Samstag, 18. Januar 2020

Hedwig Kym - Sappho’s Traum

Sunset by Max Nonnenbruch


Hedwig Kym - Sappho’s Traum

Hingestreckt am Meeresbusen, der gleich ihrem stürmisch schlug,
Lag sie, die den Kuß der Muse leuchtend auf der Stirne trug.
Kräftig hielt der ewig hehre Helios sein Gespann zurück,
Daß der Schlafenden nicht störe er des Traumes kurzes Glück;
Aeol’s Winde strichen leise über ihre Schläfen hin,
Selbst der Vögel helle Chöre dämpfte milder Göttersinn.

Doch von weichen Lippen flohen Worte wilder Leidenschaft,
Was half aller Götter Schonen gegen eines Traumgotts Haft! —
Der sie hielt in starken Armen, daß das Land, das sie besang,
Tief erröthend mög’ belauschen seines Lieblings Klaggesang.
Denn in wildem Traumesfieber offenbart sie erst den Schmerz,
Der gewohnt zu überschäumen heimlich nur, und sonnenwärts
Ziehend auf verborgnen Gleisen, drang in’s ewige Gemach,
Dort die Seligen zu mahnen, nächtlich, an ihr schweigend: »Ach«.

»Eros, der zu mir gestiegen einst aus sel’ger Götter Rund,
Deiner Liebe heil’ge Lohe stammelnd drücktest auf den Mund,
Bis sie drang zu meinem Herzen, seit ich denke zehrend dort,
Der mich einsam dann gelassen, höre, rührt dich noch mein Wort:
Nimm zurück den Trank der Lieder, denn dein heißer Nektarwein
Schäumt zu wild für eines Weibes schwaches menschliches Gebein;
Weh, schon fühl’ ich in mir wachsen maßlos deinen Schönheitssinn,
Staunend lauscht man meinen Sängen, doch mich selber schleppt man hin
In den Staub — als könnt man trennen mich vom Licht, das mich erhellt —
Fürder deinen Namen jauchzen heiß’ mich nicht so schmachentstellt.
Eros, der für Leib und Seele du im Brautkuß mir erweckt
Maß der Reinheit, sie zu preisen, nimm es von mir! es befleckt
Was der Götter Gunst gewähret in der Menge Aug’; die Lust
Kennt sie nur, nur die Begierde, nicht die Keuschheit uns’rer Brust.
Ruf’ Begeist’rung, die entsprossen kann nur Himmelspfaden, ruf’
Sie zurück, sie krümmt verloren hier sich unter Rosseshuf!

Laß mich sanglos fürder schmachten, nimm dein Ewiges dahin,
Eh’ mit Läst’rung sie’s umnachtend durch Aeonen frefelnd zieh’n!« —
Träumend ruft sie’s in die Lande, steigend auf mit Nebeln kraus,
Vor der Sel’gen Herrschersitzen hallen ihre Seufzer aus.
Eros zürnt: »was sie verliehen, nehmen rückwärts Götter nicht,
Lebe rein vor mir dein Leben, nicht vor menschlichem Gericht!«
Und sie hört im Traum ihn klagen: »täuscht sich so im Weib ein Gott,
Mag dem Himmel es entsagen wirklich um den ird’schen Spott!«

Strafend schüttelt1  »wie in Fichten tobt der Wind, ihr Herz er« — sieh,
Mitten aus den irren Träumen quillt ihr neue Melodie!
Schöner war er nie erschienen ihr als heut, im heil’gen Zorn,
Freudig nimmt sie, ihm zu leben, seine Liebe mit dem Dorn;
Reißt sich aus des Traumgott’s Armen und — von Reu’ und Stolz durchglüht,
Schenkt in Weisen wieder, reichen, Eros sie ihr warm Gemüth;
Daß der Sklavin Herz ihm dienend, stets fort sinne reinern Laut,
Draus für eine Menschheit süße wunderbare Labung thaut.

Lange thränten rings die Fluren ob dem offenbarten Weh,
Doch zum schwer errung’nen Siege jauchzte laut der Gischt der See.
Schneller trieb fortan der hehre Helios seine Rosse an.
Riß, zum Wettlauf hoher Ehre, Sappho’s Lied in seine Bahn;
Aeol’s Winde strichen leise, Rythmen flüsternd, um ihr Ohr,
Um die lieblichste der Weisen neidet’ sie der Vögel Chor.

1 Sappho.

Aus: Hedwig Kym, Gedichte, Verlag von Schabelitz, Zürich, 1886


Hedwig Kym - Sappho’s Traum

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