Posts

Es werden Posts vom August, 2017 angezeigt.

Pierre Louys - Zärtlichkeiten

Bild
ZÄRTLICHKEITEN




Schließe sanft deine Arme um mich, wie einen
Gürtel. O berühre, o berühre so meine Haut!
Nicht das Wasser und nicht der Südwind sind
lieblicher als deine Hand.

Liebe mich heute, kleine Schwester, du bist an
der Reihe. Gedenk der Zärtlichkeiten, die ich
dich in der vergangenen Nacht gelehrt, und nah
bei mir, die müde ist, knie nieder und rede nicht.

Deine Lippen senken sich von meinen Lippen.
Dein ganzes aufgelöstes Haar folgt ihnen, wie die
Liebkosung dem Kusse folgt. Sie gleiten über mei-
nen linken Busen; sie verbergen mir deine Augen.

Gib mir deine Hand, sie ist warm! Drück mir
die meine und laß sie nicht los. Besser als die
Lippen vereinen sich die Hände und ihrer Leiden-
schaft kommt nichts gleich.


Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

Pierre Louys - Der Greis und die Nymphen

Bild
DER GREIS UND DIE NYMPHEN



Ein blinder Greis wohnt auf den Bergen.
Weil er die Nymphen geschaut hat, sind
seine Augen gestorben, vor langer, langer Zeit
Seitdem ist sein Glück ein fernes Erinnern.

»Ja, ich sah sie,« sagte er mir: »Helopsychria
und Limnanthis; grad aufgerichtet, nah am
Ufer, standen sie im grünen Weiher von Phy-
sos. Das Wasser stand schillernd hoch über
ihre Knie hinauf.«

»Ihr Nacken neigte sich unter dem langen
Haar. Ihre Nägel waren gleich Zikadenflügeln
dünn und zart Ihre Brüste waren hohl wie
Hyazinthenkelche.«

»Sie ließen ihre Finger übers Wasser spielen
und zogen Lilien mit langen Stengeln aus dem
unsichtbaren Schlamm. Um ihre Schenkel
rings, die auseinander standen, breiteten sich
Wasserringe langsam aus ...«

Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

Pierre Louys - Rosen in der Nacht

Bild
ROSEN IN DER NACHT


Wenn die Nacht am Himmel aufsteigt,
ist die Welt unser und der Götter.
Von den Feldern gehn wir zur Quelle,
vom dunkeln Wald nach der Lichtung, wo-
hin uns unsre bloßen Füße führen.

Die Sternlein funkeln genugsam für die klei-
nen Schatten, die wir sind. Manchmal fin-
den wir unter den niederhangenden Zweigen
schlafende Hirschkühe.

Doch zauberischer in der Nacht als alles andre
ist ein Ort, von uns allein gekannt, der uns mäch-
tig auf sich zieht durch den Wald: ein Gebüsch
geheimnisvoller Rosen.

Denn nichts ist göttlich auf der Erde, verglichen
mit dem Duft der Rosen in der Nacht. Wie
kam es nur, daß ich damals, als ich allein war,
mich nicht davon berauscht gefühlt.

Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier