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Es werden Posts vom März, 2015 angezeigt.

Walt Whitman - Ein Ich sing' ich

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EIN ICH SING’ ICH

Ein Ich sing’ ich, einen schlichten Einzelnen,
Doch offenbar’ ich das Wort: Demokratisch, das Wort: En masse!
Die Physiologie sing’ ich vom Kopf bis zur Zehe!
Weder die Physiognomie noch das Gehirn allein sind der Muse
    würdig, ich sage: weit würdiger ist die alles umfassende Form!
Das Weibliche sing’ ich wie das Männliche!

Das Leben, unermeßlich an Leidenschaft, Puls und Kraft,
Heiter, zu freiester Tat geformt nach den göttlichen Gesetzen —
Den neuen Menschen sing’ ich!

Aus: Walt Whitman, Ich singe das Leben, E. P. Tal & Co. Verlag, Leipzig, Wien, Zürich, 1921 (Übersetzter Max Hayek)

Stéphane Mallarmé - Frühling

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Stéphane Mallarmé - Frühling

Kränklicher Lenz verjagt den Winter bang,
Den lichten Winter, heitrer Künste Zeit.
In mir regiert des Blutes Düsterkeit,
Und gähnend reckt sich meiner Ohnmacht Drang.

Im Schädel weißer Dämmerungen Glut,
Den wie ein Grab umspannt ein Eisenreifen,
Zieht mich ein schöner Traum, nicht zu begreifen,
Traurig durchs Feld voll Saft und Übermut.

Berauscht vom Duft der Bäume sink ich nieder
Und wühle mit der Stirn dem Traum ein Grab,
In warme Erde beiße ich, wo Flieder
Treibt, und warte meine Qualen ab:
Bis Sonne und Azur auf Blütenhecken lachen
Und in der vielen Vögel zwitscherndes Erwachen.


Übertragung: August Brücher / Aus: Sozialistische Monatshefte