Samstag, 31. August 2019

Jens Peter Jacobsen - Eine Arabeske

Jens Peter Jacobsen - Eine Arabeske


Irrtest du je in dunklen Wäldern?
Kennst du Pan?
Ich hab ihn gefühlt,
Nicht in den dunklen Wäldern,
Als alles Schweigende sprach,
Nein! Den Pan hab ich nie gekannt,
Aber der Liebe Pan hab ich gefühlt,
Da schwieg, was sonsten spricht.

Auf sonnenwarmen Gefilden
Wächst ein seltsam Kraut;
Nur in tiefstem Schweigen,
Wenn tausend Sonnenstrahlen niederbrennen,
Eine flüchtige Sekunde lang
Öffnet es seine Blüte.
Es blickt wie eines Wahnsinnigen Auge.
Wie rote Wangen einer Leiche:
In meiner Liebe
Hab ichs geschaut.

Sie war wie Jasmins süßduftender Schnee,
Mohnblut floß in ihren Adern,
Die kalten, marmorweißen Hände
Ruhten ihr im Schoß,
Wie Wasserlilien im tiefen See.
Ihre Worte fielen weich,
Wie Apfelblütenblätter
Auf das thaufeuchte Gras;
Aber Stunden gabs,
Da wanden sie sich kalt und klar empor,
Wie des Wassers steigende Strahlen.
Seufzen war in ihrem Lachen,
Jubel in ihrem Weinen;
Vor ihr mußt' alles sich beugen -
Nur zwei durften ihr trotzen,
Ihre eignen Augen.

Aus giftiger Lilie
Blendendem Kelche
Trank sie mir zu,
Ihm, der nun tot,
Und ihm, der jetzt zu ihren Füßen kniet.
Mit uns allen trank sie
- Und da war der Blick ihr folgsam -
Den Becher des Gelübdes unwankender Treue
Aus giftiger Lilie
Blendendem Kelche.

Alles ist hin!
Auf schneebedeckter Fläche
Im braunen Wald
Wächst ein einsamer Dornbusch,
Die Winde durchwühlen sein Laub.
Stück für Stück,
Stück für Stück
Streut er die blutroten Beeren
Hinab in den weißen Schnee,
Die glühenden Beeren
In den kalten Schnee. -

Kennst du Pan?


Übersetzt von Robert Franz Arnold

Jens Peter Jacobsen (7. April 1847 in Thisted - 30. April 1885 in Thisted) war ein dänischer Schriftsteller.

Freitag, 30. August 2019

Wilhelm von Chézy - Die weiße Frau

Wilhelm von Chézy - Die weiße Frau.
(Bei Langensteinbach).

„Ein flüchtig Liedchen auf den Lippen,
Das Herz belebt von treuem Sinn,
So fahr’ ich zwischen starren Klippen
Keck durch des Lebens Brandung hin.“

So singt er laut zum Saitenspiele
In der smaragdnen Waldesnacht,
Wo er im heimlichen Asyle
Allein mit tiefer Sehnsucht wacht.
Den Wonnemond will er begrüßen,
Den jetzt gebiert des Jahres Schoos;
So zieht er hin auf leichten Füßen
Und preist des Sängers selig Loos. 

Die Sterne, so im Morgenscheine
Verbleichend schon herniedersehn,
Die Blätter, so im Buchenhaine
Voll Frühlingsfeier rauschend wehn,
Die Vöglein, deren muntre Kehle
Die heitre Einsamkeit belebt, –
Es grüßt sie all’ aus voller Seele
Sein Lied, das durch die Saiten bebt.

Wie wohl ist ihm im Waldesschatten,
Der schaurig-süße Ahnung hegt!
Drum floh er von den offnen Matten,
Wo sich zu laut das Leben regt;
Und rüstig fördert er die Schritte,
Denkt an die ferne, treue Braut,
Als plötzlich in des Waldes Mitte
Er ein verfallnes Kirchlein schaut.

Und in den ernsten, grauen Trümmern,
Um die sein Netz der Epheu strickt,
Er in dem räthselhaften Schimmern
Ein seltsam Frauenbild erblickt:
Ein Wesen, wie aus Duft gewoben,
Schwedt durch das Thor im Gotteshaus,
Und in der Rechten, hoch erhoben,
Winkt es mit einem Blumenstrauß.

