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Es werden Posts vom 2014 angezeigt.

Émile Verhaeren - Eines Morgens

Eines Morgens

Im Wiesenplan, der schimmernd wie ein Lächeln war,
Lugte ein stiller Ort aus den erstaunten Landen,
Wo in zwei blauen Weihern, die ins Ferne klar
Verglänzten, Land und Himmel sich im Kusse fanden.

Über des Mooses grauen Schaum, im goldnen Kies
Spielte der Morgentränen Glanz in tausend Tropfen,
Und sanft gewiegter Zweige Auf und Nieder liess
Sie ihres Liedes Tanztakt rhythmisch niederklopfen.

Die Lärchen reihten sich, die Arme ausgestreckt,
Wie Priester hingewandt zur wundersamen Helle.
Bei ihnen schlief die Dämmrung, tief ins Laub versteckt
Und neigte sich zum Spiegelschein der Silberquelle.

Rings glühten Taukristalle in den lichten Tag
Und alles schien der Dinge Stille zu behüten,
Und wie das Beben eines Schöpfungswortes lag
Es duftend auf den Lippen der erschlossnen Blüten.


Aus: Émile Verhaeren, Ausgewählte Gedichte, Verlag Schuster & Loeffler, Berlin, 1904, Nachdichtung von Stefan Zweig

Johanna Beckmann - Hexen-Schuß

Hexen-Schuß

An der grünenden Linden
War er zu Haus.
Das Glück wollt' er finden
Und wanderte aus.

Unter'm Hexen-Besen-Baum
Tief im tiefem Tann —
Betet er, man glaubt es kaum,
Eine Hexe an.

Aber Hexlein in Eile
Vom Fingerhut
Zupfte sich Pfeile
Und zielte gut.

Es tat den Schuß,
Und zum Beschluß
Da hatte er
Den Hexen-schuß.

Aus: Johanna Beckmann, Vom Zufrieden-Werden, München, Rösl und Cie. 1921



Johanna Beckmann - Die sterbende Geduld

Die sterbende Geduld

Ich  ging in Liebe und Leid den Weg.
Wieder und wieder fragt ich um Ruh
Viel hundertmal.
Keiner hatte Erbarmen.

Leben du —
Warum quälst du die Seele zu Tod
Jeden Tag, jede Nacht —
Und senktest so tief
Ein warm Verlangen
Wie träumenden Samen
Fragend still
In der Seele Tiefen?

Ich habe gewollt,
Es war zu schwer.
Laß mich sterben!
Ich kann nicht mehr.

Aus: Johanna Beckmann, Traum und Tat, Gedanken und Schattenbilder, Rösl und Cie., München, o. J.



[Charlotte Basté] - Frauenlob durch Frauenmund

Frauenlob durch Frauenmund

Gott schuf die Welt vor alten Zeiten, 
Zum Schluß vom Mann ein Exemplar, 
Und das schien freilich anzudeuten, 
Daß Gott schon etwas müde war.

Und als er sein Geschöpf beaugte, 
Da fehlte dies, da fehlte das, 
Und an dem ganzen Manne taugte 
Nur eine einzige Rippe was.

Die ward ihm auch noch fortgenommen 
Und eine Frau daraus gemacht. – 
So sind wir später zwar gekommen, 
Jedoch geschaffen mit Bedacht. 

Und zu der Fraun gerechtem Lobe 
Erkennt man auf den ersten Blick: 
Der Mann war nur ein Stück zur Probe – 
Wir aber sind – das Meisterstück.

Aus: Unartige Musenkinder, Ein buntes Stäußchen lustiger Pflanzen, aus Treibhausbeeten alter und neuer Zeit geplückt und gewunden von Richard Zoozmann, Hesse & Becker Verlag, Leipzig, o. J.



Taras Schewtschenko - Die Wassernymphe

Die Wassernymphe 

Mutter hat mich in des Schlosses
Prunkgemach geboren,
Nachts mich dann zum Bad getragen
In des Dnjipers Wogen.
Sprach die Mutter da beim Baden:
»Tochter, kleine, gute,
Schwimme, schwimme auf dem Dnjiper
Mit des Stroms Geflute,
Morgen dann zur Nacht als Nixe
Tauche aus der Welle,
Wenn ich komm, mit ihm zu tändeln,
Kitzle ihn dann schnelle.
Kitzle, kitzle ihn mein Herzchen,
Daß er mein nicht lache,
Trinken soll er, sich betrinken,
Doch nicht in der Lache
Meiner blut’gen Zähren, — Nein, in
Blauem Dnjiperwasser! 
Möge sich lustieren, Tochter,
Dann mit dir der Prasser! — —
Schwimme, du mein liebes Nymphlein!
Wogen, meine Wogen,
Heißt willkommen dies mein Kindlein.«

— Bittre Klagen zogen
Durch die Nacht. — Sie ging. — Ich aber
Schwamm den Strom hinunter,
Bis mich sahen, mit sich nahmen
Nymphen, froh und munter.
Schon sechs Tage, daß ich wachse,
Nachts mit ihnen spiele,
Daß, umsonst des Vaters harrend,
Nach dem Schloß ich schiele. —
Oder hat vielleicht die Mutter
Mit dem Herrn indessen
Ausgesöhnt sich, schwe…

Osyp Fedjkowytsch - In Kiew an der Lawra

In Kiew an der Lawra,
da saß ein Sängergreis,
sein Bart war weiß wie Silber,
die Locken silberweiß.

