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Es werden Posts vom Februar, 2015 angezeigt.

Joachim Ringelnatz - Dreiste Blicke

Dreiste Blicke

Über die Knie
Unter ein Röckchen zu schaun — —
Wenn sie doch das und die
Haben, die schönen Fraun!

Über einen öffnenden Saum
In Täler zwischen Brüstchen
Darf Blick wie stiller Traum
Stillen sein Lüstchen.

Sollen doch Frauen auch
So blicken — nicht schielen —
Wenn Arm, Popo und Bauch
In Fältchen spielen.

Nimm, was der Blick dir gibt,
Sei es, was es sei.
Bevor sich das selber liebt,
Ists schon vorbei.

Joachim Ringelnatz - Dreiste Blicke Aus: Unartige Musenkinder, Lose Lieder aus sieben Jahrhunderten gesammelt von Richard Zoozmann, Hesse & Becker Verlag, Leipzig, o. J.

Marie Madeleine - Moderne Treue

Moderne Treue

Sie nahm einen blauen Bogen
Und schrieb: »Mein Ideal,
Seitdem du fortgezogen,
Sterb ich vor Liebesqual.

Dir weih ich meine Lieder,
Dir mes premières amours,
Und kehrst du niemals wieder,
Ich bleib dir treu! Toujours!« —

Sie nahm einen rosa Bogen
Und schrieb: »Mein lieber Graf!
Ich war so ungezogen,
Als ich Sie neulich traf.

Ich ging mit Ihrem Vetter,
Doch wars nicht bös gemeint;
Sie sind ja soviel netter!
Und ich bin treu, mein Freund!« —

Sie nahm einen weißen Bogen:
»Mein Prinzchen! Lieber Schatz!
Ich hab dich sehr verzogen,
Du blonder Fähnrichsfratz!

Daß Leutnant du geworden,
Das freut mich riesig! Ja!
Und hast du erst nen Orden,
Dann sprichst du mit Mama.

Du brauchst nicht so zu klagen,
Ich wart auf dich fürwahr;
Du brauchst nicht zu verzagen,
Treu bleib ich immerdar!« —

Sie nahm einen lila Bogen:
»Mein vielgeliebter Hans,
Dir bin ich sehr gewogen,
Und dir gehör ich ganz!

Nicht wägen, sondern wagen!
Darum bin ich so frei,
Dir grad heraus zu sagen:
Dir bleib ich ewig treu!« —

Nachdem sie überflogen
Das Bla…

Frank Wedekind - Das arme Mädchen

Das arme Mädchen

Böt mir einer, was er wollte,
Weil ich arm und elend bin,
Nie, und wenn ich sterben sollte,
Gäb ich meine Ehre hin!
Schaudernd eilt das Mädchen weiter,
Ohne Obdach, ohne Brot,
Das Entsetzen ihr Begleiter,
Ihre Zuversicht der Tod. —
Es klappert in den Laternen
Des Winters eisig Wehn,
Am Himmel ist von den Sternen
Kein einziger zu sehn.

Wie sie nun noch eine Strecke
Weiterirrt, sieht sie von fern
An der nächsten Straßenecke
Einen ernsten jungen Herrn.
Ihm zu Füßen auf die Steine
Bricht sie ohne einen Laut,
Hält umklammert seine Beine,
Und der Herr verwundert schaut: —
Wenn dich die Menschen verlassen.
Komm auf mein Zimmer mit mir;
Jetzt tobt in allen Gassen
Nur wilde Begier.

Und sie folgte seinen Schritten,
Hielt sich schüchtern hinter ihm;
Jener hat es auch gelitten,
Wurde weiter nicht intim.
Angelangt auf seinem Zimmer,
Zündet er die Lampe an,
Bei des Lichtes mildem Schimmer
Bald sich ein Gespräch entspann: —
Es boten mir wohl viele
Ein Obdach für die Nacht,
Doch hatten sie zum Ziele,
Was mich erschaude…