Freitag, 18. Oktober 2019

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten.

Ein holdes Räthsel soll ich lösen,
Und schon ist mir die Deutung klar,
Ich weiß, der Anmuth Art und Wesen
gleich und lieblich immerdar,
Und soll ich nicht die Schöne kennen,
Die freundlich meinem Liede lauscht,
Als Gott muß ich die Schönheit nennen,
Die mit Begeissrung mich berauscht.

Der Schönheit wundervoller Segen,
Der jedes Künstlerauge weiht,
Wie oft schon strahlt’ er mir entgegen
An seiner ganzen Göttlichkeit;
Drum kenn’ ich auch in Deinen Blicken
Den Himmelsglanz, der sie durchglüht,
Und schnellbeflügelt vom Entzücken
Schwingt sich zu Dir empor mein Lied.

Und wenn mich einst mein Wanderleben
Auf Deine Blumenpfade führt,
So wird in mir die Saite beben,
Die Deine Zauber jetzt gerührt, —
Wenn mich der rasche Schritt der Zeiten
Vorüberreißt mit Sturmgewalt,
Laß dann mich nicht vorübergleiten
Gleich einem Schatten, stumm und kalt.

Und warst Du unsichtbar geblieben,
So kommst Du wohl zu einem Stein,
Drauf steht von Freundesband geschrieben;
»Der Schönheit Sänger schließ’ ich ein.«
Dann denke, auch zu Deinem Ruhme
Sang dieser vielbewegte Sinn,
Und freundlich eine kleine Blume
Legst Du zum kalten Marmor hin.

                    Wilhelm von Chézy

Damen Zeitung.
Ein Morgenblatt für die Elegante Welt.
Nr.70  24. März 1830.

Sonntag, 15. September 2019

Arvid August Afzelius - Das Lied des Nix

Arvid August Afzelius - Das Lied des Nix


Tief im Meer, auf Demantenkissen,
Sitzt der Nix, in dem grünen Saal,
Nächt'ge Jungfraun eifrig sind beflissen
Zu verschleiern Berge und Thal.
Abend steht im schwarzen Hochzeitskleid;
Kein Geräusch, kein Lüftchen hört man weit und breit.
Alles rings auf den Feldern schweigt,
Wenn goldner Burg Meerkönig nun entsteigt.

Aegirs Töchter schaukeln ihn so leise,
Wenn er schwebt auf der See daher,
Trüb klingt zu der Harfe seine Weise,
Sucht sich fern ein Grab im Meer.
Fest sich hebt sein Aug' zu dunklem Himmelsplan,
Daß die Königin kommt - kein Stern zeigt's an,
Freya kämmet ihr goldnes Haar,
Die Harfe schlägt der Nix, an Freude baar.

Stern, wo bliebst Du, wann soll ich Dich schauen!
In der blauenden Dämmerung Stund?
Du, die schönste von der Erde Frauen,
Warst meine Braut auf des Meeres Grund,
Wenn mein Zauber füllt das Herz mit süßer Lust,
Schwoll in seligem Entzücken meine Brust.
Hin dann stellt ich, im Flusse, kühl,
Die goldne Harfe, ließ mein Saitenspiel!

Odin hob Dich auf zu reinern Orten,
Ewig nun strahlst Du auf himmlischer Flur,
Einsam ist Dein Harfner jetzt geworden,
Hat Dein Bild, Deinen Namen nur!
Wenn die Midgaardsschlange einst erhebet sich,
Alles sich erlöst - seh ich dann wieder Dich?
Ja, dann soll ich auf Wogen traut,
Zaubern neue Welt im goldnen Harfenlaut!

So der Arme. Doch am Himmelsrande
Lächelt Freya süß durch die Nacht,
Ewig auf die goldbestreuten Strande
Ihre Thränen träufelten sacht'.
Ihren Freund im Meere grüßte sie so mild,
Wogen spiegeln zitternd sanft der Holden Bild,
Freudig der Nix auf der Woge schlägt
So hell die goldne Harfe, tief bewegt.

Nächt'ge Jungfrau'n, klare Sterne wallen
In dem stillen Abend zum Tanz,
Wenn vom Strand die Silbertöne schallen
Schimmernd über ihm voll Glanz.
Wenn der Tag sich blutig dann im Ost erhebt,
Bleicht die sanfte Maid, die schnell von hinnen schwebt;
Sehnt sich nach dem Trauten so sehr,
Doch die goldne Harfe tönt nicht mehr!


