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Alexandra Haydungk - Aquarell

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Aquarell von ALEXANDRA HAYDUNGK

Das Haar gleicht altem Golde, das verblichen . . .
Die Hüften kindlich schmal und zart die Brüste
und in den Augen feige, halbgeweckte Lüste,
die aus dem Kerker der Vernunft noch nicht entwichen.
Im ganzen eine Addition von brenzlichen Problemen
Als Hintergrund ein Harlekin von Mann
und sehr viel Luxus, in dessen Bann
sie steht; im Übrigen ein wenig zu pretiös, doch Haltung und Benehmen
unantastbar nach außen hin; denn sie ist tadellos dressiert.
Denjenigen, die einer großen Leidenschaft sich hingegeben,
hält sie ihr steinigendes Lächeln stets bereit, denn sie mokiert
sich rücksichtslos hinweg über das Unerreichbare im Leben
und liebt nur, was recht laute Schellen trägt und leuchtet und moussiert.



Frida Schanz - Das Hexenkind

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Das Hexenkind.

Ein dunkler Abend in dunkler Zeit. —
In den Herzen Grausen und Grausamkeit;
In den Kerkern Folter und Geißelschwung.

Durch der Seelen Verdunkelung
Phosphorten Aberglauben und Wahn.

Ein später Gast saß beim rauchigen Spahn,
Daß stille Gesicht wie aus Stein geschnitten.
Durch die Herbstnacht ist er dahergeritten,
Über Sumpf und Bruch ist er hergekommen;
Finstres Volk hat ihn aufgenommen
An der Wegesscheide im öden Krug.

Des Wirtes Willkomm war rauh genug.
Bescheiden war des Fremden Gebahren.
Er hielt ihn für einen simplen Scholaren
Und sah erst dann mit lüsterner Gier,
Wie gut sein Mantel, wie schmuck das Tier,
Dem er die Zaumriemen abgenommen.
Der war kein Bettler. Der war willkommen!

Im Haus war alles in Trab und Lauf.
Eine junge Magd trug das Essen auf,
Lärmlos, lautlos, mit scheuer Hast. —
Mit tiefem Erstaunen sah der Gast,
Daß der Wirt, als sie eintrat, das Kreuzeszeichen
Auf die Stirne sich schlug, die Wirtin desgleichen.
Ein scheltendes, schimpfendes Murmeln begann.

Der Fremde sah nun das M…

Walt Whitman - Ein Ich sing' ich

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EIN ICH SING’ ICH

Ein Ich sing’ ich, einen schlichten Einzelnen,
Doch offenbar’ ich das Wort: Demokratisch, das Wort: En masse!
Die Physiologie sing’ ich vom Kopf bis zur Zehe!
Weder die Physiognomie noch das Gehirn allein sind der Muse
    würdig, ich sage: weit würdiger ist die alles umfassende Form!
Das Weibliche sing’ ich wie das Männliche!

Das Leben, unermeßlich an Leidenschaft, Puls und Kraft,
Heiter, zu freiester Tat geformt nach den göttlichen Gesetzen —
Den neuen Menschen sing’ ich!

Aus: Walt Whitman, Ich singe das Leben, E. P. Tal & Co. Verlag, Leipzig, Wien, Zürich, 1921 (Übersetzter Max Hayek)

Stéphane Mallarmé - Frühling

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Stéphane Mallarmé - Frühling

Kränklicher Lenz verjagt den Winter bang,
Den lichten Winter, heitrer Künste Zeit.
In mir regiert des Blutes Düsterkeit,
Und gähnend reckt sich meiner Ohnmacht Drang.

Im Schädel weißer Dämmerungen Glut,
Den wie ein Grab umspannt ein Eisenreifen,
Zieht mich ein schöner Traum, nicht zu begreifen,
Traurig durchs Feld voll Saft und Übermut.

Berauscht vom Duft der Bäume sink ich nieder
Und wühle mit der Stirn dem Traum ein Grab,
In warme Erde beiße ich, wo Flieder
Treibt, und warte meine Qualen ab:
Bis Sonne und Azur auf Blütenhecken lachen
Und in der vielen Vögel zwitscherndes Erwachen.


