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Frank Wedekind - Das arme Mädchen

Jeanne Hébuterne mit 19 Jahren

Das arme Mädchen

Böt mir einer, was er wollte,
Weil ich arm und elend bin,
Nie, und wenn ich sterben sollte,
Gäb ich meine Ehre hin!
Schaudernd eilt das Mädchen weiter,
Ohne Obdach, ohne Brot,
Das Entsetzen ihr Begleiter,
Ihre Zuversicht der Tod. —
Es klappert in den Laternen
Des Winters eisig Wehn,
Am Himmel ist von den Sternen
Kein einziger zu sehn.

Wie sie nun noch eine Strecke
Weiterirrt, sieht sie von fern
An der nächsten Straßenecke
Einen ernsten jungen Herrn.
Ihm zu Füßen auf die Steine
Bricht sie ohne einen Laut,
Hält umklammert seine Beine,
Und der Herr verwundert schaut: —
Wenn dich die Menschen verlassen.
Komm auf mein Zimmer mit mir;
Jetzt tobt in allen Gassen
Nur wilde Begier.

Und sie folgte seinen Schritten,
Hielt sich schüchtern hinter ihm;
Jener hat es auch gelitten,
Wurde weiter nicht intim.
Angelangt auf seinem Zimmer,
Zündet er die Lampe an,
Bei des Lichtes mildem Schimmer
Bald sich ein Gespräch entspann: —
Es boten mir wohl viele
Ein Obdach für die Nacht,
Doch hatten sie zum Ziele,
Was mich erschaudern macht.

Ferne sei mir das Verlangen,
Sprach der ernste junge Mann,
Dir zu färben deine Wangen,
Wenn ichs nicht durch Güte kann.
Bat sie, länger nicht zu weinen.
Holte Wurst und kochte Tee,
Und am Morgen zog er einen
Taler aus dem Portemonnaie. —
Sie hat ihn bescheiden genommen
Und fand, eh der Tag vorbei,
Als Plätterin Unterkommen
In einer Wäscherei.

Aber ach, die Tage gingen
Und die Nächte freudlos hin,
Bluteswallungen umfingen
Ihren frommen Kindersinn.
Immer mußt sie sein gedenken,
Der so freundlich zu ihr war,
Immer mußt den Kopf sie senken
In der muntern Mädchenschar.
Und eines Abends um neune
Hielt sies nicht aus,
Lief ganz alleine
Nach seinem Haus.

Er war noch nicht heimgekommen,
Sie verkroch sich unters Bett,
Bis sie seinen Schritt vernommen,
Wo sie gern gejubelt hätt.
Doch sie hielt sich still da unten,
Bis er sich zu Bett gelegt
Und den süßen Schlaf gefunden,
Dann erst hat sie sich geregt.
Leise wie eine Elfe
Schlüpft sie zu ihm hinein:
Daß Gott mir helfe —
Ich bin dein!

Doch da hat er sich erhoben,
Wußte erst nicht, was geschah,
Hat die Kissen vorgeschoben,
Als das Kind er nackend sah:
Nein, jetzt will ich dich nicht haben;
Wohl dir, daß du mir vertraut!
Spare deine schönen Gaben,
Denn schon morgen bist du Braut!
Er führte binnen drei Tagen
Sie wirklich zum Altar.
Es läßt sich gar nicht sagen,
Wie glücklich sie war . . .

Frank Wedekind - Das arme Mädchen Aus: Unartige Musenkinder, Lose Lieder aus sieben Jahrhunderten gesammelt von Richard Zoozmann, Hesse & Becker Verlag, Leipzig, o. J.



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Albert Möser - An den Tod

An den Tod.
Im Lärm des Tages sind sie starr befangen:
Seht an die Jagd, die stürmisch-ruhelose,
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Pierre Louys - Rosen in der Nacht

ROSEN IN DER NACHT


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den wir unter den niederhangenden Zweigen
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tig auf sich zieht durch den Wald: ein Gebüsch
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mit dem Duft der Rosen in der Nacht. Wie
kam es nur, daß ich damals, als ich allein war,
mich nicht davon berauscht gefühlt.

Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

Edgar Steiger - Nächtlicher Ritt

Edgar Steiger - Nächtlicher Ritt


Ich bin der Sturm, der über dich braust,
Du schönste der Edeltannen.
Ich halte dich fest in krampfender Faust
Und trage dich hurtig von dannen.

Schweratmend ruhst du, selig glühende Frau,
Auf meinen bebenden Armen.
Aus deinen Haaren küss' ich den Tau,
Und fühle ein wildes Erwarmen.

Warm über die zuckenden Glieder rinnt
Der rieselnde Mainachtsregen,
Und die Liebe überschauert dich lind
Mit ihrem süßesten Segen.

Und wärst du der Teufel und wärst du der Tod,
Ich will dich umschlingen und pressen
Und das lachende Glück und die wimmernde Not
Und die eigene Seele vergessen.


Aus: Chorus eroticus, Neue deutsche Liebesgedichte, Herausgegeben von Karl Lerbs, Rainer Wunderlich Verlag, Leipzig, 1921