Montag, 28. April 2014

[Charlotte Basté] - Frauenlob durch Frauenmund

Ferdinand Georg Waldmüller - Badende Frauen am Waldbach


Frauenlob durch Frauenmund

Gott schuf die Welt vor alten Zeiten, 
Zum Schluß vom Mann ein Exemplar, 
Und das schien freilich anzudeuten, 
Daß Gott schon etwas müde war.

Und als er sein Geschöpf beaugte, 
Da fehlte dies, da fehlte das, 
Und an dem ganzen Manne taugte 
Nur eine einzige Rippe was.

Die ward ihm auch noch fortgenommen 
Und eine Frau daraus gemacht. – 
So sind wir später zwar gekommen, 
Jedoch geschaffen mit Bedacht. 

Und zu der Fraun gerechtem Lobe 
Erkennt man auf den ersten Blick: 
Der Mann war nur ein Stück zur Probe – 
Wir aber sind – das Meisterstück.

Aus: Unartige Musenkinder, Ein buntes Stäußchen lustiger Pflanzen, aus Treibhausbeeten alter und neuer Zeit geplückt und gewunden von Richard Zoozmann, Hesse & Becker Verlag, Leipzig, o. J.



Sonntag, 27. April 2014

Taras Schewtschenko - Die Wassernymphe

Ivan Yakovlevich Bilibin

Die Wassernymphe 

Mutter hat mich in des Schlosses
Prunkgemach geboren,
Nachts mich dann zum Bad getragen
In des Dnjipers Wogen.
Sprach die Mutter da beim Baden:
»Tochter, kleine, gute,
Schwimme, schwimme auf dem Dnjiper
Mit des Stroms Geflute,
Morgen dann zur Nacht als Nixe
Tauche aus der Welle,
Wenn ich komm, mit ihm zu tändeln,
Kitzle ihn dann schnelle.
Kitzle, kitzle ihn mein Herzchen,
Daß er mein nicht lache,
Trinken soll er, sich betrinken,
Doch nicht in der Lache
Meiner blut’gen Zähren, — Nein, in
Blauem Dnjiperwasser! 
Möge sich lustieren, Tochter,
Dann mit dir der Prasser! — —
Schwimme, du mein liebes Nymphlein!
Wogen, meine Wogen,
Heißt willkommen dies mein Kindlein.«

— Bittre Klagen zogen
Durch die Nacht. — Sie ging. — Ich aber
Schwamm den Strom hinunter,
Bis mich sahen, mit sich nahmen
Nymphen, froh und munter.
Schon sechs Tage, daß ich wachse,
Nachts mit ihnen spiele,
Daß, umsonst des Vaters harrend,
Nach dem Schloß ich schiele. —
Oder hat vielleicht die Mutter
Mit dem Herrn indessen
Ausgesöhnt sich, schwelgt in Sünden,
Hat der Schmach vergessen?
— Es verstummt die kleine Nymphe,
Taucht dann in die Fluten
Wie ein Fischlein, leise neigen
Sich die Weidenruten . . .

Mutter kommt gewandelt. Schlafen
Läßt sie’s nicht im Schlosse;
Jan, der Herr, ist nicht zu Hause,
Fehlt ihr der Genosse.
Angelangt am Flussesufer,
Sie des Kindleins dachte,
Denkt der Worte, die sie sagte,
Als zum Bad sie’s brachte.
Doch nicht Rührung fühlt sie! Will zur
Ruh ins Schloß nur schnelle: —
War ihr andre Ruh beschieden
In des Dnjipers Welle.
Merkt nicht, wie die Dnjipertöchter
Tauchen aus den Wogen:
Sie erhaschen, und mit Kitzeln —
Flugs ins Spiel sie zogen.
»Schwestern, kitzelt nicht! so wißt es:
Meine Mutter ist es!«
Doch sie kosen, kitzeln, ziehn sie
In der Reuse Rachen,
Und des Fanges froh dann schrien sie
Auf in tollem Lachen.
— Eine Nymphe konnte nur nicht
Mit den Schwestern lachen.

Kiew, 9. Aug. 1846.

Aus: Taras Schewtschenko, Ausgewählte Gedichte, Aus dem Ukrainischen von Julia Virginia, Xenien Verlag, Leipzig, 1911







Samstag, 26. April 2014

Osyp Fedjkowytsch - In Kiew an der Lawra

19th-century Kiev Pechersk Lavra
from the United States Library of Congress's Prints and Photographs


In Kiew an der Lawra,
da saß ein Sängergreis,
sein Bart war weiß wie Silber,
die Locken silberweiß.

Der sang viel alte Lieder,
sang manchen Seherspruch
und manchem Teufel Segen
und manchem Engel Fluch.

Und manchem Helden Schande
und manchem Weisen Hohn
und manches Schwert in Stücke,
in Stücke manchen Thron.

Da riß sich eine Quader
vom alten Dome los
und stürzt zu seinen Füßen
und sprang in seinen Schoß.

