Montag, 11. November 2013

Marina Iwanowna Zwetajewa - Es ist Zeit ...

Marina Iwanowna Zwetajewa letztes Gedicht




Es wird Zeit, den Bernstein abzulegen,
Es wird Zeit, andre Worte zu verwenden
Es wird Zeit, die Fackel auszulöschen
Über der Tür . . .


Пора снимать янтарь,
Пора менять словарь,
Пора гасить фонарь
Наддверный . . .

Marina Iwanowna Zwetajewa - Mädchens Tod

François Pascal Simon, Cupid and Psyche


Mädchens Tod

Der Mond überflutete das kalte Parkett
In milchig, glatten Wellen
Mit einem Blumenstrauß an der heißen Wange
Schlief ich süß im Mondlicht.

Das Leuchten und der Schlaf störten einander
Müde öffnete ich die Augen
Und des Mädchens Tod beugte sich nieder
Als rosaroter Engel ohne Flügel.

Ein Medallion zitterte an ihrem schmalen Hals
Über ihre Wangen lag ein Erröten
Sie muß gelaufen sein: ein wenig staubig
Ihre blauen Pantoffeln.

Zierliche Muster mit Goldrand
In ihren Locken türkise Fäden
Du  kleiner Junge, ich  ein Mädchen: wir
werden auf der Straße ausgelassen sein.

Leg (du bist — der Ritter) das Spitzentuch an!
Ich gab ihr stumm den Blumenstrauß . . .
In milchigen, glatten und kalten Wellen
Überflutete der Mond das Parkett.


ДЕВОЧКА-СМЕРТЬ

     Луна омывала холодный паркет
     Молочной и ровной волной.
     К горячей щеке прижимая букет,
     Я сладко дремал под луной.

     Сияньем и сном растревожен вдвойне,
     Я сонные глазки открыл,
     И девочка-смерть наклонилась ко мне,
     Как розовый ангел без крыл.

     На тоненькой шее дрожит медальон,
     Румянец струится вдоль щек,
     И видно бежала: чуть-чуть запылен
     Ее голубой башмачок.

     Затейлив узор золотой бахромы,
     В кудрях бирюзовая нить.
     Ты  маленький мальчик, я  девочка: мы
     Дорогою будем шалить.

     Надень же (ты  рыцарь) мой шарф кружевной!
     Я молча ей подал букет...
     Молочной и ровной, холодной волной
     Луна омывала паркет.

Sonntag, 10. November 2013

Marina Iwanowna Zwetajewa - Zigeunerhochzeit



Zigeunerhochzeit

Unter den Hufen
spritzt der Schmutz!
Vor dem Gesicht
ein Schal wie ein Schild.
Ohne die Jungen gehen,
die Verkuppelten.
Hey, trage sie fort,
zottiges Pferd.

Sie geben uns nicht unseren Willen
Vater und Mutter
Wir sind nur
fürs Ehebett.

Trunken ohne Wein, satt ohne Brot
Die Zigeunerhochzeit beginnt!

Das Glas gefüllt,
Das Glas geleert
Gitarrenklang und Mond und Schmutz,
zur Linken und zu Rechten dreht sich das Lager
Dem Prinzen, der Zigeuner
Dem Zigeuner, der Prinz.

Mein Herr, pass auf... es brennt!
So trinkt die Zigeunerhochzeit.
Dort, auf dem Haufen
Schals und Mäntel
Rasseln und Rauschen
von Stahl und Lippen
klirrende Sporen,
es entgegnen Halsketten.
Unter einer Hand knistert
Seide
Jemand heult wie ein Wolf
wie ein Stier schnarcht einer.

Die Zigeunerhochzeit schläft sich ein.


* * *

Цыганская свадьба

Из-под копыт - 
Грязь летит! 
Перед лицом - 
Шаль, как щит. 
Без молодых 
Гуляйте, сваты! 
Эй, выноси, 
Конь косматый!

Не дали воли нам 
Отец и мать -
Целое поле нам -
Брачная кровать!

Пьян без вина и без хлеба сыт - 
Это цыганская свадьба мчит!

Полон стакан. 
Пуст стакан. 
Гомон гитарный, луна и грязь. 
Вправо и влево качнулся стан: 
Князем - цыган! 
Цыганом - князь!

Эй, господин, берегись - жжет! 
Это цыганская свадьба пьет.