Übersetzung: Edmund Lobedanz

Arvid August Afzelius (6. Mai 1785 in Hornborga - 25. September 1871 in Enköping) war ein schwedischer Priester, Psalmist und Forscher schwedischer Volkskunde.

Freitag, 13. September 2019

Johan Sebastian C. Welhaven - Wann kommt die Rosenzeit?

Johan Sebastian C. Welhaven - Wann kommt die Rosenzeit?


Du erste Rose, du, die ich seh,
In dieses Thales Eden,
Dein Lächeln weckt mir süßes Weh,
Doch süß auch mußt du nun reden.

O, sag mir es doch, ob der Lenz nicht hier,
Bald, bald, mit Flügeln erblühet
Für sie, die du kennst, o sag es mir;
Für sie ja mein Herze erglühet!

Für sie, die stolz, voll treuem Muth,
Die Weh mir niemals konnte bringen;
Den dornenvollen Weg mach' ich breit und gut,
Der Liebe, o, muß Alles ja gelingen.

Übersetzung: Edmund Lobedanz 

Johan Sebastian Welhaven, „Johan Sebastian Cammermeyer Welhaven“ (22. Dezember 1807 in Bergen - 21. Oktober 1873 in Christiania) war ein norwegischer Lyriker, Literaturkritiker und Kunsttheoretiker.

Donnerstag, 12. September 2019

Jens Peter Jacobsen - An Asali

Jens Peter Jacobsen - An Asali



Sonst träumt' ich wohl jedwede Nacht,
Ich hätte dein Herz gewonnen;
Ach, finster erschien mir des Tages Pracht,
Wenn der selige Traum zerronnen.

Nun quält mich allnächtlich ein Traumgesicht,
Ich hätte dein Herz verloren;
O wie scheint mir der Tag nun klar und licht
Und mein Glück aufs neue geboren.


Übersetzung: Robert F. Arnold 

Jens Peter Jacobsen (7. April 1847 in Thisted - 30. April 1885 in Thisted) war ein dänischer Schriftsteller.

Mittwoch, 11. September 2019

Einar Hjörleifsson - Da sank sie leblos hin . . .

Einar Hjörleifsson - Da sank sie leblos hin . . .



Als jugendlich Weib, liebreizend erblüht,
erschien mir die Sehnsucht, dem Knaben;
mein Blut ward heißer, das Herz war erglüht
und mußte an Liedern sich laben.
Im herrlichsten Grün begann sich der Halm,
vom Wind erst gezaust, zu erheben;
der Sehnsucht Blick durch den Nebelqualm
verlieh ihm ein kräftiges Leben.

Es kam nicht allein, das holdselige Weib,
mit der Jugend rosigem Scheine;
es brachte mit sich ihre Töchterlein,
viel spielende, hüpfende, kleine.
Die sangen so lustig, so laut, so laut,
und flüsterten manchmal so leise, so leise;
dann lachten sie wieder so traut, so traut -
und alles in herziger Kinderweise.

Ich meinte lieblich zu träumen . . .

Dann schied sie wieder, mit einem warmen
und freundlichen Händedruck und sprach:
"Ich geh' und laß dir die Kinder!" - Die armen -
sie wurden meine Hoffnungen, ach!

Und später, nach mancher Jahre Verlauf,
kam sie wieder zu mir, doch allein,
die Sehnsucht mit rosigen Wangen.
Bei ihrem Anblick sprang ich schnell auf,
erfüllt von Angst und von Bangen.
Sie fragte: "Wo sind denn die Töchter mein?"
""Ach, alle gestorben . . . dahingegangen!""

Da sank sie leblos hin mit verblassenden Wangen . . .


Übersetzung: J. C. Poestion

Einar Hjörleifsson Kvaran (6. Dezember 1859 in Vallanes - 21. Mai 1938 in Reykjavík) war ein isländischer Schriftsteller.

Dienstag, 10. September 2019

Fredrika Bremer - Der Schnee

Fredrika Bremer - Der Schnee


Sinkt, Flocken, nur herab,
Und macht mir kalt mein Grab!
Der Brust, die siedet hier,
Wird Kühlung einst bei dir!

Und senkt' man mich hinab,
Senkt mehr dann auf mein Grab,
Dann bin ich wohl verwahrt,
Wenn ich vergessen ward!

Denn - keine Mutter soll
Mich suchen, trauervoll,
Kein Vater, trüb im Sinn,
Soll fragen, wer ich bin.

Nicht mit der Sorge schwer
Kommt eine Schwester her,
Und keines Bruders Herz
Hier schüttet aus den Schmerz!

