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Pierre Louys - Die nackten Füße

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DIE NACKTEN FÜSSE





Schwarz ist mein Haar, schwarz fließt es am Rücken hinab und ein kleines schwarzes Mützchen trag ich. Aus weißer Wolle ist mein Hemd und meine festen Beine bräunen in der Sonne.

Wär' ich ein Stadtkind, hätt' ich goldnes Geschmeide, und goldgestickte Hemden und silbergezierte Schuhe.... ich seh auf meine nackten Füße in ihren staubigen Schuhn.

Psophis! Komm her, du arme Kleine! Du trägst mich zur Quelle, du wäschst mir die Füße in deinen Händen und zerdrückst Oliven mit Veilchen, und lässest sie den Duft der Blumen atmen.

Heut sollst du meine Sklavin sein; du sollst mir folgen und mir dienen, und wenn der Tag sich neigt, so will ich dir für deine Mutter Linsen geben aus unserm Garten.


Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

Pierre Louys - Zärtlichkeiten

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ZÄRTLICHKEITEN




Schließe sanft deine Arme um mich, wie einen
Gürtel. O berühre, o berühre so meine Haut!
Nicht das Wasser und nicht der Südwind sind
lieblicher als deine Hand.

Liebe mich heute, kleine Schwester, du bist an
der Reihe. Gedenk der Zärtlichkeiten, die ich
dich in der vergangenen Nacht gelehrt, und nah
bei mir, die müde ist, knie nieder und rede nicht.

Deine Lippen senken sich von meinen Lippen.
Dein ganzes aufgelöstes Haar folgt ihnen, wie die
Liebkosung dem Kusse folgt. Sie gleiten über mei-
nen linken Busen; sie verbergen mir deine Augen.

Gib mir deine Hand, sie ist warm! Drück mir
die meine und laß sie nicht los. Besser als die
Lippen vereinen sich die Hände und ihrer Leiden-
schaft kommt nichts gleich.


Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

Pierre Louys - Der Greis und die Nymphen

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DER GREIS UND DIE NYMPHEN



Ein blinder Greis wohnt auf den Bergen.
Weil er die Nymphen geschaut hat, sind
seine Augen gestorben, vor langer, langer Zeit
Seitdem ist sein Glück ein fernes Erinnern.

»Ja, ich sah sie,« sagte er mir: »Helopsychria
und Limnanthis; grad aufgerichtet, nah am
Ufer, standen sie im grünen Weiher von Phy-
sos. Das Wasser stand schillernd hoch über
ihre Knie hinauf.«

»Ihr Nacken neigte sich unter dem langen
Haar. Ihre Nägel waren gleich Zikadenflügeln
dünn und zart Ihre Brüste waren hohl wie
Hyazinthenkelche.«

»Sie ließen ihre Finger übers Wasser spielen
und zogen Lilien mit langen Stengeln aus dem
unsichtbaren Schlamm. Um ihre Schenkel
rings, die auseinander standen, breiteten sich
Wasserringe langsam aus ...«

Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

Pierre Louys - Rosen in der Nacht

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ROSEN IN DER NACHT


Wenn die Nacht am Himmel aufsteigt,
ist die Welt unser und der Götter.
Von den Feldern gehn wir zur Quelle,
vom dunkeln Wald nach der Lichtung, wo-
hin uns unsre bloßen Füße führen.

Die Sternlein funkeln genugsam für die klei-
nen Schatten, die wir sind. Manchmal fin-
den wir unter den niederhangenden Zweigen
schlafende Hirschkühe.

Doch zauberischer in der Nacht als alles andre
ist ein Ort, von uns allein gekannt, der uns mäch-
tig auf sich zieht durch den Wald: ein Gebüsch
geheimnisvoller Rosen.

Denn nichts ist göttlich auf der Erde, verglichen
mit dem Duft der Rosen in der Nacht. Wie
kam es nur, daß ich damals, als ich allein war,
mich nicht davon berauscht gefühlt.

Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

Edgar Steiger - Nächtlicher Ritt

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Edgar Steiger - Nächtlicher Ritt


Ich bin der Sturm, der über dich braust,
Du schönste der Edeltannen.
Ich halte dich fest in krampfender Faust
Und trage dich hurtig von dannen.

Schweratmend ruhst du, selig glühende Frau,
Auf meinen bebenden Armen.
Aus deinen Haaren küss' ich den Tau,
Und fühle ein wildes Erwarmen.

Warm über die zuckenden Glieder rinnt
Der rieselnde Mainachtsregen,
Und die Liebe überschauert dich lind
Mit ihrem süßesten Segen.

Und wärst du der Teufel und wärst du der Tod,
Ich will dich umschlingen und pressen
Und das lachende Glück und die wimmernde Not
Und die eigene Seele vergessen.


Aus: Chorus eroticus, Neue deutsche Liebesgedichte, Herausgegeben von Karl Lerbs, Rainer Wunderlich Verlag, Leipzig, 1921

Klabund - Für Mimi

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Klabund - Für Mimi



Was ich dir hier singe,
Ist nur für dich gemacht.
Die violette Syringe,
Der Mond und das Ding der Dinge
Ist nur für dich gemacht.

Die heimliche Lust der Lüste
Ist nur für dich gemacht.
O gib mir deine Brüste!
Ebbe und Flut unsrer Küste
Sind nur für dich gemacht.

Das breite Bett, ich dächte,
Es ist für dich gemacht.
Komm, löse deine Flechte,
Denn diese Nacht der Nächte,
Sie ist für uns gemacht!