Der sang viel alte Lieder,
sang manchen Seherspruch
und manchem Teufel Segen
und manchem Engel Fluch.

Und manchem Helden Schande
und manchem Weisen Hohn
und manches Schwert in Stücke,
in Stücke manchen Thron.

Da riß sich eine Quader
vom alten Dome los
und stürzt zu seinen Füßen
und sprang in seinen Schoß.

»O Sänger, du furchtbarer Sänger,
laß solch ein Singen sein,
sonst stürzt zu deinen Füßen
das ganze Rußland ein!«

Aus: Taras Schewtschenko, Ein ukrainisches Dichterleben von Alfred  Jensen, Verlag Adolf Holzhausen, Wien, 1916

Eduard Mörike - Septembermorgen

Septembermorgen.

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

Aus: Eduard Mörike's Gesammelte Schriften, Erster Band, Gedichte, G. J. Göschen'sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1878


Paula Rösler - Je nun!

Je nun!

Du fragst, warum ich dich geküßt,
mein Freund, mit dem törichten Mund?
Du fragst? — Je nun, ich hatte Durst,
da standst du am Wege und . . . .

Du fragst, warum ich dich angesehn
so warm, als wär ich dir gut?
Je nun — ich tats, weil die Sonne schien,
vielleicht auch weil rot mein Blut.

Du fragst, warum ich dich geküßt?
Je nun — weil heute heut . . . .
Je nun — so frag doch den Schmetterling,
warum so bunt sein Kleid.

Frag doch die Rosen, warum sie im Garten stehn,
und die Sonne, warum sie so hell.
Nur frag nicht, warum im dich geküßt,
mein töricht-neugierger Gesell.

Aus: Paula Rösler, Falter, Zeichnungen und Lieder, E. W. Bonsels, München-Schwabing, 1905



Julia Virginia - An Maria Bashkirtseff

An Maria Bashkirtseff.

Ich liebe dich, du heisse Slavin, 
In deiner Schwäche, deiner Kraft, 
In deiner Sinne Lebensfieber — 
Im Zauber deiner Mädchenschaft!

Dich, du Vestalin alles Schönen,
Die du — von heil’ger Glut entfacht —
Auf unsrer Gottheit Hochaltare
Dein warmes Herzblut dargebracht.

Ich liebe dich, du Dorngekrönte, 
In deinen Schmerzen, deiner Qual, 
In deiner wilden Ruhmbegierde 
Mit ihren Wünschen sonder Zahl! 

Die deinen zarten, weissen Busen 
Erdrückten fast mit ihrer Wucht. 
O blonde Blume, bald entblättert, 
Märtyrerin der Höhensucht! 

Die du dich selbst ans Kreuz geschlagen, 
Ans blut’ge, heissgeliebte Kreuz — 
Hinweggerafft, eh’ du genossen 
Der Lebensschale höchsten Reiz! 

Ich liebe dich, du Starke, Stolze,
In deiner Seele Wahrheitdrang,
Der dich — entzügelt von Dämonen —
Dein Tiefstes blosszulegen zwang.

Und all die Glut, die wildverzehrend 
Dich einst durchloht, du heisses Weib, 
Sie lodert auch in meinen Adern; 
Sie sehrt auch meinen jungen Leib, 

Ein Feuerfunke deines Wesens 
In mir auch glüh…

Paula Rösler - Dämmerung

Dämmerung.

Es ist nichts — es war mir nur in der Dämmerung,
als hörte ich Schritte im Gartenland,
als kämst du gegangen
und rührtest mich leise mit deiner Hand. —
's ist nichts — nur meine eigene Hand schimmert weiß
durch das Zwielicht des Wintertags,
und ich horche vergebens, ob nicht leise, ganz leis
sich ein Ton zu mir verirrt.
Ob nicht, gleich huschenden Dämmrungsschatten
von dir ein Gedanke herüberschwirrt. —
— —
Es ist nichts — es ist nur ein Dämmrungsspuk. —
Und du bist so weit —
und so gefährlich lockend ist Dämmerzeit.

Aus: Paula Rösler, Falter, Zeichnungen und Lieder, E. W. Bonsels, München-Schwabing, 1905


Caroline Hauser-Edel - Anemonen

Anemonen.

Seelenreine Anemonen,
Waldeskinder! — weltentrückt,
Unbewußt ward euch die Klarheit
Und die Anmut, die euch schmückt. —

O, ich weiß ein süßes Wesen,
Eine kindlich liebe Maid,
Der an Zartheit und an Unschuld
Blumen, ihr so ähnlich seid! —

Wär’ es möglich, daß vom Hauche
Der verderbten Welt verschont,
Eure feine Blumenseele
Auch ein menschlich Herz bewohnt? —

Aus: Caroline Hauser-Edel, Blumen und Liebe, Ein Strauß in Liedern, C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, München, 1893, S. 7