Taras Schewtschenko - Die Wassernymphe

Ivan Yakovlevich Bilibin

Die Wassernymphe 

Mutter hat mich in des Schlosses
Prunkgemach geboren,
Nachts mich dann zum Bad getragen
In des Dnjipers Wogen.
Sprach die Mutter da beim Baden:
»Tochter, kleine, gute,
Schwimme, schwimme auf dem Dnjiper
Mit des Stroms Geflute,
Morgen dann zur Nacht als Nixe
Tauche aus der Welle,
Wenn ich komm, mit ihm zu tändeln,
Kitzle ihn dann schnelle.
Kitzle, kitzle ihn mein Herzchen,
Daß er mein nicht lache,
Trinken soll er, sich betrinken,
Doch nicht in der Lache
Meiner blut’gen Zähren, — Nein, in
Blauem Dnjiperwasser! 
Möge sich lustieren, Tochter,
Dann mit dir der Prasser! — —
Schwimme, du mein liebes Nymphlein!
Wogen, meine Wogen,
Heißt willkommen dies mein Kindlein.«

— Bittre Klagen zogen
Durch die Nacht. — Sie ging. — Ich aber
Schwamm den Strom hinunter,
Bis mich sahen, mit sich nahmen
Nymphen, froh und munter.
Schon sechs Tage, daß ich wachse,
Nachts mit ihnen spiele,
Daß, umsonst des Vaters harrend,
Nach dem Schloß ich schiele. —
Oder hat vielleicht die Mutter
Mit dem Herrn indessen
Ausgesöhnt sich, schwelgt in Sünden,
Hat der Schmach vergessen?
— Es verstummt die kleine Nymphe,
Taucht dann in die Fluten
Wie ein Fischlein, leise neigen
Sich die Weidenruten . . .

Mutter kommt gewandelt. Schlafen
Läßt sie’s nicht im Schlosse;
Jan, der Herr, ist nicht zu Hause,
Fehlt ihr der Genosse.
Angelangt am Flussesufer,
Sie des Kindleins dachte,
Denkt der Worte, die sie sagte,
Als zum Bad sie’s brachte.
Doch nicht Rührung fühlt sie! Will zur
Ruh ins Schloß nur schnelle: —
War ihr andre Ruh beschieden
In des Dnjipers Welle.
Merkt nicht, wie die Dnjipertöchter
Tauchen aus den Wogen:
Sie erhaschen, und mit Kitzeln —
Flugs ins Spiel sie zogen.
»Schwestern, kitzelt nicht! so wißt es:
Meine Mutter ist es!«
Doch sie kosen, kitzeln, ziehn sie
In der Reuse Rachen,
Und des Fanges froh dann schrien sie
Auf in tollem Lachen.
— Eine Nymphe konnte nur nicht
Mit den Schwestern lachen.

Kiew, 9. Aug. 1846.

Aus: Taras Schewtschenko, Ausgewählte Gedichte, Aus dem Ukrainischen von Julia Virginia, Xenien Verlag, Leipzig, 1911







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