch die müde, kranke Brust.
Kleines Veilchen, was erweckst Du
Diesen Sturm, der längst geruht?
Kleine Veilchen, was bedeckst Du
Doch für peinlich stille Glut!
Tausend sanft verrauschte Küsse,
Tausend Seufzer rufst Du wach,
Und ich hör' die fernen Grüße —
Manches heiße —  bange »Ach«.
Deines Lenzes Poesie,
Süße Blume und Du feierst
Deine Palingenesie!

Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1. Band (1885), S. 654

Lena Bonte-Dotti - Wurzelstark

Wurzelstark.
Du sollst nicht immer fragen Nach dem »warum«, »woher«, Nach dem, was kommen könnte, Wenn dies und das nicht wärʼ! Du quälst Dich und die Deinen, Und meinst es doch so gut. Ja, fast will es mir scheinen: Dir fehlt zum Glückder Mut.
Schau drum in meinenGarten, Wie das da flammt und glüht, Wie in dem Lehm, dem harten, Dort eine Blume blüht. Du kennst sie nicht, denn selten Ist ihrer Farben Pracht Und ihrer Blüte Duften, Wer hat sie mir gebracht? Ich weiß es nicht, ich fragʼ nicht; Ich freu mich ihres Seins, Wie ich des Sturms mich freue, Des warmen Sonnenscheins. — Du meinst der Sturmwind bräche Mir meine Blume ab? Laß ihn; wenn er sie knickte, Fand sie ein frühes Grab. Du fragst, ob ich dann traure, Ob Angst mein Herz befällt, Daß es so kommen könnte? Freund, arm ist Deine Welt!
Wenn jetzt der Sturmwind sauste Und brächʼ die Blüte hier, Wenn alles wanktʼ und brauste, Mein Freund, dann sagt ich mir: Der Sturmwind kann nur brechen, Was morsch und wurzelkrank, Was langsam oder schneller Doch in die Tiefe sank. D…

Agnes Miegel - Mädchenlied

Mädchenlied
Nun ist vorüber die ruhige Zeit, Meine junge Seele nach deiner schreit, Ich gehe des Tags so müde einher, Meine nächtigen Träume sind heiß und schwer. Ich küss' dich im Traume so viel als ich mag, — Drum sind meine Lippen so blaß am Tag.
Sie sagten zu mir: »Der Tag ist so heiß, so grün die Flur, Deine liebsten Blumen, wir brachten sie dir, Und du küßtest uns nicht einmal dafür, Du hast vor dich hin ins Leere geschaut — Und trägst keinen Ring und bist doch nicht Braut?«
Und sie zogen mich fort zu Tanz und Spiel, Sie sangen so laut und lachten so viel, Und der Abend über die Felder zog, Ein irrender Stern am Himmel flog. Und sie sprachen von Liebe, leise und lang, — Nur ich ging schweigend die Felder entlang.
Aus: Agnes Miegel, Gedichte, J.G. Cotta Nachf.,  Stuttgart, 1921.
Abb.: Egon Schiele -Sitzendes Mädchen

Max Hermanny - Wie's so geht

Wie's so geht
Wie es kam, so fragst du immer.
Wie es kam? — Ach, wüßt' ich, wie!
Einsam waren wir im Zimmer —
Einsam — ich vergeß es nie.

Wie es kam? Auf meinem Munde
Fühlt' ich deines Kusses Glut —
Eine kleine, stille Stunde —
Was nicht eine Stunde tut!

Inbegriff der Seligkeiten,
Tief geheimnisvolles Glück,
Eine Stunde kann's bereiten,
Eine Stunde nimmt's zurück.

Aus: Max Herrmann-Neisse, Georg Müller Verlag, München, 1906



Johann Wolfgang von Goethe - An den Schlaf

An den Schlaf.
Der du mit deinem Mohne Selbst Gotteraugen zwingst, Und Bettler oft zum Throne Zum Mädgen Schäfer bringst,
Vernimm; Kein Traumgespinste Verlang’ ich heut von dir, Den grösten deiner Dienste Geliebter, leiste mir.
An meines Mädgens Seite Sizz’ ich, ihr Aug’ spricht Lust, Und unter neid’scher Seite Steigt fühlbar ihre Brust,
Oft hatte meinen Küssen Sie Amor zugebracht, Dieß Glück muß ich vermissen, Die strenge Mutter wacht.
Am Abend trifst du wieder Mich dort, o tritt herein, Sprüh’ Mohn von dem Gefieder, Da schlaf die Mutter ein:
Bey blassem Lichterscheinen, Von Lieb’ Annette warm, Sink’, wie Mama in deinen, In meinen gier’gen Arm.
Johann Wolfgang von Goethe, An den Schlaf aus: Annette, Leipzig 1767

