Donnerstag, 10. Mai 2018

Annette von Droste-Hülshoff - Der Knabe im Moor

Annette von Droste-Hülshoff - Der Knabe im Moor

Der Knabe im Moor von Gerhard Wedepohl


O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Haiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt –
O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstige Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor’,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran, nur immer im Lauf,
Voran, als woll’ es ihn holen;
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstige Melodei;
Das ist der Geigenmann ungetreu,
 Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
„Ho, ho, meine arme Seele!“
Der Knabe springt wie ein wundes Reh,
Wär’ nicht Schutzengel in seiner Näh’,
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwehle.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimathlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief athmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,
O, schaurig war’s in der Haide!

Donnerstag, 3. Mai 2018

Therese Ferenczy - Führt man bei stiller Dämmerung

Therese Ferenczy - Führt man bei stiller Dämmerung

Abtei im Eichwald (Caspar David Friedrich)


Führt man bei stiller Dämmerung
Zum Friedhof trauernd mich,
Dann folgst du auf dem letzten Gang
Dem Sarge hoffentlich.

So wie der Mond die Nacht erhellt
Mit seinem milden Strahl,
So sei mein Segen dir ein Stern
In dunkler Zeit der Qual!

Wenn Lerchen singen ihr Frühlingslied
Auf meinem Leichenstein,
Besuche, Liebster, auch du mein Grab
Bei'm ersten Frühlingsschein.

Die Trauerweide wird flüstern dann
Von Glaube und Hoffnung dir,
Das jenseits der Liebe schöner Lenz
Vergänglich nicht wie hier! 


Aus: Klänge aus dem Osten. 
Ungarische Dichtungen frei übersetzt von Demeter Dudumi 

Dienstag, 1. Mai 2018

Narcisa Amália - Bruchstücke

Narcisa  Amália - Bruchstücke


Portrait von Narcisa  Amália


Mein Herz ist gleich der armen Turteltaube,
Die auf dem Mangobaum im dunklen Laube
Verborgen stöhnt und klagt und seufzt und schwärmt;
Ist gleich dem edlen Schwan im Silberflaume,
Der liebekrank hinhaucht im Wellenschaume
Sein letztes Lied, sehnsüchtig und verhärmt.

Mein Herz ist gleich des Ostens Lotosblume,
Die, eingepflanzt der dürren Ackerkrume
Des Westens, lechzt nach heimatlichem Thau;
Sie neigt das Haupt im bleichen Dämmerschatten
Und lispelt leis' in sterbendem Ermatten:
"Ihr Lüfte, tragt mich fort zur schön'ren Au!"

Ach, könnt' ich auf der Jugendflur in Freude
Vergessen all des Lebens Dorngestäude
Und wandeln Schmerzengall' in Nektarflut,
Dann steigen, um den Mund ein Lilienlächeln,
Empor zu Höh'n, wo Edens Lüfte fächeln,
Im Flügelschwung verzückter Liebesglut!


Übersetzung: Wilhelm Storck

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten. Ein holdes Räthsel soll ich lösen, Und schon ist mir die Deutung klar, Ich weiß...