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Es werden Posts vom August, 2012 angezeigt.

Agnes Miegel - Mädchenlied

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Mädchenlied
Nun ist vorüber die ruhige Zeit, Meine junge Seele nach deiner schreit, Ich gehe des Tags so müde einher, Meine nächtigen Träume sind heiß und schwer. Ich küss' dich im Traume so viel als ich mag, — Drum sind meine Lippen so blaß am Tag.
Sie sagten zu mir: »Der Tag ist so heiß, so grün die Flur, Deine liebsten Blumen, wir brachten sie dir, Und du küßtest uns nicht einmal dafür, Du hast vor dich hin ins Leere geschaut — Und trägst keinen Ring und bist doch nicht Braut?«
Und sie zogen mich fort zu Tanz und Spiel, Sie sangen so laut und lachten so viel, Und der Abend über die Felder zog, Ein irrender Stern am Himmel flog. Und sie sprachen von Liebe, leise und lang, — Nur ich ging schweigend die Felder entlang.
Aus: Agnes Miegel, Gedichte, J.G. Cotta Nachf.,  Stuttgart, 1921.
Abb.: Egon Schiele -Sitzendes Mädchen

Max Hermanny - Wie's so geht

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Wie's so geht
Wie es kam, so fragst du immer.
Wie es kam? — Ach, wüßt' ich, wie!
Einsam waren wir im Zimmer —
Einsam — ich vergeß es nie.

Wie es kam? Auf meinem Munde
Fühlt' ich deines Kusses Glut —
Eine kleine, stille Stunde —
Was nicht eine Stunde tut!

Inbegriff der Seligkeiten,
Tief geheimnisvolles Glück,
Eine Stunde kann's bereiten,
Eine Stunde nimmt's zurück.

Aus: Max Herrmann-Neisse, Georg Müller Verlag, München, 1906



Johann Wolfgang von Goethe - An den Schlaf

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An den Schlaf.
Der du mit deinem Mohne Selbst Gotteraugen zwingst, Und Bettler oft zum Throne Zum Mädgen Schäfer bringst,
Vernimm; Kein Traumgespinste Verlang’ ich heut von dir, Den grösten deiner Dienste Geliebter, leiste mir.
An meines Mädgens Seite Sizz’ ich, ihr Aug’ spricht Lust, Und unter neid’scher Seite Steigt fühlbar ihre Brust,
Oft hatte meinen Küssen Sie Amor zugebracht, Dieß Glück muß ich vermissen, Die strenge Mutter wacht.
Am Abend trifst du wieder Mich dort, o tritt herein, Sprüh’ Mohn von dem Gefieder, Da schlaf die Mutter ein:
Bey blassem Lichterscheinen, Von Lieb’ Annette warm, Sink’, wie Mama in deinen, In meinen gier’gen Arm.
Johann Wolfgang von Goethe, An den Schlaf aus: Annette, Leipzig 1767

Maria Marty - Aber sie lacht

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Aber sie lacht –

Jung ist sie und furchtbar verdorben, Besser wär’s ihr, sie wäre gestorben, Aber sie lacht und lebt – Lacht über Sünde, lacht über Tugend, Ist so selig in ihrer Jugend Als wär' sie schuldlos und rein!
Wenn ich sie sehe, muss ich mich fragen, Wie wird sie einmal das Alter ertragen, Reue und Armut, Krankheit und Not? Besser wär's ihr, sie wäre tot! – Aber sie lacht und lebt;
Lebt und lacht über alles Verderben, Denkt nicht an Reue, denkt nicht an Sterben, Ist noch so jung und schön! Und ich glaube, für all meine Tugend Tauschte sie nie ihre schäumende Jugend! – Mir scheint es gar, sie fühlt Mitleid für mich – – – – – – – – – – – – Wer ist glücklicher – sie oder ich?
Maria Marty - Aber sie lacht –
Aus: Die zehnte Muse, Dichtungen vom Brettl und fürs Brettl, Herausgeber: Maximilian Bern, Otto Eisner Verlag, Berlin,1904



Alfred Friedmann - Susanna

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Susanna

In jungen Sommerlaubes tiefem Schatten Ging leisen Silbertons dahin die Quelle. Dort kühlt Susanna in krystallner Welle Die Glieder, die in Mittagsglut ermatten!
Da ward erlauscht sie von zwei schädelglatten Und gichtgeplagten Schleichern, an der Stelle Wo durch das Astwerk ihrer Glieder Helle Sich sonnig aufdeckt jenen Nimmersatten.
O Schaun voll Wollust! Es beginnt ein Streit Voll Schrecken, Zagen und Begehrlichkeit, Entsetzlich; doch die Ehrbarkeit blieb Sieger.
Es kostete den Kopf die Unterlieger! — — Mir scheint der Jüdin Ruhm zu hoch im Preise — Kein halber Mann noch waren beide Greise!
(Nach dem Italienischen von Ulysse Tanganelli)
Aus: Alfred Friedmann, Gedichte, W. Friedrich, Leipzig, 1882