Kein einz'ger treuer Freund
Kommt an mein Grab und weint,
Und weiht, beim Morgenlicht,
Mir ein Vergißmeinnicht.

Er, der mir Alles galt,
Geh' drüber stumm und kalt,
Die Braut an seinem Arm,
Beglückt und liebeswarm.

Ach, eis'ge Flocken, fall't,
Macht's Bette doppelt kalt,
Damit das Herz, so brach,
Nicht wieder neu erwach'!

Übersetzung: Edmund Lobedanz

Fredrika Bremer (17. August 1801 auf dem Gut Tuorla bei Piikkiö - 31. Dezember 1865 auf Schloss Årsta, Gemeinde Haninge) war eine schwedische Schriftstellerin und Initiatorin der schwedischen Frauenbewegung.

Montag, 9. September 2019

Jens Peter Jacobsen - Irmelin Rose

Jens Peter Jacobsen - Irmelin Rose


Seht, es war einmal ein König,
Als den Reichsten pries man ihn,
Und der beste seiner Schätze
Hieß mit Namen Irmelin,
Irmelin Rose,
Irmelin Sonne,
Irmelin alles, was schön war.

Schier von jedem Ritterhelme
Wehte ihrer Farben Schein,
Und mit jedem Reim der Sprache
Klang ihr Namen überein:
Irmelin Rose,
Irmelin Sonne,
Irmelin alles, was schön war.

Freier kamen scharenweise
Hergezogen zum Palast,
Und zu zärtlichen Geberden
Klang ihr Schmeicheln ohne Rast:
Irmelin Rose,
Irmelin Sonne,
Irmelin alles, was schön ist.

Doch Prinzessin Stahlherz jagte
All die Freier schnippisch fort,
Fand an jedem was zu tadeln,
Hier die Haltung, da das Wort.
Irmelin Rose,
Irmelin Sonne,
Irmelin alles, was schön ist.

Übersetzung: Robert Franz Arnold

Jens Peter Jacobsen (7. April 1847 in Thisted - 30. April 1885 in Thisted) war ein dänischer Schriftsteller.

Sonntag, 8. September 2019

Gisli Brynjulfsson - Des Himmels Licht zu schaun

Gisli Brynjulfsson  - Des Himmels Licht zu schaun


Des Himmels Licht zu schaun - o süße Lust
zur Dämmerzeit!
Doch süßer ist es, an der Liebsten Brust
zu ruhn in Welt- und Selbstvergessenheit!

Gar wonnig schmeckt des Metes süßer Trank
zur Abendstund'. -
Doch wär' mir selbst vor Tod und Hel* nicht bang,
reicht mir die Liebste ihren süßen Mund.

Klar ist das Wasser, klarer ist der Wein -
wer weiß das nicht?
Noch klarer ist des Lachens goldner Schein,
der aus den Augen meines Mädchens bricht!

So laßt uns trinken klaren Wein im Kreis
bei Sang und Klang,
und klarer Augen zu der Liebsten Preis
laßt uns gedenken unser Leben lang! 

* Hel - die Todesgöttin
_____

Übersetzung: J. C. Poestion

Gísli Gíslason Brynjúlfsson (3. September 1827 in Ketilsstaðir á Völlum - 29. Mai 1888 in Kopenhagen) war ein isländischer Schriftsteller. Er gilt als der erste politische Dichter Islands.

Samstag, 7. September 2019

Björnstjerne Björnson - Das blonde Mädchen

Björnstjerne Björnson - Das blonde Mädchen


Ich weiß, sie wird sich von mir wenden,
So scheu, wie je ein Traum entwich -:
Und doch, ich kann nur immer enden:
Du blondes Kind, ich liebe dich!
Ich liebe deiner Augen Träume:
So weilt auf Schnee der Mondnacht Ruh
Und tastet sich durch steile Bäume
Nur ihr verschlossnen Tiefen zu.

Ich liebe diese Stirn: ein Siegel
Der Reinheit, blickt sie sternenklar
In der Gedankenfluten Spiegel,
Der eignen Fülle kaum gewahr.
Ich liebe dieses Haar, sich drängend
Aus seines Netzes strengem Band:
Voll kleiner Liebesgötter hängend,
Verlockt es Auge mir und Hand.

Ich liebe diese schlanken Glieder
Mit ihrem Rhythmus wie Gesang.
Hell klingt des Lebens Wonne wieder
Aus ihrer Pulse dunklem Drang.
Ich liebe diesen Fuß, dich tragend
In deiner Herrlichkeit und Kraft,
Durchs muntre Land der Jugend wagend
Den Weg zur ersten Leidenschaft.

