Montag, 2. Februar 2015

Joachim Ringelnatz - Dreiste Blicke

William-Adolphe Bouguereau - Spring Breeze

Dreiste Blicke

Über die Knie
Unter ein Röckchen zu schaun — —
Wenn sie doch das und die
Haben, die schönen Fraun!

Über einen öffnenden Saum
In Täler zwischen Brüstchen
Darf Blick wie stiller Traum
Stillen sein Lüstchen.

Sollen doch Frauen auch
So blicken — nicht schielen —
Wenn Arm, Popo und Bauch
In Fältchen spielen.

Nimm, was der Blick dir gibt,
Sei es, was es sei.
Bevor sich das selber liebt,
Ists schon vorbei.

Joachim Ringelnatz - Dreiste Blicke Aus: Unartige Musenkinder, Lose Lieder aus sieben Jahrhunderten gesammelt von Richard Zoozmann, Hesse & Becker Verlag, Leipzig, o. J.

Marie Madeleine - Moderne Treue

Pierre-Auguste Renoir - Mädchen beim Kämmen
Moderne Treue

Sie nahm einen blauen Bogen
Und schrieb: »Mein Ideal,
Seitdem du fortgezogen,
Sterb ich vor Liebesqual.

Dir weih ich meine Lieder,
Dir mes premières amours,
Und kehrst du niemals wieder,
Ich bleib dir treu! Toujours!« —

Sie nahm einen rosa Bogen
Und schrieb: »Mein lieber Graf!
Ich war so ungezogen,
Als ich Sie neulich traf.

Ich ging mit Ihrem Vetter,
Doch wars nicht bös gemeint;
Sie sind ja soviel netter!
Und ich bin treu, mein Freund!« —

Sie nahm einen weißen Bogen:
»Mein Prinzchen! Lieber Schatz!
Ich hab dich sehr verzogen,
Du blonder Fähnrichsfratz!

Daß Leutnant du geworden,
Das freut mich riesig! Ja!
Und hast du erst nen Orden,
Dann sprichst du mit Mama.

Du brauchst nicht so zu klagen,
Ich wart auf dich fürwahr;
Du brauchst nicht zu verzagen,
Treu bleib ich immerdar!« —

Sie nahm einen lila Bogen:
»Mein vielgeliebter Hans,
Dir bin ich sehr gewogen,
Und dir gehör ich ganz!

Nicht wägen, sondern wagen!
Darum bin ich so frei,
Dir grad heraus zu sagen:
Dir bleib ich ewig treu!« —

Nachdem sie überflogen
Das Blatt, erhob sie sich,
Besah sich all die Bogen —
Und gähnte fürchterlich!

Marie Madeleine - Moderne Treue Aus: Unartige Musenkinder, Lose Lieder aus sieben Jahrhunderten gesammelt von Richard Zoozmann, Hesse & Becker Verlag, Leipzig, o. J.

Sonntag, 1. Februar 2015

Frank Wedekind - Das arme Mädchen

Jeanne Hébuterne mit 19 Jahren

Das arme Mädchen

Böt mir einer, was er wollte,
Weil ich arm und elend bin,
Nie, und wenn ich sterben sollte,
Gäb ich meine Ehre hin!
Schaudernd eilt das Mädchen weiter,
Ohne Obdach, ohne Brot,
Das Entsetzen ihr Begleiter,
Ihre Zuversicht der Tod. —
Es klappert in den Laternen
Des Winters eisig Wehn,
Am Himmel ist von den Sternen
Kein einziger zu sehn.

Wie sie nun noch eine Strecke
Weiterirrt, sieht sie von fern
An der nächsten Straßenecke
Einen ernsten jungen Herrn.
Ihm zu Füßen auf die Steine
Bricht sie ohne einen Laut,
Hält umklammert seine Beine,
Und der Herr verwundert schaut: —
Wenn dich die Menschen verlassen.
Komm auf mein Zimmer mit mir;
Jetzt tobt in allen Gassen
Nur wilde Begier.

Und sie folgte seinen Schritten,
Hielt sich schüchtern hinter ihm;
Jener hat es auch gelitten,
Wurde weiter nicht intim.
Angelangt auf seinem Zimmer,
Zündet er die Lampe an,
Bei des Lichtes mildem Schimmer
Bald sich ein Gespräch entspann: —
Es boten mir wohl viele
Ein Obdach für die Nacht,
Doch hatten sie zum Ziele,
Was mich erschaudern macht.

Ferne sei mir das Verlangen,
Sprach der ernste junge Mann,
Dir zu färben deine Wangen,
Wenn ichs nicht durch Güte kann.
Bat sie, länger nicht zu weinen.
Holte Wurst und kochte Tee,
Und am Morgen zog er einen
Taler aus dem Portemonnaie. —
Sie hat ihn bescheiden genommen
Und fand, eh der Tag vorbei,
Als Plätterin Unterkommen
In einer Wäscherei.

Aber ach, die Tage gingen
Und die Nächte freudlos hin,
Bluteswallungen umfingen
Ihren frommen Kindersinn.
Immer mußt sie sein gedenken,
Der so freundlich zu ihr war,
Immer mußt den Kopf sie senken
In der muntern Mädchenschar.
Und eines Abends um neune
Hielt sies nicht aus,
Lief ganz alleine
Nach seinem Haus.

Er war noch nicht heimgekommen,
Sie verkroch sich unters Bett,
Bis sie seinen Schritt vernommen,
Wo sie gern gejubelt hätt.
Doch sie hielt sich still da unten,
Bis er sich zu Bett gelegt
Und den süßen Schlaf gefunden,
Dann erst hat sie sich geregt.
Leise wie eine Elfe
Schlüpft sie zu ihm hinein:
Daß Gott mir helfe —
Ich bin dein!

Doch da hat er sich erhoben,
Wußte erst nicht, was geschah,
Hat die Kissen vorgeschoben,
Als das Kind er nackend sah:
Nein, jetzt will ich dich nicht haben;
Wohl dir, daß du mir vertraut!
Spare deine schönen Gaben,
Denn schon morgen bist du Braut!
Er führte binnen drei Tagen
Sie wirklich zum Altar.
Es läßt sich gar nicht sagen,
Wie glücklich sie war . . .

Frank Wedekind - Das arme Mädchen Aus: Unartige Musenkinder, Lose Lieder aus sieben Jahrhunderten gesammelt von Richard Zoozmann, Hesse & Becker Verlag, Leipzig, o. J.



Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten. Ein holdes Räthsel soll ich lösen, Und schon ist mir die Deutung klar, Ich weiß...