Oscar Levertin - Lied eines Mönches

Oscar Levertin - Lied eines Mönches.


Urtheile nicht nach dieser Kutte,
   Nach langem, leerem Zeitvertreib:
Freiwillig wühlt' ich nicht im Schutte,
   In Büchern, Pergamentgeachreib'!
Nie wählt' ich mir statt Weltenweite
   Die Zelle hier zum Lebensziel —
Nur weil mein Arm zu schwach zum Streite,
   Griff zögernd ich zum Federkiel.

Nicht meine Schriften sollst du fragen,
   Der Studien kleingeschäft'gen Wust:
Doch der Gedanken kühnes Wagen,
   Der Träume wilde Thatenlust!
Die herrschende Gewalt bemerke,
   Die drängend mir das Blut erregt,
Des heissen Taktes Heldenstärke,
   Der all' mein Sinnen treibt und trägt!

Denn jede That in Sag' und Sange
   Durchflammte mich mit Feuerlust,
Und jedem tollen Ueberschwange
   Hab' froh ich mich verwandt gewusst!
Kein Ross zum Kampfe sah ich springen,
   Das nicht von mir ein Wünschen trug,
Und alle blanken Schwerterklingen
   Verlockten mich zu Griff und Zug!

Da draussen wogt das bunte Leben
   So wild und süss — kann ich verstehn,
Warum es nicht auch mir gegeben,
   Glückselig drinnen zu vergehn:
Zu sprossen wie die jungen Zweige
   Am Baum des Seins in frischer Kraft,
Zu leeren bis zur letzten Neige
   Des vollen Bechers schweren Saft?

Der Abend dämmert wehmuthshelle:
   Vollendet wieder klingt im Ohr
Ein Lied vom Leben — doch die Zelle
   Hält mich gefangen wie zuvor.
Ich dichte Hymnen und Legenden,
   Drin meine Sehnsucht überquillt:
Doch wird mir erst aus Todes Händen
   Der Trank, der mein Begehren stillt.


Übersetzung Erich Brausewetter

Oscar Ivar Levertin (17. Juli 1862 im Socken Gryt, Gemeinde Valdemarsvik bei Norrköping - 22. September 1906 in Stockholm) war ein schwedischer Schriftsteller.

Levertin studierte von 1882 bis 1887 in Uppsala. Dort wurde er auch 1889 Dozent für Literaturgeschichte. Zehn Jahre später wurde er zum Professor für dasselbe Fach ernannt. Mit Verner af Heidenstam wandte er sich gegen den Naturalismus. Als Literaturkritiker der Zeitung Svenska Dagbladet beeinflusste Levertin vor allem die Neuromantiker Schwedens. Levertins eigene Lyrik ist häufig sehr symbolistisch übersteigert.

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