F. v. O. - Schönheit

Philipp Klein


Schönheit
Zu dem Bilde von Philipp Klein

Durch weite Hallen waren sie gegangen
Und sah’n die Glieder weißer Griechenfrau’n
Und Helden dort in Marmorbildern prangen,
Gestalten, wie Kristall gewordne Kraft,
Und Anmuth, hoheitsvoll und räthselhaft,
Gleich Boten bessrer Welten anzuschau’n.
Und frohe Ahnung schwellte ihre Brust
Von einer Schönheit, die sie kaum gewußt,
Von hohem Rhythmus, reiner Harmonie,
Drin Gott und Menschenthum zusammentönte,
Die helle, große Heiterkeit verschönte —
Und wie ein Rausch fast kam es über sie,
Das Mädchen und die Frau.
Das Mädchen sprach:
»Schier könnt’ ich weinen, denk’ ich drüber nach,
Wie unsre Augen darben hier im Norden,
Wie sie an Reiz und Freuden arm geworden,
Wo man das Schönste nimmer schauen mag,
Das Meisterstück vom letzten Schöpfungstag,
Wo wir in wunderlicher Scham verstecken,
Was zu des Lebens Krone uns erhebt,
Mit Flitterkram entstellen und bedecken,
Das Beste, was auf dieser Erde lebt! —
Du! Als ich heute jene Psyche sah,
Wie sie so frei und züchtig sich entschleiert —
Ein brennendes Verlangen spürt’ ich da,
Zu zeigen: was die Kunst der Griechen feiert
In Marmorliedern — wir besitzen’s auch!« —

Da sprach die Frau, indeß ein feiner Hauch
Der Lächelnden die Wangen überflog:
»Das glaub’ ich wohl — wenn sich’s auf Dich bezog —
In Deiner neunzehn Jahre schlanker Fülle,
Wärst Du wie jene Göttin — ohne Hülle!
Ich freilich nimmer — dreifach schon beglückt
Als Mutter mir entblühter junger Leben,
Hab’ ich den Schatz, mein Kind, der Dich noch schmückt,
Für Frauenschicksal gern in Tausch gegeben! —
Doch nun laß schau’n, ob Du der Griechenmaid
Dich darfst mit Recht in Wirklichkeit vergleichen?
Ich will Dir gern den goldnen Apfel reichen,
Wenn Du gewinnst! — Kein Mensch, der uns belauscht!« —

Das Mädchen lachte, nestelte am Kleid . . .
Und knisternd war schon auf den Teppich nieder
Die bunte, seidne Faltenfluth gerauscht.
Die zarte Brust entquoll befreit dem Mieder
Und hob und senkte sich im Wechselspiel —
Noch eine Schleife löste flink die Hand —
Ein kurzes Zögern — und die Hülle fiel!
Und nackt, im Hermelin der Unschuld, stand
Das Mädchen scheu und schweigend vor der Andern.
Die ließ die Augen auf und nieder wandern
An dieser Glieder königlichem Bau
Im vollen Glanz der Jugend. Und die Frau
Tief athmend sprach bewegt: »Wie schön bist Du,
Viel schöner, glaub’ ich, als die Griechin war —
Mir ist, als würd’ ein Wunder offenbar!« —

Doch seltsam klang die Antwort und versonnen:
»Schön? Und wie lange schön? Und, ach, wozu?
Sag, wenn ich wirklich solch ein Wunder bin
In Heimlichkeit — was ist dabei gewonnen?
Verstand ich richtig Deiner Worte Sinn,
Währt unsre Schönheit nur den halben Mai
Und, kaum entfaltet, ist sie auch vorbei —
Früh welken wär’ der Frauen bestes Loos?«
Und ihre Augen blickten bang und groß . . .

Der Freundin Antwort war nach kurzem Zagen:
»Von einer seltnen Blume hört’ ich sagen,
Die weltverborgen tief in Wäldern sprießt
Und nur ein einzig Mal den Kelch erschließt.
Für eine warme Frühlingsnacht allein
Erblüht sie dann in zauberischem Schein
Und ein Beglückter, der sie so erschaut
Von ungefähr, steht selig wie geblendet!
Doch wenn des Morgens Athem sie bethaut,
Hat ihre Blumenherrlichkeit geendet
Und still nur grünt sie fort und Früchte reifen
In ihrem Schooß, die süß und köstlich sind —
Willst Du des Blumenmärleins Sinn begreifen,
Du thöricht schicksalsbanges Menschenkind?
Wenn Dich die Angst, zu welken, traurig macht,
So denk’ der Blume, die nur eine Nacht
Und nur dem Einen zum Entzücken blüht!« —

Da barg die Jungfrau, purpurnüberglüht,
Verwirrt im Linnen ihren jungen Leib —
Und jene Stunde machte sie zum Weib!

F. v. O.

Aus: Jugend, Nr. 1, 1905

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