Und zaudernd bleibt er lauschend stehen,
Und starrt mit Grau’n ins offne Thor;
Da sieht er’s wieder glänzend wehen,
Und Töne klingen in sein Ohr.
Wie träumend blickt er auf die Schwelle,
Wo, angethan mit weißem Kleid,
Ihm lockend ruft nach der Kapelle
Und mit dem Strauße winkt die Maid.

„Willkommen Knabe! holder Knahe!“ –
Singt sie mit silberhellem Ton; –
„Erlöse mich aus meinem Grabe,
Und dich erwartet reicher Lohn!
Die Blumen, wie vom Thau sie glänzen,
Den noch der Sonnenstrahl nicht traf,
Sie sollen deine Stirne kränzen,
Befreist du mich vom Zauberschlaf!“ –

„Mich lüstet’s nicht nach deinem Kranze,
Nicht trüb’ er meines Herzens Ruh!
Mir winkt mit einem höhren Glanze
Ein Kranz der reinsten Minne zu;
Behalte deiner Blumen Fülle,
Mir lacht ein dauernderes Glück;
Zieh’ nur, entsagend, in die Hülle
Des Grabes wieder dich zurück!“ 

„Ach, schöner Knabe!“ – sang sie wieder –
„O wüßtest du, was du verschmähst!
Was trägt dir denn der Schatz der Lieder,
Den rings du in die Lüfte sä’st?
Arm ziehst du doch dahin auf Erden!
Doch nimmst die Blumen du von mir,
Wird jede zum Juwel dir werden,
Und Glanz und Ruhm sich häufen dir!“

„O laß mich!“ rief er – „Solche Gaben
Sind’s nicht, wonach mein Herz begehrt!
Am Frühlingsgold will ich mich laben,
Vom Gold der Tiefen unbeschwert;
Der Thau in Augen und in Blüthen
Ist mit der köstlichste Demant,
Was willst du mir noch Schätze bieten,
Der längst sich überreich genannt?“ –

„Trotzvoller Knabe, laß dir rathen!
Ein andres Kleinod dir noch blüht,
Um das in Liedern und in Thaten
Manch’ edler Ritter sich bemüht.
Laß führen dich zu einer Blume,
Die manches Lebens Sonne war,
Komm, folge mir den Weg zum Ruhme,
Sonst quält dich Reue immerdar!“ –

„Laß ab, Verführerin! wo Treue
Im Herzen unverwelklich blüht,
Da nistet nie sich mehr die Reue,
Die leere Herzen nur durchglüht.
Fahr wohl! nicht deine bunten Steine
Begehr’ ich, noch dein Gold so licht!
Frei laß mich ziehn durch meine Haine!
Reich ist, wem Treue Kränze flicht.“ –

Sie sieht ihn rasch von hinnen scheiden,
Und seufzt, verweh’nd in leisen Duft:
„Auf’s Neue muß ich wieder leiden
Auf sieben Jahr‘ in kühler Gruft!“ –
Er aber steigt hinab zu Thale,
Die Seele jauchzt, die Saite tönt,
Und laut erschallt im Morgenstrahle
Der Sang, der alle Schätze höhnt:

„Ein flüchtig Liedchen auf den Lippen,
Das Herz belebt von treuem Sinn,
So fahr ich unter Sturm und Klippen
Keck durch des Lebens Brandung hin!“


Von der deutschsprachigen Wikisource übernommen

Jens Peter Jacobsen - Namenlos

Jens Peter Jacobsen - Namenlos


Eines Abends gedenk ich vor allen,
Gedenke seiner genau, wehmütig stolz,
In jubelnder Demut. 
Stille wars im Zimmer,
Singendes Schweigen;
So klar und milde fiel der Lampe Schein
Über die feinen, schönen Züge;
Und ich sah  aber nicht, daß das Licht
Über die feinen, schönen Züge fiel 
Nein! es war, als lenkte meine Seele
In schaffender Gewalt den Blick
Fort von des Lichtes zitterndem Strom.
Und ihre Augen sahn auf mich so sehnsuchtsmilde,
Daß mein Gedanke seltsam zu flüstern begann:
Wert sei ich des Besitzes . . .
Dann fiel der Schatten auf die holden Züge.
Kein Wort ward laut
 Denn jedes Wort gab den Gedanken Fesseln ,
Kein Händedruck gewechselt,
Denn daß ich da sei, wußt ich wahrlich nicht.
Doch daß zusammen wir gehören, weiß ich,
Daß nichts in Ewigkeit uns scheiden kann,
War jener Tag auch unser letzt Begegnen. 