Ich liebe diese Lippen, Hände,
In Amors eifersüchtiger Pacht;
Des Würdigsten als Siegesspende
Gewärtig und für ihn bewacht.
Ja, schürze nur die schönen Brauen
Und wende dich zur Flucht und sprich:
Kein Mädchen dürfe Dichtern trauen.
Ich liebe dich! Ich liebe dich!

Übersetzung: Christian Morgenstern

Bjørnstjerne Martinius Bjørnson (8. Dezember 1832 in Kvikne (fylke Hedmark) - 26. April 1910 in Paris) war ein norwegischer Dichter, Literaturnobelpreisträger und Politiker. Bjørnson verfasste unter anderem die norwegische Nationalhymne.

Freitag, 6. September 2019

Björnstjerne Björnson - Das Mädchen am Strand

Björnstjerne Björnson - Das Mädchen am Strand


Sie ging am Strande so jung dahin,
Sie dachte an nichts in ihrem Sinn.
Da kam ein Maler geschritten heran,
Der im Schatten sodann,
In des Meeres Bann,
Den Strand und sie zu malen begann.

Langsamer im Kreise ging sie dahin;
Ein einziger Gedanke, der lag ihr im Sinn:
Sie dacht an das Bild auf der Leinewand,
Wo sie selbst stand,
Sie selber am Strand,
Und im Meer mit dem Himmel gespiegelt sich fand.

Es trieb, es zog ein Traum sie dahin;
Sie dachte an vieles in ihrem Sinn:
Weit, weit übers Meer und doch so nah
Zum Strand, den sie sah,
Zum Mann allda -
Ei, was für ein sonniges Wunder geschah!

Übersetzung: Ludwig Fulda

Bjørnstjerne Martinius Bjørnson (8. Dezember 1832 in Kvikne (fylke Hedmark) - 26. April 1910 in Paris) war ein norwegischer Dichter, Literaturnobelpreisträger und Politiker. Bjørnson verfasste unter anderem die norwegische Nationalhymne.

Donnerstag, 5. September 2019

Bjarni Thorarensen - Küsse mich nochmals!

Bjarni Thorarensen - Küsse mich nochmals!


Sollst dich nicht wundern, o Svava,
Dass die Wort' ich nur stammle -
Ohne Zusammenhang - einzeln -
Die Atemnot macht es -
Noch, dass ich wieder dir nahe,
Da wir soeben geküsst uns.
Dräng' mich von dir nicht zurück,
Du bist mir etwas schuldig!

Weisst du nicht, dass unsere Seelen
An den Thoren sich trafen?
Da setzte die meinige, Svava,
Sich dir auf die Lippen;
Ruhend auf rosigem Lager
Dünkte sie reich sich!
Noch im Schlummer dort nickt sie
Und träumt von dir, Svava!

Weisst du's! Es liegt nun mein Leben
Auf deinen Lippen!
Lass es mich schlummernd saugen
Vom schimmernden Lager!
Lass nicht den Tod mich erleiden,
Ich bitte dich, Svava:
Gieb mir zurück meine Seele
Und küsse mich nochmals!

Übersetzung: J. C. Poestion 

Bjarni Thorarensen (geb. 30. Dezember 1786 in Brautarholt, Kjalarnes; gest. 24. August 1841 in Möðruvellir) war ein isländischer Schriftsteller.

Mittwoch, 4. September 2019

Steingrímur Thorsteinsson - Der Name

Steingrímur Thorsteinsson - Der Name



Du schriebst wohl meinen Namen
In weissen Meeressand;
Doch bald die Wogen kamen -
Und spurlos er verschwand.

Du ritztest auf der Insel
In Schnee und Eis ihn ein;
Da schwand er im Gerinnsel
Beim warmen Sonnenschein.

Und auch in eine Linde
Schnittst du ihn ein im Wald -
Treulosen Sinns; die Rinde
Verwuchs darauf gar bald.

Betrübt und traurig wein' ich;
Du kennst ihn nun nicht mehr;
An zu viel Orten, mein' ich,
Stand wohl geschrieben er.

An jedem bis auf einen:
Nur nicht im Herzen dein!
Ich aber schnitt den deinen
Allein ins Herz mir ein! 


Übersetzung:  J. C. Poestion

Steingrímur Thorsteinsson, (1831 in Arnarstapi, Island - 1913 in Reykjavík, Island) war ein isländischer Dichter.

