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Es werden Posts vom 2016 angezeigt.

F. v. O. - Schönheit

Schönheit Zu dem Bilde von Philipp Klein
Durch weite Hallen waren sie gegangen Und sah’n die Glieder weißer Griechenfrau’n Und Helden dort in Marmorbildern prangen, Gestalten, wie Kristall gewordne Kraft, Und Anmuth, hoheitsvoll und räthselhaft, Gleich Boten bessrer Welten anzuschau’n. Und frohe Ahnung schwellte ihre Brust Von einer Schönheit, die sie kaum gewußt, Von hohem Rhythmus, reiner Harmonie, Drin Gott und Menschenthum zusammentönte, Die helle, große Heiterkeit verschönte — Und wie ein Rausch fast kam es über sie, Das Mädchen und die Frau. Das Mädchen sprach: »Schier könnt’ ich weinen, denk’ ich drüber nach, Wie unsre Augen darben hier im Norden, Wie sie an Reiz und Freuden arm geworden, Wo man das Schönste nimmer schauen mag, Das Meisterstück vom letzten Schöpfungstag, Wo wir in wunderlicher Scham verstecken, Was zu des Lebens Krone uns erhebt, Mit Flitterkram entstellen und bedecken, Das Beste, was auf dieser Erde lebt! — Du! Als ich heute jene Psyche sah, Wie sie so frei und züchtig sich entschleier…

Mara Belcheva - Die Höfe des Schweigens

Mara Betschewa - Die Höfe des Schweigens



Stumm liegen sie am Ende der Alleen,
Des Schweigens Höfe, dämmerlichtumflossen.
Die hohe Pforte ragt, und vor ihr stehn
Zwei Föhren Wache, wortlose Genossen.

Wer kehrte vor mir in die Höfe ein?
Die Pforte hat sich hinter ihm geschlossen.
Die Vesperglocke tönt im Abendschein —
Ihr Klang verweht, ins Weite ausgegossen.

In seinen Todeszügen liegt der Tag.
Mein Herz zuckt schmerzvoll, müde und verdrossen.
Das Glöckchen tut den letzten, leisen Schlag.
Die stillen Höfe dunkeln nachtumflossen.


Marie Pukl - Erlebnis

Erlebnis
Ich könnte sammtene Falten um Deine hohe Schlankheit schmiegen. Es sollte meine tastheisse Hand verloren in Deinem Wirrhaar liegen — Die volle Rose biete mir, die um das feuchtweisse Blinken blüht . . . Was weisst Du? Soll ich Dich locken? Soll ich Dich nehmen ehe die Sehnsucht im eigenen Purpur verglüht?

Quelle: Der Sturm, Wochenschrift für Kultur und Künste, Jahrgang 1911, 25. März 1911, Nummer 56 Lebensdaten der Dichterin nicht ermittelbar.

Friedrich Kayssler - Weib, Wind und Mond

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Der Nachtwind hat sich müde getrunken
an den kleinen Wellen des Stroms.
Nun steht er versunken
an einer Weide im Mond.

Ein Weib hat sich müde gegangen
auf steinigen Strassen,
tut sich niederlassen
unter der Weide im Mond.

Der Wind, aus seinem Traume los,
wirft eine Blüte in ihren Schoss.
Da lächelt das Weib
unter der Weide im Mond:

»Bleibe, mein Wind, in deinem Traum.
»Was streust du Blüten auf meinen Leib?
»Sieh, sie berühren mich kaum,
»da welken sie schon –
»Wehe, du Weide im Mond!

»Bin ein verzaubertes Weib, ein Weib
»unter den Mächten des Monds.
»Aber nach wenig Tagen
»bin ich des Zaubers los –
»warte, du Weide im Mond –

»Da komm du zu mir,
»da will ich dich tragen
»wie eine Blüte in meinem Schoss!
»Da sollst du nicht welken,
»da sollst du blühen mir –
»ei du mein Wind –
»unter der Weide im Mond.«
Aus: Friedrich Kayssler, Kreise, Gedichte, Erich Reiss Verlag, Berlin, 1913