Там, на ворохе 
Шалей и шуб - 
Звон и шорох 
Стали и губ. 
Звякнули шпоры, 
В ответ мониста. 
Скрипнул под чьей-то рукою - 
Шелк. 
Кто-то завыл, как волк, 
Кто-то - как бык - храпит.

Это цыганская свадьба спит.


Marina Iwanowna Zwetajewa 26. September jul. - 8. Oktober 1892 greg., Moskau - 31. August 1941,Jelabuga) war eine russische Dichterin und Schriftstellerin. Sie gehört zu den bedeutendsten russischen DichterInnen im 20. Jahrhundert.

Dienstag, 17. September 2013

Marcelline Desbordes-Valmore - Vorahnung

Eve Merrit - Eve


VORAHNUNG

Ich fühl's gewiß, ich werd' ihn wiedersehen,
Es brennt die Stirn, und süßer sind die Tränen.
Ich warte, horche auf, es stockt das Wort —
Ein Traum verkündet ihn und schwindet fort,
Erschauern treibt das Blut mir aus den Wangen.

Wie anders klingt der Glockenschlag der Frühe!
Den Tauber grüß ich: Liebe zu empfangen.
Brächt er sie nicht? ich bebe, o ich glühe!
Mit solchem Einsatz zahl ich seine Nähe;
Nur mählich lehrt mich Liebe glücklich sein:
Ich frier nicht mehr, wenn ich ihn nicht mehr sehe,
Denn schon schließt sein Herz meines in sich ein.

Dies Buch! ah, ich vermag nichts drin zu lesen
Als dieses eine nur: bald wird er bei dir sein!
Und kindisch schwank ich zwischen Lust und Schmerz —
Ja dies ist Hoffnung, kenn ich doch ihr Wesen,
Geduld, o Liebe! Gnade! Schon' mein Herz!

Zu grell ist Licht nach dunkelvoller Nacht —
Laß mich in Träumen noch zu dir mich neigen,
Laß stille stehen die Zeit, mach alles lind und sacht!
Flüsternde Weide, Bächlein, wollt ihr schweigen!
Horcht auf, beruhigt euch, lang wird es nicht dauern:
Er kommt! schon hör die Erde ich erschauern,
Wie damals unversehens, in der ersten Zeit.

Zu eng ward mir der Fenster Blätterschatten,
Ich floh hinaus. Was? Ist noch Sommerzeit!?
Und Menschen sind? In Blüte Feld und Matten?
Doch gestern! ohne ihn war alles trübe,
Ach gestern drang kein Strahl zu mir herein —
Gott! — Sommer, Licht und Himmel: er ist's ganz allein!

Ja du mein Leben! Alles lacht nun unsrer Liebe —
Du kommst! und Sommer, Himmel, Liebe, sie sind mein!
Ich fühle, wie sich Flügel in mir regen,
Ich schwing mich auf und fliehe dir entgegen!

(Aus: Marcelline Desbordes-Valmore, Das Lebensbild einer Dichterin von Stefan Zweig, Insel Verlag, Leipzig, 1928)



Samstag, 14. September 2013

Stefan Zweig - Der Flieger



Der Flieger

Die Erde spricht:
»Ich lasse dich nicht,
Du Wurm, der meine Flanken umkriecht,
Du fressende Borke in meiner Rinde!
Ich habʼ dich gesäugt, ich habʼ dich genährt,
Ich gebe nichts frei, was zu mir gehört.
Ich stürzʼ dir das Grauen des Todes ins Herz.
Ich binde
Die Sohlen dir an mit brennender Schwere,
Ich füllʼ dir den Leib mit Wucht und Gewicht.
Und wie zornig du dich auch aufwärts entringst.
Du sinkst
In ewiger Ohnmacht stets bodenwärts.«

Doch der Wille glüht:
»Ich bin müdʼ,
Die Straßen zu streifen, die alle begingen.
Ich will nicht mehr, Last, an Lastendem kleben!
Leben ist Schweben,
Seliges Ruhn mit wandernden Schwingen.
Ich sehe
Die Lerchen leicht auf luftigen Sprossen
Aus nebelnden Talen ins Frührot klimmen
Und Adler schwarzseglig den Äther zerpfeilen,
Ich sehe
Die Schwalben flink wie flüchtende Rehe
Die Wälder des Winds und der Wolken
durcheilen.
Ich sehe
Libellen mit silberflirrenden Flossen
Im blauen Bade des Himmels hinschwimmen,
Ich sehe Glanzkäfer wie zitternde Funken
Die brennenden Kelche der Blumen umstreichen.
Aufschwingt sich die Wolke, hochwellt sich der Rauch,
Und was Feuer, Wasser und Tier erreichen,
Vermag ich auch.«