Dienstag, 3. September 2019

Páll Ólafsson - Der kleine Wasserfall

Páll Ólafsson - Der kleine Wasserfall



Ergötzliches sah ich da jüngst einmal
in den Fjorden im südlichen Lande,
als morgens ich saß am Meeresstrande.
Ein munteres Flüßchen im grünen Tal
hatt' einen Fels auseinander getrieben -
es war so lang' bei der Arbeit geblieben,
daß nie der Schlaf in sein Auge klar
seit dem Morgen der Zeiten gekommen war.

Es hat erst unter den Felsen dort,
nachdem es vom steilen Berge gekommen,
was seine größte Lust war, vernommen:
ein Lachen und Plätschern in einem fort,
ein Singen und Brausen, ein Jubeln und Spielen
im lustigen Reigen zusammen von vielen;
da wurde geflüstert, geküßt und gelüpft
und dann und wann auch ein Tänzchen gehüpft.

Es waren ja Wellen, die nicht gewußt,
daß es Flüsse auch gebe, große und kleine;
sie sprangen spielend über die Steine,
das Rollen der Kiesel war ihre Lust.
Da fiel es dem Flüßchen ein, zu entweichen,
durch eine Spalte sich fortzuschleichen.
Doch der Felsen unten war steiler Stein,
das Flüßchen aber so zart und klein.

Was braucht es da vieler Worte Schwall,
zu melden von Gegnern, mit denen's gerungen,
und wie es endlich den Felsen bezwungen;
es ward nun zu einem Wasserfall.
Dann eilt' es, versteckt im Gestein zu fließen,
um lautlos sich in das Meer zu ergießen.
Es zu schaun ist den Wogen doch erst geglückt,
als ein Küßchen es ihnen aufgedrückt.

Sie wichen zurück in die Meeresflut
und zürnten alle dem kleinen Flüßchen
und waren ganz feuerrot von dem Küßchen,
als hätt' sie bestrahlt des Abendscheins Glut.
Das Flüßchen jedoch, das schwatzte vom Küßchen.
Da riefen ans Land sie und fragten das Flüßchen:
Wie heißest du denn? - Ei: Wasserfall!
Was willst du? - Das Küssen gibt fröhlichen Schall.

Das Küssen? so schrien sie entsetzt - und im Nu
begann die Ebbe sich einzustellen;
jedoch, als es Tag ward, da hatten die Wellen
im Meere draußen nicht länger Ruh':
die Weiße des Flüßchens, sein Stimmgekose,
sein Singsang, sein Liebesgeplauder, das lose,
sein Kuß: dies alles lockte sie an,
und so schlichen sie wieder ans Ufer heran.

Dann kamen für immer sie überein,
bei ihm zu bleiben und Lieder und Sagen
und Küsse zu tauschen nach Lust und Behagen
und immerdar wach und munter zu sein. -
Wie glücklich ist, wem zu seinen Lieben
der Gang auch immer so leicht geblieben,
des Lebens Beschwerden so mühelos,
wie dem Flüßchen der Fall in der Wogen Schoß!


Übersetzung: J. C. Poestion


Páll Ólafsson (geboren am 8. März 1827, gestorben am 23. Dezember 1905) war ein isländischer Dichter, bekannt für seine Liebes- und Pferdelyrik.

Montag, 2. September 2019

Andreas Munch - Beim Sonnenuntergang

Andreas Munch - Beim Sonnenuntergang


Nun sinkt hinab die Sonne sacht
In fernen Waldes Schatten,
Und sendet Frieden für die Nacht,
Wie Gold, auf Meer und Matten.
Ein süß wehmüthig Flüstern geht
Durch's Birkenlaub so stille,
Vom Schlummer, der bevor nun steht
Mit süßer Träume Fülle.

Des Tages Abschiedsthräne gießt
Sich über Halm und Blume,
Der Lilie Kelch sich leise schließt,
Gleich einem Heiligthume.
Der Vögel Lieder schweigen schon,
Das Thal scheint nachzusinnen:
Was, wenn die Sonne nun entflohn,
Die Erde mag beginnen?

Sei ohne Furcht, du meine Seel',
Und seufze nicht verstohlen.
Aus Nacht steigt Liebe ohne Fehl',
Wie Duft von den Violen.
Wenn sich die Sonn' in ihren Schoos, -
Der Liebe Quell - gesenket,
Ist ihr nachfolgen süßes Loos,
Das Ruh dem Sehnen schenket!

Übersetzung: von Edmund Lobedanz

Andreas Munch, (19. Oktober 1811 in Christiania - 27. Juni 1884 in Vedbæk) war ein norwegischer Schriftsteller.

