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Karl August Tavaststjerna - Fliegensummen

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Karl August Tavaststjerna  - Fliegensummen.


Wir stürmen, wie Fliegen, die Fensterscheiben!
Wir haben ja Flügel! Nicht drinnen wir bleiben!
Wir summen, wir stürmen und kommen zu Falle,
beginnen aufs Neue — hinaus zieht es alle!

Dort ist unser Heim; am liebsten wir hausen
in freier Natur, wo uns Winde umbrausen.
Drauf! Stürmen wir abermals gegen die Scheiben!
Sie springen schon, wenn wir's weiter so treiben!

Doch hinten im Saale am Esstische prassen
die übrigen Fliegen, da sitzend in Massen;
sie naschen Süßes, ertrinken im Glase,
besudeln das Tischtuch und mehren die Rasse.

In Scharen sie froh um die Schüsseln sich lagern.
Wir stürmen die Scheiben, wenn wir auch vermagern!
Der Sonne wir leben! Im Freien wir sterben!
Ansturm auf die Scheibe .... sie fällt noch in Scherben!

Übersetzung Ernst Brausewetter

Karl August Tavaststjerna - Vergessen

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Karl August Tavaststjerna  - Vergessen.


Sacht, wie der Wolke schwindet ihr Purpur
   Ueber der leuchtenden Fläche der Bucht,
Leis, wie das Lüftchen dort in der Weite
   Mälich verschwebt in unmerklicher Flucht,
Fern, wie das Echo stirbt nach dem letzten
   Hallenden Ton von der Fischerin Sang:
Werd' ich vergessen dich, die du Purpur
   Gabest dem Leben und Lenzhauch und Klang!

Übersetzung: Hanns von Gumppenberg 

Karl August Tavaststjerna (13. Mai 1860 in Annila – 20. März 1898, Björneborg/Pori) war ein finnischer Schriftsteller schwedischer Sprache.
Sein Schaffen wurde von August Strindberg, mit dem er in Berlin Umgang hatte, und Alexander Kielland beeinflusst. Tavaststjerna gilt als einer der wichtigsten Vertreter der schwedischen Literatur Finnlands Ende des 19. Jahrhunderts.

Jón Th. Thóroddsen - Das Hirtenmädchen

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Jón Th. Thóroddsen - Das Hirtenmädchen.


Hab' eine Maid gesehn
dort, wo herniedergehn
Bergwässer blau.
Wie sie die Herde rief,
flink über Höhen lief!
War bald in Schluchten tief,
bald in der Au.

Oft zu bequemrem Lauf
schürzt sie ihr Röckchen auf,
soweit sich's schickt.
Mützchen ist neu noch fast
und daran hängt ein Quast;
gut ihr das Jäckchen paßt,
sauber gestrickt. 

Goldiges Lockenhaar
fällt auf ihr Schulternpaar,
voll ist die Brust.
Liebreizend blickt das Kind,
schneeweiß die Hände sind,
Lippen zum Küssen lind,
welch eine Lust!

Ruft sie ihr »Ho!« im Tal,
hallt es vom Felsensaal
wider im Nu;
denn, was in Berg und Schluft,
Hügel, Gestein und Kluft
hauset an Alfen, ruft
freundlich ihr zu.

Ein frischer Junge liegt
dicht an den Berg geschmiegt:
Bergbach im Tal;
küßte zu mancher Stund
Schäferins heißen Mund,
war sie recht müde und —
durstig zumal.

Bei einem Graustein baut'
sie sich ein Hüttchen traut,
das du dort siehst.
Birkholz dazu sie fand;
drei Schuh hoch ist die Wand!
hier sucht sie Unterstand,
wenn es recht gieß…

Gudmundur Magnússon - Längs der Küste

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Gudmundur Magnússon - Längs der Küste.



Ja, lieblich ist dies Land zu schaun,
wenn es von Nebeln rein
und wenn, was düster sonst, zerrann
im Morgensonnenschein.
Wir fahren auf der blauen Flut
entlang den steilen Strand;
ich zeig' dir selbst die Gegend nun,
wo sich mein Heim befand.

Sie ist nicht reich, sie ist nicht groß,
doch lieblich stets wie heut;
ein Segen ruht auf Meer und Land
und Höfen, weit zerstreut.
Vom Bergesgipfel bis zum Strand
kenn' alles ich genau.
Sieh dort den Hof, zur Rechten ganz,
der war mein Heim im Gau. —

Still! Hörst du nicht des Hirten »Ho!«
ertönen bis hierher?
Ich seh' ihn auch; dort auf der Höh'
der dunkle Fleck ist er.
Die Herde springt nicht weit von ihm,
so folgsam, frohgemut.
Sind nebelfrei die stein'gen Höhn,
dann hat's der Hirte gut.