Aus: Chorus eroticus, Neue deutsche Liebesgedichte, Herausgegeben von Karl Lerbs, Rainer Wunderlich Verlag, Leipzig, 1921

Rudolf von Delius - Katharina

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Rudolf von Delius - Katharina




Ich will ja nicht deiner Seele wehe tun,
zarte, geistliebe Frau,
aber ich brauche deiner Glieder warmes Pulsen doch
— geschlossenen Auges — brauche deiner Knie
hingebend süße Willigkeit.

Du magst lächeln, aber mein Herz pocht so
und verrät mich sonst an die Sinnenhölle,
daß ich ganz schlecht werde vor Flammenqual.

Gute, Stirnhelle — das schwere Dunkelspiel
deiner starken Seele klingt wieder an
und siegjubelnd reichst du mir treu die Hand.
»Bändigung« Aber du, ich bin ganz dein:
und auch deine Brüste, du, gehören zur Seele
und nur dein Schoß ist so wunderstill.


*
Gibt mir dein Auge nicht die alte Lösung?
Da quirlt es heiter in Champagnerlust
(zerplatzend Schmetterlings-Sinnenglück),
doch alles wird lichtstrudelnd breit durchleuchtet
vom tiefen Goldglanz deiner Seelengüte.


Aus: Chorus eroticus, Neue deutsche Liebesgedichte, Herausgegeben von Karl Lerbs, Rainer Wunderlich Verlag, Leipzig, 1921

Otfried Krzyzanowski - Carmen Delirans

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Otfried Krzyzanowski - Carmen Delirans



Carmen delirans, o Lied des Wahnsinns,
das Leben bist du: zwischen Tag und Nacht: die Erschütterung.

Zu Tag und Nacht, zu keinem Menschen sprichst du,
mein geheimstes Sein sprichst du aus.

Zu einem Menschen zu sprechen! Gemeinsam ist
das Siechenhaus. Ich scheue zurück davor.

Dies eine wünsche ich nur,
daß mir der andern Sinnen ewig fremd sei.

Verzeihung, Herr oder Fräulein, Sie oder Du,
schweifen meine Blicke zu keck —
ich bin nicht neugierig, nein!

Die Haut verbirgt sich nicht und mancher Hals verlockt
zum Küssen oder Morden.


Aus: Die Bücherei Maiandros eine Zeitschrift von 60 zu 60 Tagen herausgegeben von H. Lautensack, A. R. Meyer, A. Ruest, IV-V. Buch, 1. Mai 1913

Walter Hasenclever - Die Schwester

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Walter Hasenclever -  Die Schwester




Schnell von zitterndem Arm streif das Gewand dir ab,
biege dich katzengleich, zärtliche Liebhaberin.
Leise den Finger tauch ein in dein feuchtes Grab,
unerlöst, du allein, schwankend durch Bilder hin.
Und wie du tiefer dich wärmst, steigen dir Städte auf,
Kavaliere und Herrn, heiß an dein Knie gepreßt;
in bacchantischer Lust treibst du auf Stromes Lauf,
hoch in die Gluten geküßt, und du tanzst auf dem Fest.
Und wie du jäh dich bäumst, sinnloser Rausch dich umfängt,
eilt deines Herzens Takt wilder in dunkelndes Glück,
bis dich erwachendes Licht, das deine Wimpern sengt,
müde aus traumloser Flut hebt auf die Kissen zurück.

Aus: Die Bücherei Maiandros eine Zeitschrift von 60 zu 60 Tagen herausgegeben von H. Lautensack, A. R. Meyer, A. Ruest, IV-V. Buch, 1. Mai 1913

Alexander Bessmertny - Das verlorene Paradies

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Alexander Bessmertny - Das verlorene Paradies



Die Schlange zeigte uns im Paradies
den Wurm im Apfel aufgebrochner Lust,
das Tier, das uns aus Eden ganz verstieß,
spinnt gitternd sich um jede nackte Brust.

Vom Samen aufgeblasen wie von Gift
ist jetzt das Mädchen, das den Liebsten küßte,
und widerwillig doch gezwungen trifft
der Blick die milchgeschwollnen langen Brüste.

Aufdringlich wie ein schlechtes Monument
springt uns der Zweck mit Steiß und Stank entgegen,
und keine Schönheit blieb, die sich nur kennt,
sich selbst ermordend muß sie Keime legen.

Die Schlange in dem phosphorgelben Tal
zieht atmend ein den Dunst von Tod und Zeugung.
Und nur verschnittner Knaben Madrigal
hebt Gottes Haupt empor aus seiner Beugung.


Aus: Die Bücherei Maiandros eine Zeitschrift von 60 zu 60 Tagen herausgegeben von H. Lautensack, A. R. Meyer, A. Ruest, IV-V. Buch, 1. Mai 1913

Jakob Wassermann - Liebe von damals

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LIEBE VON DAMALS

Unbefriedigtes Verlangen,
Wie erdrückst du mich,
Wenn ich nach dem tagelangen
Zwischen Groll- und Hoffnunghangen
Seufzend Deinem Trotze wich!

Keine Arbeit will von statten,
Keine heit're Stunde naht.
Einst, wenn wir geküsst uns hatten,
Gieng ich in dem milden Schatten
Deiner Liebe Pfad um Pfad.

Muss ich jetzt um Küsse betteln
Wie ein armer Vagabund?
Soll ich mit belohnten Vetteln
Jugendglück und Kraft verzetteln?
Öffne doch den stolzen Mund!

Fürchtest Du, dass meine Hände
Dir das schneeige Hemd beschmutzt . . .?
Ahnst Du nicht, dass Liebesbrände
Wie die meinen Dich am Ende
Schöner als zuvor geputzt?

Unbefriedigtes Verlangen,
Wie erfüllst du mich!
Gram und Scham auf blassen Wangen
Bin ich in die Nacht gegangen,
Aber Du bliebst jüngferlich.

(Aus Wiener Rundschau 1897)