Sonntag, 1. September 2019

Jens Peter Jacobsen - Asali

Jens Peter Jacobsen - Asali



Wenn sich zuhöchst der Hoffnung Zweige ranken,
Zunächst dem Himmel, den mein Herz begehrt,
Dann grade zeugt die Seele Nachtgedanken,
Und wenig hilfts, wenn sich die Hoffnung wehrt.

Wird sie wohl je den Sklaven lieben können?
Denn Sklave war ich, eh sie mir erschien.
Wird sie zur Hilfe nur die Hand mir gönnen,
Doch höhnisch meinen Armen sich entziehn?

Und kann sie an mich glauben, mir sich neigen,
Den Weg der Liebe gehn an meiner Hand?
Wie weiß sie denn, daß mir noch Kraft zu eigen,
Und daß mein Mut die Knechtschaft überstand?

Doch nein! Zum Sklaven ward ich nicht geboren,
Es war ein Königssohn, den sie befreit;
Die Fessel fiel. Der hat sein Spiel verloren,
Ders wagt, zu trotzen meiner Herrlichkeit.

Ich will, daß sie empor zum Gatten schaue,
Sich voll Vertrauen dem Herrn ergebe, mir.
Sie teilt mein Reich als eines Königs Fraue,
Und fernste Zeiten wissen noch von ihr. 


Übersetzt von Robert Franz Arnold

Jens Peter Jacobsen (7. April 1847 in Thisted - 30. April 1885 in Thisted) war ein dänischer Schriftsteller.

Samstag, 31. August 2019

Jens Peter Jacobsen - Eine Arabeske

Jens Peter Jacobsen - Eine Arabeske


Irrtest du je in dunklen Wäldern?
Kennst du Pan?
Ich hab ihn gefühlt,
Nicht in den dunklen Wäldern,
Als alles Schweigende sprach,
Nein! Den Pan hab ich nie gekannt,
Aber der Liebe Pan hab ich gefühlt,
Da schwieg, was sonsten spricht.

Auf sonnenwarmen Gefilden
Wächst ein seltsam Kraut;
Nur in tiefstem Schweigen,
Wenn tausend Sonnenstrahlen niederbrennen,
Eine flüchtige Sekunde lang
Öffnet es seine Blüte.
Es blickt wie eines Wahnsinnigen Auge.
Wie rote Wangen einer Leiche:
In meiner Liebe
Hab ichs geschaut.

Sie war wie Jasmins süßduftender Schnee,
Mohnblut floß in ihren Adern,
Die kalten, marmorweißen Hände
Ruhten ihr im Schoß,
Wie Wasserlilien im tiefen See.
Ihre Worte fielen weich,
Wie Apfelblütenblätter
Auf das thaufeuchte Gras;
Aber Stunden gabs,
Da wanden sie sich kalt und klar empor,
Wie des Wassers steigende Strahlen.
Seufzen war in ihrem Lachen,
Jubel in ihrem Weinen;
Vor ihr mußt' alles sich beugen -
Nur zwei durften ihr trotzen,
Ihre eignen Augen.

Aus giftiger Lilie
Blendendem Kelche
Trank sie mir zu,
Ihm, der nun tot,
Und ihm, der jetzt zu ihren Füßen kniet.
Mit uns allen trank sie
- Und da war der Blick ihr folgsam -
Den Becher des Gelübdes unwankender Treue
Aus giftiger Lilie
Blendendem Kelche.

Alles ist hin!
Auf schneebedeckter Fläche
Im braunen Wald
Wächst ein einsamer Dornbusch,
Die Winde durchwühlen sein Laub.
Stück für Stück,
Stück für Stück
Streut er die blutroten Beeren
Hinab in den weißen Schnee,
Die glühenden Beeren
In den kalten Schnee. -

Kennst du Pan?


Übersetzt von Robert Franz Arnold

Jens Peter Jacobsen (7. April 1847 in Thisted - 30. April 1885 in Thisted) war ein dänischer Schriftsteller.

Freitag, 30. August 2019

Wilhelm von Chézy - Die weiße Frau

Wilhelm von Chézy - Die weiße Frau.
(Bei Langensteinbach).

„Ein flüchtig Liedchen auf den Lippen,
Das Herz belebt von treuem Sinn,
So fahr’ ich zwischen starren Klippen
Keck durch des Lebens Brandung hin.“

So singt er laut zum Saitenspiele
In der smaragdnen Waldesnacht,
Wo er im heimlichen Asyle
Allein mit tiefer Sehnsucht wacht.
Den Wonnemond will er begrüßen,
Den jetzt gebiert des Jahres Schoos;
So zieht er hin auf leichten Füßen
Und preist des Sängers selig Loos. 