Und der Motor keucht:
»Ich mache dich leicht!
Ich habe das Feuer in mich getrunken,
Meine Adern bersten, mein Blut siedet und surrt.
Horch, wie es kocht
Und mit heißen
Verlangenden Stößen ins Freie pocht.
Spreng mir den Gurt,
Reiß mir sie auf, die eisernen Schließen,
Ich will meine Kraft in die Welt ergießen,
Hilf, und ich stoße dich steil in die Luft!«

Die Hand reißt nervig das Steuer an sich:
»Ich löse dich,
Nun wirf mich empor
Oder stürzʼ mich hinab!
Die Erde ist dunkel, die Erde ist Grab,
Ihr Leib ist gebläht von Toten und Särgen,
Ihr Atem stinkt von Moder und Gruft,
Doch bevor
Auch mich ihre durstigen Schollen auftrinken,
Hebʼ mich in reine, in feurige Luft!
Mich hebe hoch, laß sie stürzen und sinken.
Auf, ihr Schwingen, macht mich frei, macht mich groß!
Los!«
Die Maschine zittert und prasselt Begier,
Aus eiserner Nüster sprüht Feuer und Dampf,
Dann jäh wie ein Stier
Stürzt sie und stampft
Blindwütig vorwärts, schleudert und kreist
Wirr, ein rasend gewordener Pflug,
Im qualmenden Feld,
Bis ein Ruck
Den Nacken ihr plötzlich nach oben schnellt.

Die Leute stürzen im Taumel herbei,
Zehntausend Stimmen nietet ein Schrei:
»Er schwebt!
Er fliegt!
Traum und Triumph, wir habenʼs erlebt.
Ein Mensch hat über die Erde gesiegt.«

Und die Schwingen summen und surren im Wind:
»Ach, wie leicht und selig wir sind!
Wir schneiden
Mit beiden
Armen die Luft, wir mahlen den Wind,
Wir mähen
Die Böen,
Wir werden wie Vögel, wir werden geschwind.«


Und eine Wolke singt:
»Was blinkt
Dort aus der Tiefe stell auf mich los,
Was dringt
So übermächtig in meinen Schoß
Und fährt durch mich mit schneidendem Stahl?
O wie er schmerzt der brennende Stoß!
Ich fühlʼ mich zerfließen
Und tränend über die Erde ergießen.«

Er aber wandert hinauf.
Die Nebel reißen ihm die Tore auf,
Hügel knicken
Demütig ein mit dienerndem Rücken,
Berge sinken vor ihm in die Knie.
Hoch über sie
Schwingt er sich auf und tastet die Runde:
Wie im wässrigen Grunde
Eines Meers, verfilzt in Algen und Grün,
Sieht er die Korallen der Kirchtürme glühn,
Die Menschen kriechen wie kribblige Fliegen
Auf weißen spinndürren Straßenschnüren,
Wie Spielzeuge liegen
Die Häuser lässig im dünstenden Licht
Der Felder, die klein sind wie Büschel von Blumen.
Wälder zerfasern zu wehenden Garben,
Teiche blitzen als blaßblaue Funken,
Die Gletscher scheinen wie winzige Krumen
Von Sternen, die auf die Erde gesunken,
In das faltige Tuch der Berge geknüllt.
Ströme zerschmelzen, die Meere versiegen,
Rund wird und runder die Übersicht,
Und mählich zerrinnen die flackernden Farben
In ein einziges mattes, verblassendes Licht.

Und der Sturm springt ihn an, verspielt wie ein Tier:
»Du Fremdes, komm und ringe mit mir!
Wir wollen
Zur Wette die Eisbahn des Himmels hinlaufen,
Wir wollen
Mit sausendem Sprung auf die Berge klettern
Und den grauen Tannen ihr Haar ausraufen,
Komm, laß uns Ball mit den Wollen schlagen
Lawinen krachend zu Tale rollen.
Wir schmettern
Den Mond wie einen klotzigen Stein
Auf ein zerkrachendes Kirchendach!
Komm mit, du Kühner, komm, spring mir nach,
Holʼ mich ein!

