Friedrich Kayssler - Weib, Wind und Mond

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Der Nachtwind hat sich müde getrunken
an den kleinen Wellen des Stroms.
Nun steht er versunken
an einer Weide im Mond.

Ein Weib hat sich müde gegangen
auf steinigen Strassen,
tut sich niederlassen
unter der Weide im Mond.

Der Wind, aus seinem Traume los,
wirft eine Blüte in ihren Schoss.
Da lächelt das Weib
unter der Weide im Mond:

»Bleibe, mein Wind, in deinem Traum.
»Was streust du Blüten auf meinen Leib?
»Sieh, sie berühren mich kaum,
»da welken sie schon –
»Wehe, du Weide im Mond!

»Bin ein verzaubertes Weib, ein Weib
»unter den Mächten des Monds.
»Aber nach wenig Tagen
»bin ich des Zaubers los –
»warte, du Weide im Mond –

»Da komm du zu mir,
»da will ich dich tragen
»wie eine Blüte in meinem Schoss!
»Da sollst du nicht welken,
»da sollst du blühen mir –
»ei du mein Wind –
»unter der Weide im Mond.«

Aus: Friedrich Kayssler, Kreise, Gedichte, Erich Reiss Verlag, Berlin, 1913

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