Maria Marty - Aber sie lacht

Aber sie lacht –

Jung ist sie und furchtbar verdorben, Besser wär’s ihr, sie wäre gestorben, Aber sie lacht und lebt – Lacht über Sünde, lacht über Tugend, Ist so selig in ihrer Jugend Als wär' sie schuldlos und rein!
Wenn ich sie sehe, muss ich mich fragen, Wie wird sie einmal das Alter ertragen, Reue und Armut, Krankheit und Not? Besser wär's ihr, sie wäre tot! – Aber sie lacht und lebt;
Lebt und lacht über alles Verderben, Denkt nicht an Reue, denkt nicht an Sterben, Ist noch so jung und schön! Und ich glaube, für all meine Tugend Tauschte sie nie ihre schäumende Jugend! – Mir scheint es gar, sie fühlt Mitleid für mich – – – – – – – – – – – – Wer ist glücklicher – sie oder ich?
Maria Marty - Aber sie lacht –
Aus: Die zehnte Muse, Dichtungen vom Brettl und fürs Brettl, Herausgeber: Maximilian Bern, Otto Eisner Verlag, Berlin,1904



Alfred Friedmann - Susanna

Susanna

In jungen Sommerlaubes tiefem Schatten Ging leisen Silbertons dahin die Quelle. Dort kühlt Susanna in krystallner Welle Die Glieder, die in Mittagsglut ermatten!
Da ward erlauscht sie von zwei schädelglatten Und gichtgeplagten Schleichern, an der Stelle Wo durch das Astwerk ihrer Glieder Helle Sich sonnig aufdeckt jenen Nimmersatten.
O Schaun voll Wollust! Es beginnt ein Streit Voll Schrecken, Zagen und Begehrlichkeit, Entsetzlich; doch die Ehrbarkeit blieb Sieger.
Es kostete den Kopf die Unterlieger! — — Mir scheint der Jüdin Ruhm zu hoch im Preise — Kein halber Mann noch waren beide Greise!
(Nach dem Italienischen von Ulysse Tanganelli)
Aus: Alfred Friedmann, Gedichte, W. Friedrich, Leipzig, 1882

Paul Haller - Das seltsame Sterben

Das seltsame Sterben
Laßt aus frohen Jugendtagen Euch mein liebstes Leid berichten: Seltsam Sterben eines Freundes, Das in trauten Nachtgesichten Jahrelang mit mir gewandert. Eines Freundes, den ich liebte Wie mich selber; den ich kannte, Meine zweite Seele nannte.
Still auf eines Berges Knieen Lag das Dörflein. Auf zum Haupte Stieg der Knabe jenes Morgens, Der sein junges Leben raubte. Grünten nicht die Frühlingswälder? Lag der Nebel nicht im Tale? Glänzte nicht im Sonnenstrahle Silbern die betaute Welt? War es nicht ein heilger Morgen? Abends fand man meinen lieben Freund zerschmettert unterm Felsen. Und die Rede ist geblieben In des Dörfleins stillen Hütten, Daß er Maienglöcklein suchte Und am Felsen ausgeglitten. —  —  —  —  —  —  —  —  — Besser weiß ich’s, weil er selber Oftmals mir’s im Traum gewiesen. Und ich wußt es ohne Träume, Weil’s mein Freund war, den ich kannte, Meine zweite Seele nannte. Keiner sah ihn je auf Bergen Tollkühn klettern, lustig wagen. Und an jenem klaren Morgen Nicht nach Blumen stieg er …

Pierre de Ronsard - Ronsard's Klage

Ronsard's Klage
An ***
Einst wirst Du alt sein, bleichende Haare haben,
Ein altes Buch wirst lesen Du beim Kamin
Und seufzen nach den leuchtenden Tagen hin,
Als Ronsard sang von Deinen gepries'nen Gaben.