Übertragung: August Brücher / Aus: Sozialistische Monatshefte

Joachim Ringelnatz - Dreiste Blicke

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Dreiste Blicke

Über die Knie
Unter ein Röckchen zu schaun — —
Wenn sie doch das und die
Haben, die schönen Fraun!

Über einen öffnenden Saum
In Täler zwischen Brüstchen
Darf Blick wie stiller Traum
Stillen sein Lüstchen.

Sollen doch Frauen auch
So blicken — nicht schielen —
Wenn Arm, Popo und Bauch
In Fältchen spielen.

Nimm, was der Blick dir gibt,
Sei es, was es sei.
Bevor sich das selber liebt,
Ists schon vorbei.

Joachim Ringelnatz - Dreiste Blicke Aus: Unartige Musenkinder, Lose Lieder aus sieben Jahrhunderten gesammelt von Richard Zoozmann, Hesse & Becker Verlag, Leipzig, o. J.

Marie Madeleine - Moderne Treue

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Moderne Treue

Sie nahm einen blauen Bogen
Und schrieb: »Mein Ideal,
Seitdem du fortgezogen,
Sterb ich vor Liebesqual.

Dir weih ich meine Lieder,
Dir mes premières amours,
Und kehrst du niemals wieder,
Ich bleib dir treu! Toujours!« —

Sie nahm einen rosa Bogen
Und schrieb: »Mein lieber Graf!
Ich war so ungezogen,
Als ich Sie neulich traf.

Ich ging mit Ihrem Vetter,
Doch wars nicht bös gemeint;
Sie sind ja soviel netter!
Und ich bin treu, mein Freund!« —

Sie nahm einen weißen Bogen:
»Mein Prinzchen! Lieber Schatz!
Ich hab dich sehr verzogen,
Du blonder Fähnrichsfratz!

Daß Leutnant du geworden,
Das freut mich riesig! Ja!
Und hast du erst nen Orden,
Dann sprichst du mit Mama.

Du brauchst nicht so zu klagen,
Ich wart auf dich fürwahr;
Du brauchst nicht zu verzagen,
Treu bleib ich immerdar!« —

Sie nahm einen lila Bogen:
»Mein vielgeliebter Hans,
Dir bin ich sehr gewogen,
Und dir gehör ich ganz!

Nicht wägen, sondern wagen!
Darum bin ich so frei,
Dir grad heraus zu sagen:
Dir bleib ich ewig treu!« —

Nachdem sie überflogen
Das Bla…

Frank Wedekind - Das arme Mädchen

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Das arme Mädchen

Böt mir einer, was er wollte,
Weil ich arm und elend bin,
Nie, und wenn ich sterben sollte,
Gäb ich meine Ehre hin!
Schaudernd eilt das Mädchen weiter,
Ohne Obdach, ohne Brot,
Das Entsetzen ihr Begleiter,
Ihre Zuversicht der Tod. —
Es klappert in den Laternen
Des Winters eisig Wehn,
Am Himmel ist von den Sternen
Kein einziger zu sehn.

Wie sie nun noch eine Strecke
Weiterirrt, sieht sie von fern
An der nächsten Straßenecke
Einen ernsten jungen Herrn.
Ihm zu Füßen auf die Steine
Bricht sie ohne einen Laut,
Hält umklammert seine Beine,
Und der Herr verwundert schaut: —
Wenn dich die Menschen verlassen.
Komm auf mein Zimmer mit mir;
Jetzt tobt in allen Gassen
Nur wilde Begier.

Und sie folgte seinen Schritten,
Hielt sich schüchtern hinter ihm;
Jener hat es auch gelitten,
Wurde weiter nicht intim.
Angelangt auf seinem Zimmer,
Zündet er die Lampe an,
Bei des Lichtes mildem Schimmer
Bald sich ein Gespräch entspann: —
Es boten mir wohl viele
Ein Obdach für die Nacht,
Doch hatten sie zum Ziele,
Was mich erschaude…