Die Sterne, so im Morgenscheine
Verbleichend schon herniedersehn,
Die Blätter, so im Buchenhaine
Voll Frühlingsfeier rauschend wehn,
Die Vöglein, deren muntre Kehle
Die heitre Einsamkeit belebt, –
Es grüßt sie all’ aus voller Seele
Sein Lied, das durch die Saiten bebt.

Wie wohl ist ihm im Waldesschatten,
Der schaurig-süße Ahnung hegt!
Drum floh er von den offnen Matten,
Wo sich zu laut das Leben regt;
Und rüstig fördert er die Schritte,
Denkt an die ferne, treue Braut,
Als plötzlich in des Waldes Mitte
Er ein verfallnes Kirchlein schaut.

Und in den ernsten, grauen Trümmern,
Um die sein Netz der Epheu strickt,
Er in dem räthselhaften Schimmern
Ein seltsam Frauenbild erblickt:
Ein Wesen, wie aus Duft gewoben,
Schwedt durch das Thor im Gotteshaus,
Und in der Rechten, hoch erhoben,
Winkt es mit einem Blumenstrauß.

Und zaudernd bleibt er lauschend stehen,
Und starrt mit Grau’n ins offne Thor;
Da sieht er’s wieder glänzend wehen,
Und Töne klingen in sein Ohr.
Wie träumend blickt er auf die Schwelle,
Wo, angethan mit weißem Kleid,
Ihm lockend ruft nach der Kapelle
Und mit dem Strauße winkt die Maid.

„Willkommen Knabe! holder Knahe!“ –
Singt sie mit silberhellem Ton; –
„Erlöse mich aus meinem Grabe,
Und dich erwartet reicher Lohn!
Die Blumen, wie vom Thau sie glänzen,
Den noch der Sonnenstrahl nicht traf,
Sie sollen deine Stirne kränzen,
Befreist du mich vom Zauberschlaf!“ –

„Mich lüstet’s nicht nach deinem Kranze,
Nicht trüb’ er meines Herzens Ruh!
Mir winkt mit einem höhren Glanze
Ein Kranz der reinsten Minne zu;
Behalte deiner Blumen Fülle,
Mir lacht ein dauernderes Glück;
Zieh’ nur, entsagend, in die Hülle
Des Grabes wieder dich zurück!“ 

„Ach, schöner Knabe!“ – sang sie wieder –
„O wüßtest du, was du verschmähst!
Was trägt dir denn der Schatz der Lieder,
Den rings du in die Lüfte sä’st?
Arm ziehst du doch dahin auf Erden!
Doch nimmst die Blumen du von mir,
Wird jede zum Juwel dir werden,
Und Glanz und Ruhm sich häufen dir!“

„O laß mich!“ rief er – „Solche Gaben
Sind’s nicht, wonach mein Herz begehrt!
Am Frühlingsgold will ich mich laben,
Vom Gold der Tiefen unbeschwert;
Der Thau in Augen und in Blüthen
Ist mit der köstlichste Demant,
Was willst du mir noch Schätze bieten,
Der längst sich überreich genannt?“ –

„Trotzvoller Knabe, laß dir rathen!
Ein andres Kleinod dir noch blüht,
Um das in Liedern und in Thaten
Manch’ edler Ritter sich bemüht.
Laß führen dich zu einer Blume,
Die manches Lebens Sonne war,
Komm, folge mir den Weg zum Ruhme,
Sonst quält dich Reue immerdar!“ –

„Laß ab, Verführerin! wo Treue
Im Herzen unverwelklich blüht,
Da nistet nie sich mehr die Reue,
Die leere Herzen nur durchglüht.
Fahr wohl! nicht deine bunten Steine
Begehr’ ich, noch dein Gold so licht!
Frei laß mich ziehn durch meine Haine!
Reich ist, wem Treue Kränze flicht.“ –

Sie sieht ihn rasch von hinnen scheiden,
Und seufzt, verweh’nd in leisen Duft:
„Auf’s Neue muß ich wieder leiden
Auf sieben Jahr‘ in kühler Gruft!“ –
Er aber steigt hinab zu Thale,
Die Seele jauchzt, die Saite tönt,
Und laut erschallt im Morgenstrahle
Der Sang, der alle Schätze höhnt:

„Ein flüchtig Liedchen auf den Lippen,
Das Herz belebt von treuem Sinn,
So fahr ich unter Sturm und Klippen
Keck durch des Lebens Brandung hin!“


Von der deutschsprachigen Wikisource übernommen

Jens Peter Jacobsen - Namenlos

Jens Peter Jacobsen - Namenlos


Eines Abends gedenk ich vor allen,
Gedenke seiner genau, wehmütig stolz,
In jubelnder Demut. 
Stille wars im Zimmer,
Singendes Schweigen;
So klar und milde fiel der Lampe Schein
Über die feinen, schönen Züge;
Und ich sah  aber nicht, daß das Licht
Über die feinen, schönen Züge fiel 
Nein! es war, als lenkte meine Seele
In schaffender Gewalt den Blick
Fort von des Lichtes zitterndem Strom.
Und ihre Augen sahn auf mich so sehnsuchtsmilde,
Daß mein Gedanke seltsam zu flüstern begann:
Wert sei ich des Besitzes . . .
Dann fiel der Schatten auf die holden Züge.
Kein Wort ward laut
 Denn jedes Wort gab den Gedanken Fesseln ,
Kein Händedruck gewechselt,
Denn daß ich da sei, wußt ich wahrlich nicht.
Doch daß zusammen wir gehören, weiß ich,
Daß nichts in Ewigkeit uns scheiden kann,
War jener Tag auch unser letzt Begegnen. 

Übersetzt von Robert Franz Arnold

Jens Peter Jacobsen (7. April 1847 in Thisted - 30. April 1885 in Thisted) war ein dänischer Schriftsteller.

Donnerstag, 29. August 2019

Oscar Levertin - Wieder

Oscar Levertin - Wieder


So wurden milder nun die Schmerzen,
Die einst so wild gebraust, gelärmt;
Selbst jener Kummer schläft im Herzen,
An dem ich einst mich krank gehärmt.
Verrauscht ist auch das letzte Wogen
Mit Seufzerton im Zeitensand:
Die laute Fluth, sie ist verflogen,
Liess tote Muscheln nur am Strand.

Doch neu in hellem, heiterm Blauen
Wie einst im Lenz das Meer mir lacht —
Auf Saaten kann ich wieder bauen:
Ich weiss, es keimt die Juninacht!
Nun lieb' ich dich, du hartes Leben,
Das fruchtbar seine Bäume neigt —
Und magst du nehmen oder geben:
Der Reife segnet dich, und schweigt.

Übersetzung: Erich Brausewetter

Oscar Ivar Levertin (17. Juli 1862 im Socken Gryt, Gemeinde Valdemarsvik bei Norrköping - 22. September 1906 in Stockholm) war ein schwedischer Schriftsteller.

Mittwoch, 28. August 2019

Kristinn Stefánsson - Island

Kristinn Stefánsson - Island.


Nationalblume Islands. Bild von  Jörg Hempel
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Mit Freuden immer, unser Herz zu laben,
gedenken dein wir, Mutter, traut und hold.
Wir brauchen wahrlich nicht zu tief zu graben,
bis licht uns leuchtet der Erinnerung Gold.

So kam es: Zogen wir auch in die Weite,
hat übers Meer das Schicksal uns geführt,
klingt rein in unsrer Brust doch jede Saite,
wenn sie Erinnerung an dich berührt.

Nicht böser Wille ließ von dir uns scheiden;
kein falscher Tadel treffe unsre Schar!
Wer weiß es nicht, wie reich an Weh und Leiden
bei dir zu Hause unser Leben war!

Ist auch noch alles hier am neuen Herde,
sei's, wie es sei, nach kleiner Art bestellt,
sind wir so gut doch Kinder deiner Erde
wie jene, denen's nur daheim gefällt.

Du kennst den Wunsch, der immer uns beseelte:
Dein Glück zu sehn, dir hilfreich stets zu sein.
Wir möchten gern — wenn uns die Macht nicht fehlte —
vom Weg dir wälzen selbst den schwersten Stein.

Und diesen Tag — ihn weihten wir für immer
wie dir so ihm,* der dich geliebt so sehr;
denn deine Saga kündet uns, daß nimmer
für dich ein andrer mehr getan als er.

Wir grüßen dich, o Heimat, aus der Ferne.
Wie schlügen wir — zu knüpfen Land an Land —
des Brudersinnes Brücke, ach, so gerne
weit übers Meer von hier zu deinem Strand!

* Jón Sigurdsson, isländischer Patriot

Übersetzer: J. C. Poestion

Kristinn Stefánsson (1856 - 1916) war ein isländicher Dichter.

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