Gudmundur Magnússon - Längs der Küste

Gudmundur Magnússon - Längs der Küste.



Ja, lieblich ist dies Land zu schaun,
wenn es von Nebeln rein
und wenn, was düster sonst, zerrann
im Morgensonnenschein.
Wir fahren auf der blauen Flut
entlang den steilen Strand;
ich zeig' dir selbst die Gegend nun,
wo sich mein Heim befand.

Sie ist nicht reich, sie ist nicht groß,
doch lieblich stets wie heut;
ein Segen ruht auf Meer und Land
und Höfen, weit zerstreut.
Vom Bergesgipfel bis zum Strand
kenn' alles ich genau.
Sieh dort den Hof, zur Rechten ganz,
der war mein Heim im Gau. —

Still! Hörst du nicht des Hirten »Ho!«
ertönen bis hierher?
Ich seh' ihn auch; dort auf der Höh'
der dunkle Fleck ist er.
Die Herde springt nicht weit von ihm,
so folgsam, frohgemut.
Sind nebelfrei die stein'gen Höhn,
dann hat's der Hirte gut.

Ich selbst, Ich wellte gern als Hirt
dort oben manche Stund'
und freute mich des weiten Blicks
aufs herrlich-schöne Rund.
Doch schaut' ich auf dem Meer ein Schiff,
bis es dem Blick entschwand,
dann hatt' ich stets den heißen Wunsch:
an Bord — nach fernem Land!

Ich reiste mit, verließ mein Heim,
mein teures Heimatland.
Ich sah in andern Ländern viel,
was mein Gefallen fand.
Sah Schönes, doch auch Häßliches,
erlebte mancherlei,
wovon mein Sinn nur heimlich spricht,
was nicht verraten sei.

Still! Hörst du nicht des Hirten »Ho!«
ertönen bis hierher?
Ich seh' ihn auch; dort auf der Höh',
der dunkle Fleck ist er.
Auch er gewahrt nun unser Schiff,
wie's segelt längs dem Strand,
und hat wohl auch den heißen Wunsch:
an Bord — nach fernem Land!

Ja, lieblich ist dies Land zu schaun,
wenn es von Nebeln rein!
Hell wird's in meinem Herzen auch,
denk' ich der Jugend mein.
Das Sonnenlicht verklärt mein Heim,
so sommergrün, so schön.
Ich hab' nur noch den Wunsch: hinauf
dort zu des Hirten Höhn!

Übertragen von Josef Carl Poestion

Jón Trausti (Pseudonym für Guðmundur Magnússon war ein isländischer Schriftsteller.
(12. Februar 1873 in Rif auf der Halbinsel Melrakkaslétta (heute Gemeinde Norðurþing) - 18. November 1918)


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