Gustav Hohbach - Der Geiselstein

Photo: Klaus Graf (Lizenz siehe unten)


Der Geiselstein. *)
Eine Volkssage.

Was schauet vom Felsen ins Thal herein?
Es ist der Graf von Geiselstein.
Er schaut so wehmuthsvoll mich an,
Was hat man dem armen Grafen gethan?

Es ist um das heilige Osterfest,
Als fröhlich der Graf sein Schloß verläßt:
Er reitet auf die Jagd hinaus,
Die Knaben bleiben allein zu Haus.

Sie sahen wohl lange dem Vater nach?
Als Hugo zu seinem Bruder sprach:
»Sieh, Albert, es scheinet die Sonne so schön,
»Komm, laß uns hinab an den Burgsee geh’n.«

»»Nein, Hugo! sieh, wie die Wolken nah’n!
»»Es zieht ein schweres Gewitter heran.««
»Der Vater ist fern im dunkeln Wald,
»Und die schwarzen Wolken verziehen sich bald.

»Der ruhige See, er ladet uns ein;
»Komm, Albert, und laß das Sorgen seyn!« —
»»0 sieh, wie die Woge den Fels bespritzt!
»»Sieh, wie es da hinten so schaurig blitzt!«« —

»So geh’ ich allein zum See hinab,
»Und fänd’ ich im Wasser mein frühes Grab.« —
»»Nein, Hugo, zusammen gehen wir,
»»Und solltest du sterben, so sterb’ ich mit dir!««

Es hat der Vater nicht Ruhe, nicht Rast,
Er durchjaget den Wald in ängstlicher Hast;
Bald stößt er ins Horn, es ist ihm so bang;
Es dünket die Zeit ihm unendlich lang.

Er eilet nach Haus, er stürzt in den Saal,
Er suchet die Knaben wohl überall.
»Wo seyd ihr, o Himmel, wo seyd ihr?« — Es bricht
Des Vaters Herz, denn er findet sie nicht.

Da sieht er hinaus mit sehnendem Blick,
Erblicket die Knaben und bebet zurück,
Denn sie suchen umsonst auf schwankendem Kahn
Im Sturmesgeheule dem Ufer zu nah’n.

Es hallet der Donner, die Woge braust,
Die Blitze zucken, der Sturmwind saust;
Da beten die Knaben zu Jesu hinauf:
»Nimm gnädiglich unsere Seelen auf!«

Und wie sie so beten, der Donner schweigt,
Und im Nachen ein holdes Knäblein sich zeigt.
Es spricht umgeben von Himmelsschein:
»Geht nun in das Reich des Vaters mit ein!«

Da schauen die Knaben zum Schloß hinan:
»Lieb Vater, leb wohl!« — Da sinket der Kahn,
Da erkaltet des liebenden Vaters Herz,
Er erstarret zu Stein vor unendlichen Schmerz.

Die Burg ist zerfallen, der See ist nicht mehr,
Doch blickt noch heute schauerlich hehr
Ins Thal herab das Haupt von Stein
Des armen Grafen vom Geiselstein.
  
*) Bey Geislingen, einer romantischen Gegend aus dem Wege von» Stuttgart nach Ulm.


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Bernhard Heinrich Gustav Hohbach (* 28. September 1803 in Gunzenhausen; † 29. Mai 1850 möglicherweise in Ellwangen) war ein deutscher Dichter und Jurist.



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