Montag, 30. April 2012

Hedwig Vogel - Hexenlieder - Warum ich Hexe ward

Lovis Corinth - The witches



Hexenlieder!

Warum ich Hexe ward!

Weil sie gar so schön,
All die Maienpracht,
Weil auf Flur und Höhn
Die Walpurgisnacht!

Weil sein Augʼ gebrannt,
Als er mein begehrt,
Weil ich kühner Hand
Nichts, Ihr, Herrn, gewehrt!

Weil der Kukuk rief
Und die Drossel sang,
Weil die Sonne schlief,
Als er mich umschlang!

Weil mein Hochzeitskleid
Nur ein Blütentraum,
Weil das Brautgeschmeid,
Nur der Wellenschaum!

Weilʼs der Dompfaff war,
Der uns copuliert,
Weil mein rotes Haar
Keine Myrthe ziert!

Weil so sehnsuchtsvoll,
Ihn mein Lied gegrüßt,
Weil er wild und toll
Immer mich geküßt!

Weil sich doch gepaart
In ihm Lug und Trug:
Wie ich Hexe ward,
Wißt ihr. ― Nun genug!

Aus: Eva-Lieder von Hedwig Vogel, Wilhelm Ißleib, Berlin, Für Amerika: Max A. Silz, Cleveland, 1898




Sonntag, 22. April 2012

Elisabeth Janstein - In einer Gewitternacht

Darío de Regoyos y Valdés - Almeria bei Nacht



IN EINER GEWITTERNACHT

Gewitterhimmel — auf dem Firmament
Ziehn Löwen, die sich laut und knurrend jagen.
O Sehnsucht, die in steilen Flammen brennt,
Wie soll ich diese Glut zu Ende tragen?

Aus jedem Stein, aus Strauch und Blume quillt
Dein Angesicht — will ich das Auge schließen,
So trägt ein Purpurmeer das gleiche Bild
An mir vorbei, vertausendfacht im Fließen.

Dein Wille griff — der Bogen war gespannt,
Daß sich das Holz verbog, die Sehne klagte —
Und immer noch bog frevelnd deine Hand
Im Spiel, was keine sonst im Kampfe wagte —

Bis sich der Pfeil mit einem Mal besann
Und abstieß mit des Vogelflügels Schwirren.
Und eines Wunden Klage hörte man
Aus weiter Ferne durch die Kronen irren.

So leuchte, Blitz, o knattere nieder, Sturm!
Das Segel ist geschwellt zu wilden Fahrten.
Die Seele, stumm und einsam wie ein Turm,
Dem sich im Graun der Nächte Wunder offenbarten,

Hält ihre Ewigkeit zu Mond und Stern.
Von Wolken eingehüllt, gewiegt von Winden,
Wird ihr Erlittenes seltsam sanft und fern,
Wie gütige Greise uns das Alter künden.

Du Schmerzensbild, umweintes Traumgesicht,
Das mich durch Durst und fahle Wüsten hetzte,
Ich bin es noch — und bin es wieder nicht,
Der sich in Gram und Fieberwind zerfetzte.

Noch brennt der Feuerküsse Bacchanal
Auf meinen Lippen, wund von solchen Küssen —
Und doch fließt alles Leid und alle Qual
Wie Frühlingsschnee vorbei auf dunklen Flüssen.

Aus: Elisabeth Janstein, Die Landung, Drei Masken Verlag, München 1921




Montag, 16. April 2012

Theobald Tiger - Sexuelle Aufklärung

Postkarte Mata Hari



Sexuelle Aufklärung

Tritt ein, mein Sohn, in dieses Varieté!
Die heiligen Hallen füllt ein lieblich Odium
von Rauchtabak, Parfums und Eßbüfett.
Die blonde Emmy tänzelt auf das Podium,
der erste und der einzige Geiger schmiert »Kollodium«
auf seine Fiedel für das hohe C . . .
So blieb es. und so ists seit dreißig Jahren ―
drum ist dein alter Vater mit dir hergefahren.

Sieh jenes Mädchen! Erster Jugendblüte
leichtrosa Schimmer ziert das reizende Gesicht.
So war sie schon, als ich mich noch um sie bemühte,
und wahrlich: ich blamiert mich nicht!
Siehst du sie jetzt. wie sie voll Scham erglühte?
Was flüstert sie? »Det die de Motten kriecht . . .!«
Wie klingt mir dieser Wahlspruch doch vertraut
aus jener Zeit, da ich den Referendar gebaut!

Sei mir gegrüßt, du meine Tugendlilie.
du altes Flitterkleid. du Tamburin!
Nimm du sie hin, mein Sohn ― es bleibt in der Familie ―
und lern bei ihr: es gibt nur ein Berlin!
Nun aber spitz die Ohren, denn gleich singt Ottilie
ihr Lieblingslied vom kleinen Zeppeliihn . . .
Kriegst du sie nicht, soll dich der Teufel holen!
Verhalt dich brav ― und damit Gott befohlen!

Aus: Theobald Tiger, Fromme Gesänge, Felix Lehmann Verlag, Charlottenburg, 1919




Sonntag, 15. April 2012

Robert Garrison - Liebesnacht

Egon Schiele - Umarmung



Liebesnacht

Schon steigt im Ost das graue Morgenlicht.
Nur du und ich, wir schreiten traumversunken!
An meinen Körper schmiegt dein Leib sich dicht
Und deine Augen starren sehnsuchtstrunken.