Übersetzt von Robert Franz Arnold

Jens Peter Jacobsen (7. April 1847 in Thisted - 30. April 1885 in Thisted) war ein dänischer Schriftsteller.

Donnerstag, 29. August 2019

Oscar Levertin - Wieder

Oscar Levertin - Wieder


So wurden milder nun die Schmerzen,
Die einst so wild gebraust, gelärmt;
Selbst jener Kummer schläft im Herzen,
An dem ich einst mich krank gehärmt.
Verrauscht ist auch das letzte Wogen
Mit Seufzerton im Zeitensand:
Die laute Fluth, sie ist verflogen,
Liess tote Muscheln nur am Strand.

Doch neu in hellem, heiterm Blauen
Wie einst im Lenz das Meer mir lacht —
Auf Saaten kann ich wieder bauen:
Ich weiss, es keimt die Juninacht!
Nun lieb' ich dich, du hartes Leben,
Das fruchtbar seine Bäume neigt —
Und magst du nehmen oder geben:
Der Reife segnet dich, und schweigt.

Übersetzung: Erich Brausewetter

Oscar Ivar Levertin (17. Juli 1862 im Socken Gryt, Gemeinde Valdemarsvik bei Norrköping - 22. September 1906 in Stockholm) war ein schwedischer Schriftsteller.

Mittwoch, 28. August 2019

Kristinn Stefánsson - Island

Kristinn Stefánsson - Island.


Nationalblume Islands. Bild von  Jörg Hempel
Licensed under the Creative Commons Share Alike 3,.0


Mit Freuden immer, unser Herz zu laben,
gedenken dein wir, Mutter, traut und hold.
Wir brauchen wahrlich nicht zu tief zu graben,
bis licht uns leuchtet der Erinnerung Gold.

So kam es: Zogen wir auch in die Weite,
hat übers Meer das Schicksal uns geführt,
klingt rein in unsrer Brust doch jede Saite,
wenn sie Erinnerung an dich berührt.

Nicht böser Wille ließ von dir uns scheiden;
kein falscher Tadel treffe unsre Schar!
Wer weiß es nicht, wie reich an Weh und Leiden
bei dir zu Hause unser Leben war!

Ist auch noch alles hier am neuen Herde,
sei's, wie es sei, nach kleiner Art bestellt,
sind wir so gut doch Kinder deiner Erde
wie jene, denen's nur daheim gefällt.

Du kennst den Wunsch, der immer uns beseelte:
Dein Glück zu sehn, dir hilfreich stets zu sein.
Wir möchten gern — wenn uns die Macht nicht fehlte —
vom Weg dir wälzen selbst den schwersten Stein.

Und diesen Tag — ihn weihten wir für immer
wie dir so ihm,* der dich geliebt so sehr;
denn deine Saga kündet uns, daß nimmer
für dich ein andrer mehr getan als er.

Wir grüßen dich, o Heimat, aus der Ferne.
Wie schlügen wir — zu knüpfen Land an Land —
des Brudersinnes Brücke, ach, so gerne
weit übers Meer von hier zu deinem Strand!

* Jón Sigurdsson, isländischer Patriot

Übersetzer: J. C. Poestion

Kristinn Stefánsson (1856 - 1916) war ein isländicher Dichter.

Dienstag, 27. August 2019

Erik Gustaf Geijer - Reseda

Erik Gustaf Geijer - Reseda.



Blume, die im Schattenhaine
   Hier du weilest unerkannt,
Dich besing' ich, Wunderreine,
   Fremde du aus besser'm Land!