»O Sänger, du furchtbarer Sänger,
laß solch ein Singen sein,
sonst stürzt zu deinen Füßen
das ganze Rußland ein!«

Aus: Taras Schewtschenko, Ein ukrainisches Dichterleben von Alfred  Jensen, Verlag Adolf Holzhausen, Wien, 1916

Freitag, 25. April 2014

Eduard Mörike - Septembermorgen

Paul Émile Chabas - September Morning


Septembermorgen.

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

Aus: Eduard Mörike's Gesammelte Schriften, Erster Band, Gedichte, G. J. Göschen'sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1878


Mittwoch, 23. April 2014

Paula Rösler - Je nun!

Vsevolod Maksimovic - Kuss
Je nun!

Du fragst, warum ich dich geküßt,
mein Freund, mit dem törichten Mund?
Du fragst? — Je nun, ich hatte Durst,
da standst du am Wege und . . . .

Du fragst, warum ich dich angesehn
so warm, als wär ich dir gut?
Je nun — ich tats, weil die Sonne schien,
vielleicht auch weil rot mein Blut.

Du fragst, warum ich dich geküßt?
Je nun — weil heute heut . . . .
Je nun — so frag doch den Schmetterling,
warum so bunt sein Kleid.

Frag doch die Rosen, warum sie im Garten stehn,
und die Sonne, warum sie so hell.
Nur frag nicht, warum im dich geküßt,
mein töricht-neugierger Gesell.

Aus: Paula Rösler, Falter, Zeichnungen und Lieder, E. W. Bonsels, München-Schwabing, 1905



Dienstag, 22. April 2014

Julia Virginia - An Maria Bashkirtseff

Marie Bashkirtseff
An Maria Bashkirtseff.

Ich liebe dich, du heisse Slavin, 
In deiner Schwäche, deiner Kraft, 
In deiner Sinne Lebensfieber — 
Im Zauber deiner Mädchenschaft!

Dich, du Vestalin alles Schönen,
Die du — von heil’ger Glut entfacht —
Auf unsrer Gottheit Hochaltare
Dein warmes Herzblut dargebracht.

Ich liebe dich, du Dorngekrönte, 
In deinen Schmerzen, deiner Qual, 
In deiner wilden Ruhmbegierde 
Mit ihren Wünschen sonder Zahl! 

Die deinen zarten, weissen Busen 
Erdrückten fast mit ihrer Wucht. 
O blonde Blume, bald entblättert, 
Märtyrerin der Höhensucht! 

Die du dich selbst ans Kreuz geschlagen, 
Ans blut’ge, heissgeliebte Kreuz — 
Hinweggerafft, eh’ du genossen 
Der Lebensschale höchsten Reiz! 

Ich liebe dich, du Starke, Stolze,
In deiner Seele Wahrheitdrang,
Der dich — entzügelt von Dämonen —
Dein Tiefstes blosszulegen zwang.

Und all die Glut, die wildverzehrend 
Dich einst durchloht, du heisses Weib, 
Sie lodert auch in meinen Adern; 
Sie sehrt auch meinen jungen Leib, 

Ein Feuerfunke deines Wesens 
In mir auch glühend, sprühend kreist: 
Denn ich bin Herz von deinem Herzen, 
Denn ich bin Geist von deinem Geist! 

Aus: Sturm und Stern, Gedichte von Julia Virginia, Verlegt bei Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig, 1905

Paula Rösler - Dämmerung

Herbert James Draper, The Gates of Dawn
Dämmerung.

Es ist nichts — es war mir nur in der Dämmerung,
als hörte ich Schritte im Gartenland,
als kämst du gegangen
und rührtest mich leise mit deiner Hand. —
's ist nichts — nur meine eigene Hand schimmert weiß
durch das Zwielicht des Wintertags,
und ich horche vergebens, ob nicht leise, ganz leis
sich ein Ton zu mir verirrt.
Ob nicht, gleich huschenden Dämmrungsschatten
von dir ein Gedanke herüberschwirrt. —
— —
Es ist nichts — es ist nur ein Dämmrungsspuk. —
Und du bist so weit —
und so gefährlich lockend ist Dämmerzeit.

Aus: Paula Rösler, Falter, Zeichnungen und Lieder, E. W. Bonsels, München-Schwabing, 1905


Freitag, 4. April 2014

Caroline Hauser-Edel - Anemonen

Anemonen - Pierre-Auguste Renoir

Anemonen.

Seelenreine Anemonen,
Waldeskinder! — weltentrückt,
Unbewußt ward euch die Klarheit
Und die Anmut, die euch schmückt. —

O, ich weiß ein süßes Wesen,
Eine kindlich liebe Maid,
Der an Zartheit und an Unschuld
Blumen, ihr so ähnlich seid! —

Wär’ es möglich, daß vom Hauche
Der verderbten Welt verschont,
Eure feine Blumenseele
Auch ein menschlich Herz bewohnt? —

Aus: Caroline Hauser-Edel, Blumen und Liebe, Ein Strauß in Liedern, C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, München, 1893, S. 7



Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten. Ein holdes Räthsel soll ich lösen, Und schon ist mir die Deutung klar, Ich weiß...