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Marie Madeleine - Moderne Treue

Pierre-Auguste Renoir - Mädchen beim Kämmen
Moderne Treue

Sie nahm einen blauen Bogen
Und schrieb: »Mein Ideal,
Seitdem du fortgezogen,
Sterb ich vor Liebesqual.

Dir weih ich meine Lieder,
Dir mes premières amours,
Und kehrst du niemals wieder,
Ich bleib dir treu! Toujours!« —

Sie nahm einen rosa Bogen
Und schrieb: »Mein lieber Graf!
Ich war so ungezogen,
Als ich Sie neulich traf.

Ich ging mit Ihrem Vetter,
Doch wars nicht bös gemeint;
Sie sind ja soviel netter!
Und ich bin treu, mein Freund!« —

Sie nahm einen weißen Bogen:
»Mein Prinzchen! Lieber Schatz!
Ich hab dich sehr verzogen,
Du blonder Fähnrichsfratz!

Daß Leutnant du geworden,
Das freut mich riesig! Ja!
Und hast du erst nen Orden,
Dann sprichst du mit Mama.

Du brauchst nicht so zu klagen,
Ich wart auf dich fürwahr;
Du brauchst nicht zu verzagen,
Treu bleib ich immerdar!« —

Sie nahm einen lila Bogen:
»Mein vielgeliebter Hans,
Dir bin ich sehr gewogen,
Und dir gehör ich ganz!

Nicht wägen, sondern wagen!
Darum bin ich so frei,
Dir grad heraus zu sagen:
Dir bleib ich ewig treu!« —

Nachdem sie überflogen
Das Blatt, erhob sie sich,
Besah sich all die Bogen —
Und gähnte fürchterlich!

Marie Madeleine - Moderne Treue Aus: Unartige Musenkinder, Lose Lieder aus sieben Jahrhunderten gesammelt von Richard Zoozmann, Hesse & Becker Verlag, Leipzig, o. J.

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Albert Möser - An den Tod

An den Tod.
Im Lärm des Tages sind sie starr befangen:
Seht an die Jagd, die stürmisch-ruhelose,
Mild rast der Schwarm, dem Nichts vermag zu wehren;
Ein Jeder ringt, daß er, was nützt, erlose,
Nach ird’schem Wohl steht einzig sein Verlangen,
Ihm jagt er nach mit Sorgen, lastend-schweren;
Genuß! heißt ihr Begehren,
Der winkt und lockt sirenenhaften Klanges
Und bändigt ganz der bebenden Gedanken;
Ihn suchen, die da athmen, all’ und ranken
Um’s irdische Sein sich zäh’ und gier’gen Dranges;
Am Staube seht ihr durst’gen Sinns sie kleben,
Und ihrer Sehnsucht Ziel heißt: Leben! Leben!
Doch dir, o Tod, naht selten nur ihr Fragen,
Sie lieben’s nicht, den Geist dir zuzuwenden,
Und deinen Namen nennt nicht gern die Lippe;
Denn sieh! dein Amt ist, mitleidlos zu enden
Das Sein, das sie entzückt, und drum mit Zagen Malt dich ihr Geist als höhnisches Gerippe;
Mit Stundenglas und Hippe,
Hohläugig, grinsend, wangenlos und beinern,
Also im Sinn lebst du dem Erdensohne,
Und schreckhaft gleich dem Haupte der Gorgone
Schaffst du…

Pierre Louys - Rosen in der Nacht

ROSEN IN DER NACHT


Wenn die Nacht am Himmel aufsteigt,
ist die Welt unser und der Götter.
Von den Feldern gehn wir zur Quelle,
vom dunkeln Wald nach der Lichtung, wo-
hin uns unsre bloßen Füße führen.

Die Sternlein funkeln genugsam für die klei-
nen Schatten, die wir sind. Manchmal fin-
den wir unter den niederhangenden Zweigen
schlafende Hirschkühe.

Doch zauberischer in der Nacht als alles andre
ist ein Ort, von uns allein gekannt, der uns mäch-
tig auf sich zieht durch den Wald: ein Gebüsch
geheimnisvoller Rosen.

Denn nichts ist göttlich auf der Erde, verglichen
mit dem Duft der Rosen in der Nacht. Wie
kam es nur, daß ich damals, als ich allein war,
mich nicht davon berauscht gefühlt.

Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

Ludwig Thoma - Sexuelle Aufklärung

Sexuelle Aufklärung

Der alte Storch wird nun begraben. 
Ihr Kinder lernt im Unterricht, 
Warum wir dies und jenes haben, 
Und es verbreitet sich das Licht. 


Zu meiner Zeit, du große Güte! 
Da herrschte tiefe Geistesnacht. 
Man ahnte manches im Gemüte 
Und hat sich selber was gedacht. 


Mich lehrte dieses kein Professer; 
Nur eine gute, dicke Magd 
Nahm meine Unschuld unters Messer 
Und machte auf dieselbe Jagd. 


Ihr Unterricht war nicht ästethisch, 
Im Gegenteil, sehr weit entfernt. 
Und doch, wenn auch nicht theoretisch, 
Ich hab' es ziemlich gut gelernt. 


aus: Ludwig Thoma, Kirchweih, Simplicissimus-Gedichte, Albert Langen Verlag, München, 1912