Ich selbst, Ich wellte gern als Hirt
dort oben manche Stund'
und freute mich des weiten Blicks
aufs herrlich-schöne Rund.
Doch schaut' ich auf dem Meer ein Schiff,
bis es dem Blick entschwand,
dann hatt' ich stets den…

Emile Verhaeren - Die Wiese

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Emile Verhaeren -  Die Wiese



DIE WIESE

Ruhn drei Mädchen hinterm Mühlenwehr
mitten in dem Margaretenmeer;
sind verliebt und lachen
über lauter dumme Sachen.

Wird der Wind sich wohl bemühn,
von den Wangen, die geladen glühn,
zu erfahren, was die flinken Zungen
so zum Zwitschern hat gezwungen?

Tausend Dinge kramt die erste aus,
stockt und zieht verwirrt die Stirne kraus,
flüsterts allen in die Ohren:
daß sie gestern abend jagen ging
und den Wanderschwarm ganz leise fing,
der sich im Gehölz verloren.

Und die zweite will nun auch nicht ruhn,
weiß mit Blicken, die gewitzigt tun,
weiß mit Worten schön zu prahlen:
welche Mühe Hühnerzüchten macht,
wenn der Regen auf die Dächer kracht,
wenn die Fröste Blumen in die Fenster malen.

Ach, die dritte wird schon nicht mehr laut,
Widerrede hat ihr Mundwerk zugebaut,
lustlos läßt sie ihr Gespräch verfließen . . .
Plötzlich trappeln Schritte über den Weg,
nähern sich dem Wiesensteg,
wo die Mädchen sich dem Grün erschließen.

Nah vom Dorf drei Burschen blank und braun
wandern stumm …

Karl Hans Strobl - Die große Spinne

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DIE GROSSE SPINNE
Von Karl Hans Strobl


Im Mittelpunkt der Welt sitzt eine Spinne.
Blutrot das Kreuz, das sie am Rücken trägt,
Und rot vom Blut die scharfen Kieferzangen,
Die sie mit einem unersättlichen Verlangen
In ihre jäh erfaßten Opfer schlägt,
Indes sie späht, ob sie nicht neuen Fraß gewinne.

Ihr Netz umspannt das All. Die Sternenräume
Sind seine Maschen, die Unendlichkeit
Hat es gewebt, und nur ein dünner Faden
Im Netz ist jenes weise Band von Sternenpfaden,
Um Zukunft spannt sich's und Vergangenheit,
Um unser Leben, unsre Wahrheit, unsre Träume.

In jedem Augenblick sind Millionen Fliegen
Gefangen in dem fürchterlichen Netz,
Um tot und ausgesaugt herabzufallen
In jene Jauche, deren Nebelwallen
Manchmal umzieht das ernste Weltgesetz,
Und wo schon Milliarden von Kadavern liegen.

In jedem Augenblick sind diesen Lachen
Schon Millionen Fliegen neu entkeimt
Und regen sich in unbedachtem Leben,
Um wieder zu der Spinne aufzuschweben,
Der Schaum und Blut um ihre Zangen schleimt,
Vor Lust und Gier, die Opfer …

Claire Morgenstern - Mich treibtʼs zu suchen

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Mich treibtʼs zu suchen / von Claire Morgenstern



Schling Deinen Arm um mich und fürchte nicht,
Daß meine Küsse Dich vielleicht verbrennen.
Ich küssʼ deswegen Dir die Seele tot,
Damitʼs Dich nicht so schmerzt, wenn wir uns trennen.

Mich treibtʼs zu suchen rastlos und zu ziehʼn,
All meines Lebens heiße, kurze Jahre.
Ich habʼ zu viel in mir Zigeunerblut,
Trotz meiner hellen Haut, der blonden Haare.

Mich treibtʼs zu wandern, nirgends fand ich Ruhʼ,
Und kannst Du mir ein Weilchen Frieden schenken,
Und wärʼs nur eine kleine, kurze Frist,
So will ichʼs Dir mein Leben lang gedenken.

Verdammt zur Unrast ist mein heißes Herz,
Weiß nichts vom Glück, das andre Frauen kennen — —

Schling Deinen Arm um mich und fürcht Dich nicht,
Daß meine Küsse Dich vielleicht verbrennen . . .