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Karl Hans Strobl - Die große Spinne

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DIE GROSSE SPINNE
Von Karl Hans Strobl


Im Mittelpunkt der Welt sitzt eine Spinne.
Blutrot das Kreuz, das sie am Rücken trägt,
Und rot vom Blut die scharfen Kieferzangen,
Die sie mit einem unersättlichen Verlangen
In ihre jäh erfaßten Opfer schlägt,
Indes sie späht, ob sie nicht neuen Fraß gewinne.

Ihr Netz umspannt das All. Die Sternenräume
Sind seine Maschen, die Unendlichkeit
Hat es gewebt, und nur ein dünner Faden
Im Netz ist jenes weise Band von Sternenpfaden,
Um Zukunft spannt sich's und Vergangenheit,
Um unser Leben, unsre Wahrheit, unsre Träume.

In jedem Augenblick sind Millionen Fliegen
Gefangen in dem fürchterlichen Netz,
Um tot und ausgesaugt herabzufallen
In jene Jauche, deren Nebelwallen
Manchmal umzieht das ernste Weltgesetz,
Und wo schon Milliarden von Kadavern liegen.

In jedem Augenblick sind diesen Lachen
Schon Millionen Fliegen neu entkeimt
Und regen sich in unbedachtem Leben,
Um wieder zu der Spinne aufzuschweben,
Der Schaum und Blut um ihre Zangen schleimt,
Vor Lust und Gier, die Opfer …

Claire Morgenstern - Mich treibtʼs zu suchen

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Mich treibtʼs zu suchen / von Claire Morgenstern



Schling Deinen Arm um mich und fürchte nicht,
Daß meine Küsse Dich vielleicht verbrennen.
Ich küssʼ deswegen Dir die Seele tot,
Damitʼs Dich nicht so schmerzt, wenn wir uns trennen.

Mich treibtʼs zu suchen rastlos und zu ziehʼn,
All meines Lebens heiße, kurze Jahre.
Ich habʼ zu viel in mir Zigeunerblut,
Trotz meiner hellen Haut, der blonden Haare.

Mich treibtʼs zu wandern, nirgends fand ich Ruhʼ,
Und kannst Du mir ein Weilchen Frieden schenken,
Und wärʼs nur eine kleine, kurze Frist,
So will ichʼs Dir mein Leben lang gedenken.

Verdammt zur Unrast ist mein heißes Herz,
Weiß nichts vom Glück, das andre Frauen kennen — —

Schling Deinen Arm um mich und fürcht Dich nicht,
Daß meine Küsse Dich vielleicht verbrennen . . .

Annette von Droste-Hülshoff - Der Knabe im Moor

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Annette von Droste-Hülshoff - Der Knabe im Moor



O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Haiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt –
O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstige Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor’,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran, nur immer im Lauf,
Voran, als woll’ es ihn holen;
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohle…

Therese Ferenczy - Führt man bei stiller Dämmerung

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Therese Ferenczy - Führt man bei stiller Dämmerung



Führt man bei stiller Dämmerung
Zum Friedhof trauernd mich,
Dann folgst du auf dem letzten Gang
Dem Sarge hoffentlich.

So wie der Mond die Nacht erhellt
Mit seinem milden Strahl,
So sei mein Segen dir ein Stern
In dunkler Zeit der Qual!

Wenn Lerchen singen ihr Frühlingslied
Auf meinem Leichenstein,
Besuche, Liebster, auch du mein Grab
Bei'm ersten Frühlingsschein.

Die Trauerweide wird flüstern dann
Von Glaube und Hoffnung dir,
Das jenseits der Liebe schöner Lenz
Vergänglich nicht wie hier! 


Aus: Klänge aus dem Osten. 
Ungarische Dichtungen frei übersetzt von Demeter Dudumi 

Narcisa Amália - Bruchstücke

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Narcisa  Amália - Bruchstücke




Mein Herz ist gleich der armen Turteltaube,
Die auf dem Mangobaum im dunklen Laube
Verborgen stöhnt und klagt und seufzt und schwärmt;
Ist gleich dem edlen Schwan im Silberflaume,
Der liebekrank hinhaucht im Wellenschaume
Sein letztes Lied, sehnsüchtig und verhärmt.

Mein Herz ist gleich des Ostens Lotosblume,
Die, eingepflanzt der dürren Ackerkrume
Des Westens, lechzt nach heimatlichem Thau;
Sie neigt das Haupt im bleichen Dämmerschatten
Und lispelt leis' in sterbendem Ermatten:
"Ihr Lüfte, tragt mich fort zur schön'ren Au!"

Ach, könnt' ich auf der Jugendflur in Freude
Vergessen all des Lebens Dorngestäude
Und wandeln Schmerzengall' in Nektarflut,
Dann steigen, um den Mund ein Lilienlächeln,
Empor zu Höh'n, wo Edens Lüfte fächeln,
Im Flügelschwung verzückter Liebesglut!


Übersetzung: Wilhelm Storck

Catull - An Lesbia

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Catull - An Lesbia



Wie viel' Küsse von dir ich brauche, fragst du,
Bis ich, Lesbia, endlich satt dich habe?