Deiner Knospen zarte Weihe
   Sprengte nicht der Sonne Blick,
Drängtest nicht in erste Reihe,
   Bliebest tief im Gras zurück.

Doch ob Lichtesglanz dir fehle,
   Heil'ges Feuer wohnt in dir:
Deine schmucklos stille Seele
   Blüht in ihrer eig'nen Zier.

Leben muss zu Leid sich wenden:
   Lieblich hauchst du dein Gebet —
Freu' dich, Blume! Freude spenden
   Geht vor Schönheitsmajestät.

Übersetzer: Hanns von Gumppenberg

Erik Gustaf Geijer (12. Januar 1783 auf Hof Ransäter, Gemeinde Munkfors - 23. April 1847 in Stockholm) zählt zu den wichtigsten schwedischen Schriftstellern der Romantik, war auch als Komponist tätig.

Montag, 26. August 2019

Hulda Garborg - Bendik and Aarolilja

Hulda Garborg - Bendik and Aarolilja



Bendik rode to Sölondo
There a maid to find,
But never will he ride back again:
Cruel fate dooms him there to die.
   Aarolilja, why sleep you so long?

Young Bendik dwelt in the King's castle
More than a week or two;
He fell in love with the King's daughter
Maiden so fair and true.
   Aarolilja, why sleep you so long?

The King he built a drawbridge high,
Built it of shining gold.
' Whoever crosses this bridge shall die,
Be he prince or warrior bold?
   Aarolilja, why sleep you so long?

Answered the King young Bendik bold,
Thus boldly answered he,
'It is I who will cross your bridge of gold
Even if I die presently
Aarolilja, why sleep you so long?

Then Bendik tells her of his love,
Praises her beauty so rare: 
'Like ripe yellow apples bending low .
Are the braids of your golden hair.
   Aarolilja, why sleep you so long?

Down came the fist of the Danish King:
'Now shall young Bendik die
Not all the wealth of the wide, wide world
Pardon for him can buy.'
   Aarolilja, why sleep you so long?

Cries out the maiden to the King,
'Spare, Father, spare my love
'Cease, daughter, cease, ere this sword of mine
Be dripping with maiden's blood
   Aarolilja, why sleep you so long?

Shadows fell on the whole wide world,
All living things in their pain,
The leaves and the deer and the silent birds
Begging his life in vain.
   Aarolilja, why sleep you so long?

There beside the lonely church
Beautiful Bendik was slain:
High, high in the tower she pined and died,
Fair broken-hearted maid.
   Aarolilja, why sleep you so long?

On the north side young Bendik sleeps,
On the south Aarolilja lies,
And out of their graves two lilies grow,
Marvel to sorrowing eyes.
   Aarolilja, why sleep you so long?

High over the church the lilies grow,
Each to each other they cling;
A-twining together the flowers they blow,
Foretelling the doom of the King.
   Aarolilja, why sleep you so long?


From: Dances of Norway by Klara Semb, Crown Publishers New York, 1951
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Hulda Garborg (geboren am 22. Februar 1862 in Stange als Karen Hulda Bergersen; gestorben am 5. November 1934 in Asker) war eine norwegische Schriftstellerin und Theaterregisseurin.
Garborgs literarisches Werk verlief großenteils parallel zu dem ihres Mannes, muss aber selbstständig betrachtet werden. Wie ihr Mann Arne war sie interessiert an der norwegischen nationalen Identität, beispielsweise am Bunad, an Volkstänzen, an der traditionellen Küche und Familie, aber auch an Theater und Frauenrechten. Sie begann mit der Publikation von Artikeln über die norwegische Küche, welche später gesammelt erschienen. Danach konzentrierte sie sich auf das Theater und gründete Det norske spellaget, welches heute als Det Norske Teatret bekannt ist. Sie schrieb schließlich auch Romane und Sachliteratur, veröffentlichte politische Schriften in Zeitschriften und Magazinen, unter anderem zu Frauenrechten, und hielt Reden. So schrieb sie eine Protestschrift gegen Otto Weiningers frauenfeindliches Hauptwerk Geschlecht und Charakter.
Quelle: wikipedia


Sonntag, 25. August 2019

Erik Axel Karlfeldt - Mittsommerlied

Erik Axel Karlfeldt - Mittsommerlied.