Nebel küssen ihm Hand und Gesicht,
Die Höhen klingen kristallen im Licht,
Und die Erde wird trübe, die Erde wird fern,
Ein dumpfer, verlöschender Weltenstern.

Nun jauchzt die Brust ihren großen Schrei:
»Frei!
Allein!
O weites unendliches Einsamsein!
Mein Blick zerstößt sich nicht mehr an den Dingen,
Die Luft ist von Atem und Worten rein.
Leben ist Schweben,
Seliges Ruhn auf wandernden Schwingen!
Doch ich fühle
Noch über dem Schweigen sphärisches Klingen,
Ich will durch die Kühle
In den feurigen Kern aller Himmel eindringen,
Ich will steigen und steigen
Bis auf zu den Höhn,
Wo selbst die Engel geblendet sich neigen
Und Gott ins ewige Auge sehn.«

Und er steigt
Höher auf in die heilige Leere.
Der Motor keucht mit röchelnder Lunge,
Funken spritzen um die Kontakte,
Eine blitzende Schere,
Zertrennt er das ewige faltenlose
Gewebe, das blaue, und stürzt in den nackten
Himmel sich tiefer in rasendem Schwunge;
Er steigt und steigt,
Brennende Tränen verschließen den Blick,
Doch den Blinden umrauschen hohe Gesänge,
Er fühlt nur mehr Töne, er trinkt nur Musik.
Er hört die Engel den Morgen lobsingen,
Die Winde orgeln Hymnen der Kraft,
Die Säulen des Alls beginnen zu schwingen,
Orkane brausen ihm Bruderschaft.
In das heiße Gestänge
Greift die Sonne wie in eine Harfe hinein.
Mit unsichtbaren Saiten
Tönen die nahen Unendlichkeiten,
Und er steigt
Höher, die Stimme Gottes zu hören,
Der tönend über den Dingen schweigt.
Das Blut
In seinen Schläfen beginnt stärker zu tosen,
Der Hammer des Herzens schwingt sich und Ringt,
Und er spürt sich aufgehen im Grenzenlosen
Wie ein Ton, der höher und höher entschwingt,
Und er ahnt, nun klingt er zur Urmusik!
Der Welten, ins ewige Schweigen zurück.

Aufrauschen die Fernen, er steigt und steigt,
Und nur die niedere neidische Erde schweigt.

















Sonntag, 7. Juli 2013

Margarete Beutler - Und doch

Caspar David Friedrich - Schwäne im Schilf beim ersten Morgenrot


Und doch . . .

Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.


Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!


Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schwachen Mädchenthränen,
Ich sehne mich nach roten Sonnenküssen —
Und weiß, mein Leib wird daran welken müssen . . .


Es wird ein Schatten in mein Dasein treten,
Der Schatten weiß von weiten Königsrechten,
Der Schatten wird sich um mein Dasein flechten,
Der Schatten wird mir Leib und Seele knechten,
Und meine Sinne werden zu ihm beten,
Und meine Seele wird ihn herrschen lassen —
Doch meine arme Seele wird ihn hassen.


Aus:  Das Buch der Sehnsucht, Eine Sammlung deutscher Frauendichtung von Paul Remer, Schuster & Loeffler Verlag, Berlin und Leipzig, 1900
Abb.: Caspar David Friedrich - Schwäne im Schilf beim ersten Morgenrot
copyright 2013 RechtsnachfolgerInnen von Margarete Beutler
Mit freundlicher Genehmigung der RechteinhaberInnen