Ja, schmiegʼ dich fest . . . noch ist die Nacht nicht aus,
Die Erde träumt, kein Mensch kann uns belauschen!
So tretʼ ich mit dir in das dunkle Haus
Und höre nur dein Atmen und dein Rauschen.

Du wilde Nacht! Du wildes, süßes Weib!
Ein Wonneschauer ging durch meine Glieder —
Dann sank ich stumm vor dem entblößten Leib,
Dem zitternden, im trunknen Taumel nieder.

Im Osten hoch die Morgensonne stand. . . .
Du schmiegtest dich an mich als wie mein eigen.
Was unsʼre durstʼgen Seelen fest verband,
Verriet der wunden Lippen süßes Schweigen.

Aus: Robert Garrison, Nachtfalter, Modernes Verlagsbureau, Curt Wigand, Berlin, Leipzig, 1908


Samstag, 7. April 2012

Comtesse de Noailles - Tendresse

Claude Monet - Der Rosenweg in Giverny



TENDRESSE


J'écoute près de toi la musique, et je vois
Ta bouche et ton regard respirer à la fois;
Nous sentons notre vie abonder côte à côte:
Ce que la destinée apporte ou ce qu'elle ôte
Ne peut plus nous toucher; nous sommes accomplis
Comme deux morts anciens dans l'ombre ensevelis
Et qui, rigides, font un infini voyage . . .
Il me suffit de voir scintiller ton visage
Pour déguster la paix du milieu de l'été.
— Désir immaculé, passion innocente:
T'absorber par le cœur, sans que le corps ressente
Aucune humaine volupté!


(Comtesse de Noailles, Les vivants et les morts, Arthème Fayard & Co, Éditeurs, Paris, 1913)



Hedwig Ries - Enttäuschung

Paula Modersohn-Becker - Selbstportrait



Enttäuschung.


»Weh tut mir deine stille Traurigkeit,
mein Weib. Wo blieb dein fröhlich Lachen?
Dein stilles Lächeln, deine milde Güte?«
»Es kam die Zeit, da mich der Lenz nicht freut,
da mir das Lachen fror im kalten Herzen,
das Lächeln starr ward um vergrämte Lippen.«
»Mein Weib, mein Weib, wer tat dir das?«
»Die übergroße Liebe tatʼs, die an Enttäuschung starb.« —


Aus: Hedwig Ries, Am Born des Lebens, Gedichte und Skizzen, Franz Schneider Verlag, Berlin-Schoeneberg und Leipzig, 1919



Freitag, 6. April 2012

Johanna König - Die Wikingstochter

Herbert Dicksee - Vikings daughter



Die Wikingstochter


Willst du mein Buhle sein? Brich mir den Mut,
Aber sing nicht in Liedern; wie schön ich sei!
Zwing mich zu seliger Sklaverei!
Ich bin nur herrischen Helden gut.
Willst du mein Buhle sein? Komm übers Meer,
In einem Boot, einem kleinen Boot!
Schlage mir Vater und Brüder tot
Und trag mich hinab in das harrende Boot,
Und lache bei meiner Gegenwehr!


Aus: Johanna König, Die Windsbraut,  Amalthea-Verlag, Zürich, Leipzig, Wien, 1918





Donnerstag, 5. April 2012

M. Herbert - Eros



Eros.



O, wie stark du bist!
Dich zwingen nicht Stürme zur Erde,
Du kennst nicht Müh' noch Beschwerde,
Steigst immer bergan, bergauf,
Keiner hemmt dir den Lauf!
O, wie stark du bist!


Trittst du in die Versammlung herein,
Meint man, du müßtest ihr König sein,
So frei und so frank
Ist dein Gang.
O, wie stark du bist!


Den Stolz und die Stärke, die lieb' ich an dir.
Trägst sie wie einer Krone Zier,
Wie ein edel, unsichtbar Schwert;
Das Leben hat dich zu streiten gelehrt,
Das Leben gab dir den siegenden Mut,
Kühn ist dein Auge und flammend dein Blut.


Wärst du in alten Zeiten geboren,
Dich hätten die Helden zum Führer erkoren!
Hätten dich auf dem Schilde getragen,
Hättest die Schlachten für sie geschlagen,
Hättest die Feinde gezwungen zur Frone,
Säßest auf goldnem strahlenden Throne.
O, wie stark du bist.


*


Meine Wünsche möcht' ich wie zwei Schwingen,
Liebster, dir an deine Schultern heften,
Daß sie dich im Sturme vorwärts trügen
Durch die Luft mit ihren Wunderkräften,
Daß die Mauern vor dir niederstürzten,
All' die starken Wälle, die uns trennen,
Daß du kämest, wenn vom Rot des Abends
Lichterloh des Westens Wolken brennen,
Daß du trätest in mein stilles Zimmer,
Froh und stark mit unserem Glück beladen,
Wie dereinst des Himmels sel'ge Boten
Zu den Darbenden und Armen traten.


Aus: Frauenlyrik der Gegenwart, eine Anthologie zusammengestellt und herausgegeben von Margarete Huch (M. H. Gareth), Fritz Eckardt Verlg, Leipzig, 1911








Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten. Ein holdes Räthsel soll ich lösen, Und schon ist mir die Deutung klar, Ich weiß...