So viel' Körner der Sand des Wüstenmeeres
Zählt in Afrika zwischen Ost und Westen,

So viel Sterne herab in stummen Nächten
Auf verstohlene Menschenliebe schauen,

So viel' Küsse von dir zu küssen, wünscht dein
Ungestümer Catull, um satt zu werden!

Und kein neidisches Auge soll sie zählen,
Keine tückische Zunge sie verrathen!

(Übersetzung: Theodor Vulpinus)

Flora Majthenyi - Es flieht die Wolke

Flora Majthenyi - Es flieht die Wolke . . .

Es flieht die Wolke hoch über der Blume,
Und schleiergleich deckt sie den Himmel so rein,
Sie flieht, sie flieht im Spiel mit den Lüften,
Läßt aber die Blume zurück allein.

Es blickt die Arme ihr nach mit Sehnen,
In Düften gleichsam fleht sie zu ihr:
"Ach nimm mich dahin - in schönere Gegend,
Wohin ich nicht fliehen kann, nimm mich mit dir!"

Die Wolke, vielleicht vernahm sie es nimmer,
Eilt über die Berge, zieht hin und her
Weit durch des Aethers strahlende Ferne,
Doch auf die Blume sieht sie nicht mehr.

Zur Rast erwählt sie den höchsten der Gipfel,
Nachdem sie lange durchzogen die Luft,
Und ruhelos wandert, ach unbeachtet
Ihr nach der Blume Seele - der Duft! 

Aus: Klänge aus dem Osten, Ungarische Dichtungen frei übersetzt von Demeter Dudumi, Pesth Verlag von H. Geibel, 1855

Johannes Trojan – Gedanken der Hausfrau

Johannes Trojan – Gedanken der Hausfrau     

Noch immer strömt herab der Regen,
Und Wolken ballen sich im Thal!
Jetzt hab' ich Zeit zu überlegen,
Was heut schon auf verschiednen Wegen
Sich leise durch die Seele stahl.

Was mag jetzt wohl die Rieke machen?
Ob sie das Haus getreu bewacht?
Ob sie vielleicht mit wildem Lachen
Zu andern sagt: »Weg ist der Drachen!« –
Mir ahnt es, was die Rieke macht.

Noch immer Regen? – Leider! Leider!
Und Rieke? O wie sie stolzirt,
Im allerbesten meiner Kleider
Am Sonntag, wenn zur Hasenheid' er,
Der August, sie und Line führt!

Was für ein Regen! – Leicht errathen
Lässt sich, was sonst die Rieke thut:
Ich seh die Küche voll Soldaten!
Ich seh die Rieke für sie braten,
Und unser Wein schmeckt ihnen gut!

Man raucht in unserm besten Zimmer –
Ha! Wie's in meinem Herzen wühlt! –
Man will auch tanzen – immer schlimmer!
Das Pianino sinkt in Trümmer,
Von rauher Kriegerhand gespielt!

Es klärt sich auf? – Mit moosgem Barte
Der alte Berggreis hat's gesagt.
Auf, ins Gebirg! – Wart…

François Villon - Eine Ballade für den Hausgebrauch im Winter

François Villon 

Eine Ballade für den Hausgebrauch im Winter

Franz Villon sagt: das bin ich,
welcher groß und grade vor euch steht.
Seht, in seinen Augen spiegeln sich
alle Dinge umgedreht.

Niemand weiß, woher er kam,
mag auch niemand hier sein Bruder sein.
Als er sich den Wind zur Wohnung nahm,
und ins Bett den kalten Stein:

Hat er seine Heimat satt gehabt,
wollte lieber sein ein Waisenkind,
so zerfetzt und abgeschabt,
wie im Herbst die Bäume sind.

Wenn ich eure Huld jetzt will,
Bettelpack im Hospital,
und auch manchen Abend still
euren Wein bestahl:

Hier, im Nebel, sind wir alle gleich,
Kavalier und Schinderknecht.
Jeder raucht bekümmert bleich
seinen Tobak und verträgt ihn schlecht.

Hängt zu guteletzt noch gar
eine Larve sich in das Gesicht.
Alles, was an ihm natürlich war,
stäubt zu Asche in dem trüben Licht.

Aber Franz der sagt:
auch der Nebel tut euch nix.
Wenn der Wind den Schnee zusammenjagt,
brauen wir uns einen Glühwein fix.

Mit dem schönsten Suff im Bausch
fängt die Welt ers…

Ricarda Kurz - Schicksal

Ricarda Kurz
Niemals nenn' ich deinen Namen, 
Teuren Namen meiner Liebe. 
Zu des Lebens Festgetriebe 
Wir zwei späte Gäste kamen -
Ist kein Platz mehr frei?

Du gehst hier, und ich geh' dorten, 
Nimmer gehen wir zusammen; 
Unsre Herzen schlagen Flammen, 
Aber sagen's nicht in Worten, 
Brechen fast entzwei.

Schliefen gern auf einem Kissen, 
Säßen gern auf einem Pfühle; 
Doch getrennt stehn unsre Stühle, 
Und uns schmeckt kein einz'ger Bissen 
Von des Lebens Mahl.

Siehst du still nach mir hinüber, 
Kann mich ferner keine laben 
Von den zugeteilten Gaben; 
Dich in Schmerzen hätt' ich lieber -
Keinem ward die Wahl.