Samstag, 2. März 2013

Gabriele Narzissa Zmichowska – Des Weibes Liebe

Franz von Stuck – Die Sünde


Des Weibes Liebe

Von zarten Engeln, die auf Erden sind,
Mit weißen Flügeln, sprach man mir als Kind,
Die, wenn sie mit den gottgeweihten Händen
Das Herz des Menschen liebevoll umfassen,
Es leiten auf den Wegen dieser Welt
Durch Sumpf und Felsengrund mit Sicherheit,
Vom Strahl des Gottgedankens mild erhellt
Und angeweht von warmer Gottesliebe.
Ich fragte, wo denn solche Engel sind?
Die gute Mutter stand an meiner Seite,
Sie küßte mir, dem kleinen Sohn, die Stirn
Und sagte nur: »Sie sind, mein theures Kind,
Dort, wo ein Weib ist, das dich innig liebt.«
Wie wahr hat meine Mutter da gesprochen!
Ein Engel naht: das Sein ist Hochgenuß,
Der Herzschlag sanft, der Himmel ungetrübt
Dort, wo ein Weib ist, das dich innig liebt.
Des Weibes Liebe gleicht dem ersten Gruß,
Der hier empfängt den jungen Erdenpilger,
Dem ersten Tropfen frischer Lebenskraft,
Mit dem man seine durst'ge Lippe feuchtet;
Sie gleicht dem Ton der Mutter, wenn sie knieend
An deiner Wiege Schlummerlieder sang.
Des Weibes Liebe – segenbringend leuchtet
Sie deiner Reise durch ein fremdes Land,
Sie steht zur Seite dir mit Schutz und Rath,
Vor deinem Fuße ebnend jeden Pfad.
Des Weibes Liebe gleicht dem Traum, den du
Als Knabe träumtest mit der theuern Schwester
Von deiner Zukunft, deinem Lebensziel,
Und von dem Hoffen deines Jünglingsherzens,
Das auf Gelingen jeden Werkes baute,
Dem sie mit solcher Zuversicht vertraute,
Daß dann auch, wenn dein Herz zuletzt verzagte,
Sie ihrem Glauben nimmermehr entsagte.
Des Weibes Liebe ist die Rettungshand,
Die, wenn dich der Versuchung Netz umwand,
Tief aus der Seele dir das wilde Streben,
Die heftigen und unruhvollen Wünsche,
Die falsche Saat der Leidenschaft verbannt,
Bevor sie noch, des Giftes Keim entfaltend,
In deines Herzens Wohnung Wurzel schlägt,
Die Strahlen deines reinen Geistes trübend,
Eh' er, von Glück und Tugend ganz durchdrungen,
Den schweren Weltkampf siegreich ausgerungen.
Des Weibes Liebe ist der süße Lohn
Für alle Kämpfe deiner Manneslaufbahn,
Ist an des Hauses Herd die Priesterin,
Die dir das Weihgeschenk des Friedens bringt,
Der frohe Gruß, der dir entgegenklingt,
Wenn du aus fremder Menschen Mitte heimkehrst;
Sie ist der zarte Arm, der dich umfaßt,
Wenn du den Glauben schon verloren hast,
Daß es noch Herzen gibt in dieser Welt,
Die hochaufopfernd dir entgegenschlagen,
Wenn du verzagt an ihre Kammer pochst
Und nach dem Freunde, nach dem Bruder rufst;
Sie ist der Mund, der dir die Mahnung gibt:
»Verzeih und liebe, denn du wirst geliebt!«
Sie ist die einz'ge treue That des Schicksals,
Und ob dich auch die ganze Welt verließ,
Und ob du selbst zerfielst mit dem Gewissen:
Sie bleibt dir, freundlich streckt sie immerdar
Nach dir die Hände aus, die beistandsreichen.
Mit ihres schneeigen Gewandes Saum
Gelingt es ihr, den Zorn von dir zu scheuchen,
Den tiefsten Kummer macht sie von dir weichen,
Denn er geht auf in ihren eignen Thränen.
Sie wahret vor der Sünde Schlingen dich
Durch ihre Herzensreinheit, ihr Gebet;
Gehst du zu ihr, gehst du auf guten Wegen,
Ihr folgend, gehst dem Himmel du entgegen.
Des Weibes Liebe – o, mir wolle Gott
Von seinen Gaben diese nur bescheiden:
Dann würd' ich groß und tugendhaft und heilig,
Der Eigenliebe würd' ich dann entsagen,
Dem eignen Vortheil und den eignen Freuden;
Zu jedem Opfer wär' ich dann bereit,
Und vieles Gute thät' ich meinem Nächsten,
Und vieles Böse trüg' ich ohne Klagen;
Ich segnete, die mir geflucht; die Hand,
Die mich geschlagen, wollt' ich innig drücken;
Ich wollte Thränen trocknen, oder weinen
Mit dem, der nirgend einen Tröster fand.
Verzeihen wollt' ich, lieben und beglücken,
Hingeben alle meine heil'gen Rechte –
Wenn nur ein Weib hingebend mein gedächte!!

aus: Der polnische Parnaß, Ausgewählte Dichtungen der Polen, Übersetzt von Heinrich Nitschmann, F. A. Brockhaus, Leipzig, 4. verm. Aufl. 1875, S. 350 ff.

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten. Ein holdes Räthsel soll ich lösen, Und schon ist mir die Deutung klar, Ich weiß...