Die Mägde, die sich früh noch am Schlummer laben,
Wird scheu der Schlaf beim Klange des Namens flieh'n,
Sie werden, denkend schönerer Tage, knie'n,
Für Den zu beten, der nun schon längst begraben.

Dann lieg' ich in der Erde, gelöst von Staub,
Im Myrtenschatten, heiliger Ruhe pflegend,
Du bist dann kindlos, einsam und blind, und taub.

Das aber wirst im Geist Du hören . . . sehn  . . .
»Ein Jünglingsbild, die Hände auf's Haupt Dir legend,
»Ein Lied, verschmäht, das nie wird die Zeit verwehn!

Aus: Alfred Friedmann, Gedichte, W. Friedrich, Leipzig, 1882


Hedwig Vogel - Der Hexe letztes Lied

Der Hexe letztes Lied!

Gehetzt und gejagt, den Körper zerschunden
Gemartert, gequält — nun ist es vorbei,
Und ehʼ Du mich an den Schandpfahl gebunden
Mitschuldʼger Henker — die Hexe ist frei!


Du — der sich so manchen Rausch getrunken
An meiner Brust und den Lippen so heiß,
Zum Henkersknecht bist Du herabgesunken
Dir wäscht mein Blut das Gewissen nicht weiß!


Du meinst, ich werde mich bändigen lassen
Zur frömmelnden Tugend, der Heuchler Spott?
Die »Hexe« schleifst Du durch kothige Gassen
Mitschuldʼger Henker, dahin zum Schaffot?


Du — der mir Liebe so oftmals geschworen,
Du hast mich verraten, wohlan — es sei —
Und dennoch hast Du das Spiel verloren
Ein Sprung inʼs Nirvana — — die Hexe ist frei!


Aus: Eva-Lieder von Hedwig Vogel, Wilhelm Ißleib, Berlin, Für Amerika: Max A. Silz, Cleveland, 1898



Hedwig Vogel - Hexenlieder - Warum ich Hexe ward

Hexenlieder!
Warum ich Hexe ward!
Weil sie gar so schön, All die Maienpracht, Weil auf Flur und Höhn Die Walpurgisnacht!
Weil sein Augʼ gebrannt, Als er mein begehrt, Weil ich kühner Hand Nichts, Ihr, Herrn, gewehrt!
Weil der Kukuk rief Und die Drossel sang, Weil die Sonne schlief, Als er mich umschlang!
Weil mein Hochzeitskleid Nur ein Blütentraum, Weil das Brautgeschmeid, Nur der Wellenschaum!
Weilʼs der Dompfaff war, Der uns copuliert, Weil mein rotes Haar Keine Myrthe ziert!
Weil so sehnsuchtsvoll, Ihn mein Lied gegrüßt, Weil er wild und toll Immer mich geküßt!
Weil sich doch gepaart In ihm Lug und Trug: Wie ich Hexe ward, Wißt ihr. ― Nun genug!
Aus: Eva-Lieder von Hedwig Vogel, Wilhelm Ißleib, Berlin, Für Amerika: Max A. Silz, Cleveland, 1898



Elisabeth Janstein - In einer Gewitternacht

IN EINER GEWITTERNACHT
Gewitterhimmel — auf dem Firmament Ziehn Löwen, die sich laut und knurrend jagen. O Sehnsucht, die in steilen Flammen brennt, Wie soll ich diese Glut zu Ende tragen?
Aus jedem Stein, aus Strauch und Blume quillt Dein Angesicht — will ich das Auge schließen, So trägt ein Purpurmeer das gleiche Bild An mir vorbei, vertausendfacht im Fließen.
Dein Wille griff — der Bogen war gespannt, Daß sich das Holz verbog, die Sehne klagte — Und immer noch bog frevelnd deine Hand Im Spiel, was keine sonst im Kampfe wagte —
Bis sich der Pfeil mit einem Mal besann Und abstieß mit des Vogelflügels Schwirren. Und eines Wunden Klage hörte man Aus weiter Ferne durch die Kronen irren.
So leuchte, Blitz, o knattere nieder, Sturm! Das Segel ist geschwellt zu wilden Fahrten. Die Seele, stumm und einsam wie ein Turm, Dem sich im Graun der Nächte Wunder offenbarten,
Hält ihre Ewigkeit zu Mond und Stern. Von Wolken eingehüllt, gewiegt von Winden, Wird ihr Erlittenes seltsam sanft und fern, Wie gütige Greise uns da…