Dein Aug' ist Sommerabendschein
   Voll Lust und Sehnsuchtsleide,
Dein Antlitz licht und blumenfein,
   Dein Haar von gelber Seide —
Ich kam zu nah dem schönen Leib,
   Dem lockenden und heissen,
Ich küsste, nannte dich mein Weib!
   Statt klug mich loszureissen.

Ach, nimmer ja und nirgendwo
   Auf weiter, grüner Erde
Am Hochzeitstische liebefroh
   Mit dir ich sitzen werde!
Wenn einst ein sel'ges Paar entweicht
   Zum Ruhgemach vom Reigen,
Dann geh' ich hinterdrein vielleicht,
   Den Brautmarsch euch zu geigen.

Jetzt rinnt so schnell die kurze Nacht
   Wie eine Zauberstunde,
Dein rother Mund, wie hell er lacht
   Aus leichter Walzerrunde ...
Gott gnad' dem Fiedler, dessen Hand
   Zu schwer zum Lustverbreiten,
Der jung und arm und glückverbannt
   In diesen Freudezeiten!

Übersetzer: Ernst Brausewetter

Erik Axel Karlfeldt (geboren als Erik Axel Eriksson am 20. Juli 1864 in Karlbo bei Avesta, gestorben am 8. April 1931 in Stockholm) war ein schwedischer Lyriker und Literaturnobelpreisträger (1931).
Im Oktober 1931 wurde Karlfeld der Nobelpreis für Literatur verliehen. Er ist bis heute der einzige Literaturnobelpreisträger, der postum ausgezeichnet wurde. 

Samstag, 24. August 2019

Oscar Levertin - Lied eines Mönches

Oscar Levertin - Lied eines Mönches.


Urtheile nicht nach dieser Kutte,
   Nach langem, leerem Zeitvertreib:
Freiwillig wühlt' ich nicht im Schutte,
   In Büchern, Pergamentgeachreib'!
Nie wählt' ich mir statt Weltenweite
   Die Zelle hier zum Lebensziel —
Nur weil mein Arm zu schwach zum Streite,
   Griff zögernd ich zum Federkiel.

Nicht meine Schriften sollst du fragen,
   Der Studien kleingeschäft'gen Wust:
Doch der Gedanken kühnes Wagen,
   Der Träume wilde Thatenlust!
Die herrschende Gewalt bemerke,
   Die drängend mir das Blut erregt,
Des heissen Taktes Heldenstärke,
   Der all' mein Sinnen treibt und trägt!

Denn jede That in Sag' und Sange
   Durchflammte mich mit Feuerlust,
Und jedem tollen Ueberschwange
   Hab' froh ich mich verwandt gewusst!
Kein Ross zum Kampfe sah ich springen,
   Das nicht von mir ein Wünschen trug,
Und alle blanken Schwerterklingen
   Verlockten mich zu Griff und Zug!

Da draussen wogt das bunte Leben
   So wild und süss — kann ich verstehn,
Warum es nicht auch mir gegeben,
   Glückselig drinnen zu vergehn:
Zu sprossen wie die jungen Zweige
   Am Baum des Seins in frischer Kraft,
Zu leeren bis zur letzten Neige
   Des vollen Bechers schweren Saft?

Der Abend dämmert wehmuthshelle:
   Vollendet wieder klingt im Ohr
Ein Lied vom Leben — doch die Zelle
   Hält mich gefangen wie zuvor.
Ich dichte Hymnen und Legenden,
   Drin meine Sehnsucht überquillt:
Doch wird mir erst aus Todes Händen
   Der Trank, der mein Begehren stillt.


Übersetzung Erich Brausewetter

Oscar Ivar Levertin (17. Juli 1862 im Socken Gryt, Gemeinde Valdemarsvik bei Norrköping - 22. September 1906 in Stockholm) war ein schwedischer Schriftsteller.

