Direkt zum Hauptbereich

Paul Haller - Das seltsame Sterben

Albert Dürer Lucas - Maiglöckchen


Das seltsame Sterben

Laßt aus frohen Jugendtagen
Euch mein liebstes Leid berichten:
Seltsam Sterben eines Freundes,
Das in trauten Nachtgesichten
Jahrelang mit mir gewandert.
Eines Freundes, den ich liebte
Wie mich selber; den ich kannte,
Meine zweite Seele nannte.

Still auf eines Berges Knieen
Lag das Dörflein. Auf zum Haupte
Stieg der Knabe jenes Morgens,
Der sein junges Leben raubte.
Grünten nicht die Frühlingswälder?
Lag der Nebel nicht im Tale?
Glänzte nicht im Sonnenstrahle
Silbern die betaute Welt?
War es nicht ein heilger Morgen?
Abends fand man meinen lieben
Freund zerschmettert unterm Felsen.
Und die Rede ist geblieben
In des Dörfleins stillen Hütten,
Daß er Maienglöcklein suchte
Und am Felsen ausgeglitten.
—  —  —  —  —  —  —  —  —
Besser weiß ich’s, weil er selber
Oftmals mir’s im Traum gewiesen.
Und ich wußt es ohne Träume,
Weil’s mein Freund war, den ich kannte,
Meine zweite Seele nannte.
Keiner sah ihn je auf Bergen
Tollkühn klettern, lustig wagen.
Und an jenem klaren Morgen
Nicht nach Blumen stieg er einsam;
Nur die Sonne wollt er sehen,
Eh sie auf den Berg gestiegen!
Ja, dem Licht entgegenfliegen,
Daß er früher als die Berge
Aus den goldnen Bechern trinke,
Glühend an der höchsten Göttin
Lichtumwob’ne Knie sinke!
Denn so war er, so ein Träumer,
Der auf Wolken weltumreiste,
Der auf blauen Himmelswiesen
Blumen pflückte, Sterne küßte,
Nach dem Licht mit Händen griff!
Und das Träumen, das er büßte,
War die einz’ge große Freude
Die das Leben ihm beschieden
Neben seinem großen Leide.

Fragt ihr, wie es denn gekommen? —
Heimlich dämmerten die Tale.
An den Bäumen festgeklammert
Stand er droben, als die Sterne
Blaßten unterm hellern Strahle.
Leuchtend malte sich der Osten.
Herrlich wuchsen goldne Bäume
Aus der Nacht verträumten Tiefen,
Breiteten die Flimmeräste
Über Lande, die noch schliefen.
Und der Schöpfung kleinste Seele,
Jedes Blatt am tiefsten Strome,
Hob die Hände voll Verlangen,
Himmelsfrüchte zu empfangen.
Aber meines Freundes Seele
Wollte hoch ob allen andern
Durch die klaren Lüfte wandern
Und zuerst die Sonne sehen!
Und das Kind vergaß die Erde,
Löste kühn die schwachen Arme
Von den Bäumen, stand dort oben
Auf des Felsens höchster Kante,
Halb schon in die Luft gehoben. —
Und dann sprang er in den Himmel. — —

Freundlich trugen ihn die Lüfte,
Rauschend grüne Waldesgrüfte
Zogen meinen Freund ans Herz.
Ja, sein Leben und sein Lieben
Und sein seltsam schönes Sterben
Sind mein liebstes Leid geblieben.

Aus: Paul Haller, Gedichte, Herausgegeben von Erwin Haller, Verlag H. R. Sauerländer & Co., Aarau, 1922




Beliebte Posts aus diesem Blog

Albert Möser - An den Tod

An den Tod.
Im Lärm des Tages sind sie starr befangen:
Seht an die Jagd, die stürmisch-ruhelose,
Mild rast der Schwarm, dem Nichts vermag zu wehren;
Ein Jeder ringt, daß er, was nützt, erlose,
Nach ird’schem Wohl steht einzig sein Verlangen,
Ihm jagt er nach mit Sorgen, lastend-schweren;
Genuß! heißt ihr Begehren,
Der winkt und lockt sirenenhaften Klanges
Und bändigt ganz der bebenden Gedanken;
Ihn suchen, die da athmen, all’ und ranken
Um’s irdische Sein sich zäh’ und gier’gen Dranges;
Am Staube seht ihr durst’gen Sinns sie kleben,
Und ihrer Sehnsucht Ziel heißt: Leben! Leben!
Doch dir, o Tod, naht selten nur ihr Fragen,
Sie lieben’s nicht, den Geist dir zuzuwenden,
Und deinen Namen nennt nicht gern die Lippe;
Denn sieh! dein Amt ist, mitleidlos zu enden
Das Sein, das sie entzückt, und drum mit Zagen Malt dich ihr Geist als höhnisches Gerippe;
Mit Stundenglas und Hippe,
Hohläugig, grinsend, wangenlos und beinern,
Also im Sinn lebst du dem Erdensohne,
Und schreckhaft gleich dem Haupte der Gorgone
Schaffst du…

Pierre Louys - Rosen in der Nacht

ROSEN IN DER NACHT


Wenn die Nacht am Himmel aufsteigt,
ist die Welt unser und der Götter.
Von den Feldern gehn wir zur Quelle,
vom dunkeln Wald nach der Lichtung, wo-
hin uns unsre bloßen Füße führen.

Die Sternlein funkeln genugsam für die klei-
nen Schatten, die wir sind. Manchmal fin-
den wir unter den niederhangenden Zweigen
schlafende Hirschkühe.

Doch zauberischer in der Nacht als alles andre
ist ein Ort, von uns allein gekannt, der uns mäch-
tig auf sich zieht durch den Wald: ein Gebüsch
geheimnisvoller Rosen.

Denn nichts ist göttlich auf der Erde, verglichen
mit dem Duft der Rosen in der Nacht. Wie
kam es nur, daß ich damals, als ich allein war,
mich nicht davon berauscht gefühlt.

Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

Ludwig Thoma - Sexuelle Aufklärung

Sexuelle Aufklärung

Der alte Storch wird nun begraben. 
Ihr Kinder lernt im Unterricht, 
Warum wir dies und jenes haben, 
Und es verbreitet sich das Licht. 


Zu meiner Zeit, du große Güte! 
Da herrschte tiefe Geistesnacht. 
Man ahnte manches im Gemüte 
Und hat sich selber was gedacht. 


Mich lehrte dieses kein Professer; 
Nur eine gute, dicke Magd 
Nahm meine Unschuld unters Messer 
Und machte auf dieselbe Jagd. 


Ihr Unterricht war nicht ästethisch, 
Im Gegenteil, sehr weit entfernt. 
Und doch, wenn auch nicht theoretisch, 
Ich hab' es ziemlich gut gelernt. 


aus: Ludwig Thoma, Kirchweih, Simplicissimus-Gedichte, Albert Langen Verlag, München, 1912