Direkt zum Hauptbereich

M. Herbert - Eros



Eros.



O, wie stark du bist!
Dich zwingen nicht Stürme zur Erde,
Du kennst nicht Müh' noch Beschwerde,
Steigst immer bergan, bergauf,
Keiner hemmt dir den Lauf!
O, wie stark du bist!


Trittst du in die Versammlung herein,
Meint man, du müßtest ihr König sein,
So frei und so frank
Ist dein Gang.
O, wie stark du bist!


Den Stolz und die Stärke, die lieb' ich an dir.
Trägst sie wie einer Krone Zier,
Wie ein edel, unsichtbar Schwert;
Das Leben hat dich zu streiten gelehrt,
Das Leben gab dir den siegenden Mut,
Kühn ist dein Auge und flammend dein Blut.


Wärst du in alten Zeiten geboren,
Dich hätten die Helden zum Führer erkoren!
Hätten dich auf dem Schilde getragen,
Hättest die Schlachten für sie geschlagen,
Hättest die Feinde gezwungen zur Frone,
Säßest auf goldnem strahlenden Throne.
O, wie stark du bist.


*


Meine Wünsche möcht' ich wie zwei Schwingen,
Liebster, dir an deine Schultern heften,
Daß sie dich im Sturme vorwärts trügen
Durch die Luft mit ihren Wunderkräften,
Daß die Mauern vor dir niederstürzten,
All' die starken Wälle, die uns trennen,
Daß du kämest, wenn vom Rot des Abends
Lichterloh des Westens Wolken brennen,
Daß du trätest in mein stilles Zimmer,
Froh und stark mit unserem Glück beladen,
Wie dereinst des Himmels sel'ge Boten
Zu den Darbenden und Armen traten.


Aus: Frauenlyrik der Gegenwart, eine Anthologie zusammengestellt und herausgegeben von Margarete Huch (M. H. Gareth), Fritz Eckardt Verlg, Leipzig, 1911








Beliebte Posts aus diesem Blog

Albert Möser - An den Tod

An den Tod.
Im Lärm des Tages sind sie starr befangen:
Seht an die Jagd, die stürmisch-ruhelose,
Mild rast der Schwarm, dem Nichts vermag zu wehren;
Ein Jeder ringt, daß er, was nützt, erlose,
Nach ird’schem Wohl steht einzig sein Verlangen,
Ihm jagt er nach mit Sorgen, lastend-schweren;
Genuß! heißt ihr Begehren,
Der winkt und lockt sirenenhaften Klanges
Und bändigt ganz der bebenden Gedanken;
Ihn suchen, die da athmen, all’ und ranken
Um’s irdische Sein sich zäh’ und gier’gen Dranges;
Am Staube seht ihr durst’gen Sinns sie kleben,
Und ihrer Sehnsucht Ziel heißt: Leben! Leben!
Doch dir, o Tod, naht selten nur ihr Fragen,
Sie lieben’s nicht, den Geist dir zuzuwenden,
Und deinen Namen nennt nicht gern die Lippe;
Denn sieh! dein Amt ist, mitleidlos zu enden
Das Sein, das sie entzückt, und drum mit Zagen Malt dich ihr Geist als höhnisches Gerippe;
Mit Stundenglas und Hippe,
Hohläugig, grinsend, wangenlos und beinern,
Also im Sinn lebst du dem Erdensohne,
Und schreckhaft gleich dem Haupte der Gorgone
Schaffst du…

Pierre Louys - Rosen in der Nacht

ROSEN IN DER NACHT


Wenn die Nacht am Himmel aufsteigt,
ist die Welt unser und der Götter.
Von den Feldern gehn wir zur Quelle,
vom dunkeln Wald nach der Lichtung, wo-
hin uns unsre bloßen Füße führen.

Die Sternlein funkeln genugsam für die klei-
nen Schatten, die wir sind. Manchmal fin-
den wir unter den niederhangenden Zweigen
schlafende Hirschkühe.

Doch zauberischer in der Nacht als alles andre
ist ein Ort, von uns allein gekannt, der uns mäch-
tig auf sich zieht durch den Wald: ein Gebüsch
geheimnisvoller Rosen.

Denn nichts ist göttlich auf der Erde, verglichen
mit dem Duft der Rosen in der Nacht. Wie
kam es nur, daß ich damals, als ich allein war,
mich nicht davon berauscht gefühlt.

Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

Ludwig Thoma - Sexuelle Aufklärung

Sexuelle Aufklärung

Der alte Storch wird nun begraben. 
Ihr Kinder lernt im Unterricht, 
Warum wir dies und jenes haben, 
Und es verbreitet sich das Licht. 


Zu meiner Zeit, du große Güte! 
Da herrschte tiefe Geistesnacht. 
Man ahnte manches im Gemüte 
Und hat sich selber was gedacht. 


Mich lehrte dieses kein Professer; 
Nur eine gute, dicke Magd 
Nahm meine Unschuld unters Messer 
Und machte auf dieselbe Jagd. 


Ihr Unterricht war nicht ästethisch, 
Im Gegenteil, sehr weit entfernt. 
Und doch, wenn auch nicht theoretisch, 
Ich hab' es ziemlich gut gelernt. 


aus: Ludwig Thoma, Kirchweih, Simplicissimus-Gedichte, Albert Langen Verlag, München, 1912