Levertin studierte von 1882 bis 1887 in Uppsala. Dort wurde er auch 1889 Dozent für Literaturgeschichte. Zehn Jahre später wurde er zum Professor für dasselbe Fach ernannt. Mit Verner af Heidenstam wandte er sich gegen den Naturalismus. Als Literaturkritiker der Zeitung Svenska Dagbladet beeinflusste Levertin vor allem die Neuromantiker Schwedens. Levertins eigene Lyrik ist häufig sehr symbolistisch übersteigert.

Freitag, 23. August 2019

Karl August Tavaststjerna - Fliegensummen

Karl August Tavaststjerna  - Fliegensummen.


Wir stürmen, wie Fliegen, die Fensterscheiben!
Wir haben ja Flügel! Nicht drinnen wir bleiben!
Wir summen, wir stürmen und kommen zu Falle,
beginnen aufs Neue — hinaus zieht es alle!

Dort ist unser Heim; am liebsten wir hausen
in freier Natur, wo uns Winde umbrausen.
Drauf! Stürmen wir abermals gegen die Scheiben!
Sie springen schon, wenn wir's weiter so treiben!

Doch hinten im Saale am Esstische prassen
die übrigen Fliegen, da sitzend in Massen;
sie naschen Süßes, ertrinken im Glase,
besudeln das Tischtuch und mehren die Rasse.

In Scharen sie froh um die Schüsseln sich lagern.
Wir stürmen die Scheiben, wenn wir auch vermagern!
Der Sonne wir leben! Im Freien wir sterben!
Ansturm auf die Scheibe .... sie fällt noch in Scherben!

Übersetzung Ernst Brausewetter

Donnerstag, 22. August 2019

Karl August Tavaststjerna - Vergessen

Karl August Tavaststjerna  - Vergessen.


Sacht, wie der Wolke schwindet ihr Purpur
   Ueber der leuchtenden Fläche der Bucht,
Leis, wie das Lüftchen dort in der Weite
   Mälich verschwebt in unmerklicher Flucht,
Fern, wie das Echo stirbt nach dem letzten
   Hallenden Ton von der Fischerin Sang:
Werd' ich vergessen dich, die du Purpur
   Gabest dem Leben und Lenzhauch und Klang!

Übersetzung: Hanns von Gumppenberg 

Karl August Tavaststjerna (13. Mai 1860 in Annila – 20. März 1898, Björneborg/Pori) war ein finnischer Schriftsteller schwedischer Sprache.
Sein Schaffen wurde von August Strindberg, mit dem er in Berlin Umgang hatte, und Alexander Kielland beeinflusst. Tavaststjerna gilt als einer der wichtigsten Vertreter der schwedischen Literatur Finnlands Ende des 19. Jahrhunderts.

Mittwoch, 21. August 2019

Jón Th. Thóroddsen - Das Hirtenmädchen

Jón Th. Thóroddsen - Das Hirtenmädchen.


Hab' eine Maid gesehn
dort, wo herniedergehn
Bergwässer blau.
Wie sie die Herde rief,
flink über Höhen lief!
War bald in Schluchten tief,
bald in der Au.

Oft zu bequemrem Lauf
schürzt sie ihr Röckchen auf,
soweit sich's schickt.
Mützchen ist neu noch fast
und daran hängt ein Quast;
gut ihr das Jäckchen paßt,
sauber gestrickt. 

Goldiges Lockenhaar
fällt auf ihr Schulternpaar,
voll ist die Brust.
Liebreizend blickt das Kind,
schneeweiß die Hände sind,
Lippen zum Küssen lind,
welch eine Lust!

Ruft sie ihr »Ho!« im Tal,
hallt es vom Felsensaal
wider im Nu;
denn, was in Berg und Schluft,
Hügel, Gestein und Kluft
hauset an Alfen, ruft
freundlich ihr zu.

Ein frischer Junge liegt
dicht an den Berg geschmiegt:
Bergbach im Tal;
küßte zu mancher Stund
Schäferins heißen Mund,
war sie recht müde und —
durstig zumal.

Bei einem Graustein baut'
sie sich ein Hüttchen traut,
das du dort siehst.
Birkholz dazu sie fand;
drei Schuh hoch ist die Wand!
hier sucht sie Unterstand,
wenn es recht gießt.

