Direkt zum Hauptbereich

Posts

Es werden Posts vom Januar, 2012 angezeigt.

Gustav Hohbach - Der Geiselstein

Der Geiselstein. *)
Eine Volkssage.
Was schauet vom Felsen ins Thal herein?
Es ist der Graf von Geiselstein.
Er schaut so wehmuthsvoll mich an,
Was hat man dem armen Grafen gethan?
Es ist um das heilige Osterfest,
Als fröhlich der Graf sein Schloß verläßt:
Er reitet auf die Jagd hinaus,
Die Knaben bleiben allein zu Haus.
Sie sahen wohl lange dem Vater nach?
Als Hugo zu seinem Bruder sprach:
»Sieh, Albert, es scheinet die Sonne so schön,
»Komm, laß uns hinab an den Burgsee geh’n.«
»»Nein, Hugo! sieh, wie die Wolken nah’n!
»»Es zieht ein schweres Gewitter heran.««
»Der Vater ist fern im dunkeln Wald,
»Und die schwarzen Wolken verziehen sich bald.
»Der ruhige See, er ladet uns ein;
»Komm, Albert, und laß das Sorgen seyn!« —
»»0 sieh, wie die Woge den Fels bespritzt!
»»Sieh, wie es da hinten so schaurig blitzt!«« —
»So geh’ ich allein zum See hinab,
»Und fänd’ ich im Wasser mein frühes Grab.« —
»»Nein, Hugo, zusammen gehen wir,
»»Und solltest du sterben, so sterb’ ich mit dir!««
E…

Georgine Wrba - Des Weibes Fluch — oder — Der Sieg des Glaubens

Des Weibes Fluch — oder — Der Sieg des Glaubens.
Einst lebte ein Mann im Ungarland Als Meister Szomory wohlbekannt. Er wohnte in einem schönen Palast Und lebte dem Glück ohn’ Ruh und Rast. Das könnt’ er ohne Müh’ erringen Mit ganz geheimnisvollen Dingen. Dem Teufel — so sagten sich alle Leut’ — Sei er verschrieben in Ewigkeit . . . Und was er sich wünschte und was er begehrt’, Ward gleich ihm vom bösen Geist beschert, Er schwelgte in Reichtum und hielt viel Gesind; Mit Satans Hilfe gebot er dem Wind Und machte, wo immer er war bekannt, Der frommen Ehre zu Spott und Schand. Doch von den herrlichsten Genüssen Glaubt’ er einen noch zu missen. Er rief, kraft seiner dunklen Macht, Sich den Satan her bei Nacht, Tat kund ihm eine neue Bitte In seiner altgewohnten Sitte. »Hör mich,« sprach er zu dem Geist, »Was heute mich dich rufen heißt! Du hast mir im Leben schon viel gegeben.

Georgine Wrba - Großstadtelend

Großstadtelend.
Rauschend wogt im Sonntagsstaat die Menge. Fast scheint den Vielen der Raum zu enge, Die da wandeln mit froher Geberde, Denen das Schicksal noch Lust bescherte. Da rauscht’s vorbei in weicher Seide, Da funkeln und glitzern die Geschmeide, Als sei die Welt allein voll eit’ler Lust. Seid ihr Menschen des Leid’s euch nicht bewußt, Das noch lebt neben all eurer Pracht? Umhüllt nicht so manchen des Unglücks Nacht? — Sie achten’s nicht, die Ritter der Freude, Da ihnen ’s Leben nicht Dornen streute. Auf und nieder strömen die Gestalten, Düfte wehen aus den bunten Falten Und edles ringsum ist Frohsinn und Glanz, Es strahlet keck der Reichen Eleganz. Sie dröhnen der Freude wie sie’s gewohnt Und sehen nicht, daß unweit Armut wohnt. Da kauert an rauhem und kaltem Stein Ein armer Mann mit verkrümmtem Gebein. Halb nur beschuht ist sein zitternder Fuß, Doch sein Gesicht ist noch frei von Verdruß. Und doch ist noch schwerer er geschlagen, Muß einen Höcker am Rücken tra