Jens Peter Jacobsen - Eine Arabeske

Jens Peter Jacobsen - Eine Arabeske


Irrtest du je in dunklen Wäldern?
Kennst du Pan?
Ich hab ihn gefühlt,
Nicht in den dunklen Wäldern,
Als alles Schweigende sprach,
Nein! Den Pan hab ich nie gekannt,
Aber der Liebe Pan hab ich gefühlt,
Da schwieg, was sonsten spricht.

Auf sonnenwarmen Gefilden
Wächst ein seltsam Kraut;
Nur in tiefstem Schweigen,
Wenn tausend Sonnenstrahlen niederbrennen,
Eine flüchtige Sekunde lang
Öffnet es seine Blüte.
Es blickt wie eines Wahnsinnigen Auge.
Wie rote Wangen einer Leiche:
In meiner Liebe
Hab ichs geschaut.

Sie war wie Jasmins süßduftender Schnee,
Mohnblut floß in ihren Adern,
Die kalten, marmorweißen Hände
Ruhten ihr im Schoß,
Wie Wasserlilien im tiefen See.
Ihre Worte fielen weich,
Wie Apfelblütenblätter
Auf das thaufeuchte Gras;
Aber Stunden gabs,
Da wanden sie sich kalt und klar empor,
Wie des Wassers steigende Strahlen.
Seufzen war in ihrem Lachen,
Jubel in ihrem Weinen;
Vor ihr mußt' alles sich beugen -
Nur zwei durften ihr trotzen,
Ihre eignen Augen.

Aus giftiger Lilie
Blendendem Kelche
Trank sie mir zu,
Ihm, der nun tot,
Und ihm, der jetzt zu ihren Füßen kniet.
Mit uns allen trank sie
- Und da war der Blick ihr folgsam -
Den Becher des Gelübdes unwankender Treue
Aus giftiger Lilie
Blendendem Kelche.

Alles ist hin!
Auf schneebedeckter Fläche
Im braunen Wald
Wächst ein einsamer Dornbusch,
Die Winde durchwühlen sein Laub.
Stück für Stück,
Stück für Stück
Streut er die blutroten Beeren
Hinab in den weißen Schnee,
Die glühenden Beeren
In den kalten Schnee. -

Kennst du Pan?


Übersetzt von Robert Franz Arnold

Jens Peter Jacobsen (7. April 1847 in Thisted - 30. April 1885 in Thisted) war ein dänischer Schriftsteller.

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