Stets ist zur Seite ihr
Sendill; das brave Tier
folgt auf den Wink;
wie der nur wedeln kann!
Doch springt nach Schafen dann
er auch den Berg hinan
munter und flink.

Ist es zum Melken Zeit,
kommen von weit und breit
Weiber in Eil'.
Sendill sitzt auf dem Zaun —
muß ja zu allem schaun
und von der Milch auch, traun,
haben sein Teil.

Wie nun das Mädchen zählt,
ob wohl kein Schaf ihr fehlt,
fehlen ihr zwei.
Doch in der kurzen Frist
sie jetzt zu finden, ist
schwer genug, wie ihr wißt.
Auf, Bursche, hei!

Was kann der Lohn wohl sein,
fängt wer die Tiere ein,
blauäugig Kind?
Schweißbedeckt — schau daher —
kommt mit den Schafen er —
Was nun? Ist's gar so schwer?
Küß ihn geschwind!

Übertragen von Josef Carl Poestion

Jón Þórðarson Thoroddsen (5. Oktober 1818 oder 1819 in Reykhólar - 8. März 1868 in Leirá, Borgarfjarðarsýsla) war ein isländischer Schriftsteller. Sein 1850 veröffentlichtes Werk Piltur og stúlka gilt als der erste moderne Roman der isländischen Literatur. Außerdem schrieb er Gedichte.

Dienstag, 20. August 2019

Gudmundur Magnússon - Längs der Küste

Gudmundur Magnússon - Längs der Küste.



Ja, lieblich ist dies Land zu schaun,
wenn es von Nebeln rein
und wenn, was düster sonst, zerrann
im Morgensonnenschein.
Wir fahren auf der blauen Flut
entlang den steilen Strand;
ich zeig' dir selbst die Gegend nun,
wo sich mein Heim befand.

Sie ist nicht reich, sie ist nicht groß,
doch lieblich stets wie heut;
ein Segen ruht auf Meer und Land
und Höfen, weit zerstreut.
Vom Bergesgipfel bis zum Strand
kenn' alles ich genau.
Sieh dort den Hof, zur Rechten ganz,
der war mein Heim im Gau. —

Still! Hörst du nicht des Hirten »Ho!«
ertönen bis hierher?
Ich seh' ihn auch; dort auf der Höh'
der dunkle Fleck ist er.
Die Herde springt nicht weit von ihm,
so folgsam, frohgemut.
Sind nebelfrei die stein'gen Höhn,
dann hat's der Hirte gut.

Ich selbst, Ich wellte gern als Hirt
dort oben manche Stund'
und freute mich des weiten Blicks
aufs herrlich-schöne Rund.
Doch schaut' ich auf dem Meer ein Schiff,
bis es dem Blick entschwand,
dann hatt' ich stets den heißen Wunsch:
an Bord — nach fernem Land!

Ich reiste mit, verließ mein Heim,
mein teures Heimatland.
Ich sah in andern Ländern viel,
was mein Gefallen fand.
Sah Schönes, doch auch Häßliches,
erlebte mancherlei,
wovon mein Sinn nur heimlich spricht,
was nicht verraten sei.

Still! Hörst du nicht des Hirten »Ho!«
ertönen bis hierher?
Ich seh' ihn auch; dort auf der Höh',
der dunkle Fleck ist er.
Auch er gewahrt nun unser Schiff,
wie's segelt längs dem Strand,
und hat wohl auch den heißen Wunsch:
an Bord — nach fernem Land!

Ja, lieblich ist dies Land zu schaun,
wenn es von Nebeln rein!
Hell wird's in meinem Herzen auch,
denk' ich der Jugend mein.
Das Sonnenlicht verklärt mein Heim,
so sommergrün, so schön.
Ich hab' nur noch den Wunsch: hinauf
dort zu des Hirten Höhn!

Übertragen von Josef Carl Poestion

Jón Trausti (Pseudonym für Guðmundur Magnússon war ein isländischer Schriftsteller.
(12. Februar 1873 in Rif auf der Halbinsel Melrakkaslétta (heute Gemeinde Norðurþing) - 18. November 1918)


Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten. Ein holdes Räthsel soll ich lösen, Und schon ist mir die Deutung klar, Ich weiß...