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Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten.

Ein holdes Räthsel soll ich lösen,
Und schon ist mir die Deutung klar,
Ich weiß, der Anmuth Art und Wesen
gleich und lieblich immerdar,
Und soll ich nicht die Schöne kennen,
Die freundlich meinem Liede lauscht,
Als Gott muß ich die Schönheit nennen,
Die mit Begeissrung mich berauscht.

Der Schönheit wundervoller Segen,
Der jedes Künstlerauge weiht,
Wie oft schon strahlt’ er mir entgegen
An seiner ganzen Göttlichkeit;
Drum kenn’ ich auch in Deinen Blicken
Den Himmelsglanz, der sie durchglüht,
Und schnellbeflügelt vom Entzücken
Schwingt sich zu Dir empor mein Lied.

Und wenn mich einst mein Wanderleben
Auf Deine Blumenpfade führt,
So wird in mir die Saite beben,
Die Deine Zauber jetzt gerührt, —
Wenn mich der rasche Schritt der Zeiten
Vorüberreißt mit Sturmgewalt,
Laß dann mich nicht vorübergleiten
Gleich einem Schatten, stumm und kalt.

Und warst Du unsichtbar geblieben,
So kommst Du wohl zu einem Stein,
Drauf steht von Freundesband geschrieben;
»Der Schönheit…

Arvid August Afzelius - Das Lied des Nix

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Arvid August Afzelius - Das Lied des Nix


Tief im Meer, auf Demantenkissen,
Sitzt der Nix, in dem grünen Saal,
Nächt'ge Jungfraun eifrig sind beflissen
Zu verschleiern Berge und Thal.
Abend steht im schwarzen Hochzeitskleid;
Kein Geräusch, kein Lüftchen hört man weit und breit.
Alles rings auf den Feldern schweigt,
Wenn goldner Burg Meerkönig nun entsteigt.

Aegirs Töchter schaukeln ihn so leise,
Wenn er schwebt auf der See daher,
Trüb klingt zu der Harfe seine Weise,
Sucht sich fern ein Grab im Meer.
Fest sich hebt sein Aug' zu dunklem Himmelsplan,
Daß die Königin kommt - kein Stern zeigt's an,
Freya kämmet ihr goldnes Haar,
Die Harfe schlägt der Nix, an Freude baar.

Stern, wo bliebst Du, wann soll ich Dich schauen!
In der blauenden Dämmerung Stund?
Du, die schönste von der Erde Frauen,
Warst meine Braut auf des Meeres Grund,
Wenn mein Zauber füllt das Herz mit süßer Lust,
Schwoll in seligem Entzücken meine Brust.
Hin dann stellt ich, im Flusse, kühl,
Die goldne Harfe, ließ mein Saitenspiel!

Odin h…

Johan Sebastian C. Welhaven - Wann kommt die Rosenzeit?

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Johan Sebastian C. Welhaven - Wann kommt die Rosenzeit?


Du erste Rose, du, die ich seh,
In dieses Thales Eden,
Dein Lächeln weckt mir süßes Weh,
Doch süß auch mußt du nun reden.

O, sag mir es doch, ob der Lenz nicht hier,
Bald, bald, mit Flügeln erblühet
Für sie, die du kennst, o sag es mir;
Für sie ja mein Herze erglühet!

Für sie, die stolz, voll treuem Muth,
Die Weh mir niemals konnte bringen;
Den dornenvollen Weg mach' ich breit und gut,
Der Liebe, o, muß Alles ja gelingen.

Übersetzung: Edmund Lobedanz 

Johan Sebastian Welhaven, „Johan Sebastian Cammermeyer Welhaven“ (22. Dezember 1807 in Bergen - 21. Oktober 1873 in Christiania) war ein norwegischer Lyriker, Literaturkritiker und Kunsttheoretiker.

Jens Peter Jacobsen - An Asali

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Jens Peter Jacobsen - An Asali



Sonst träumt' ich wohl jedwede Nacht,
Ich hätte dein Herz gewonnen;
Ach, finster erschien mir des Tages Pracht,
Wenn der selige Traum zerronnen.

Nun quält mich allnächtlich ein Traumgesicht,
Ich hätte dein Herz verloren;
O wie scheint mir der Tag nun klar und licht
Und mein Glück aufs neue geboren.


Übersetzung: Robert F. Arnold 

Jens Peter Jacobsen (7. April 1847 in Thisted - 30. April 1885 in Thisted) war ein dänischer Schriftsteller.

Einar Hjörleifsson - Da sank sie leblos hin . . .

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Einar Hjörleifsson - Da sank sie leblos hin . . .



Als jugendlich Weib, liebreizend erblüht,
erschien mir die Sehnsucht, dem Knaben;
mein Blut ward heißer, das Herz war erglüht
und mußte an Liedern sich laben.
Im herrlichsten Grün begann sich der Halm,
vom Wind erst gezaust, zu erheben;
der Sehnsucht Blick durch den Nebelqualm
verlieh ihm ein kräftiges Leben.

Es kam nicht allein, das holdselige Weib,
mit der Jugend rosigem Scheine;
es brachte mit sich ihre Töchterlein,
viel spielende, hüpfende, kleine.
Die sangen so lustig, so laut, so laut,
und flüsterten manchmal so leise, so leise;
dann lachten sie wieder so traut, so traut -
und alles in herziger Kinderweise.

Ich meinte lieblich zu träumen . . .

Dann schied sie wieder, mit einem warmen
und freundlichen Händedruck und sprach:
"Ich geh' und laß dir die Kinder!" - Die armen -
sie wurden meine Hoffnungen, ach!

Und später, nach mancher Jahre Verlauf,
kam sie wieder zu mir, doch allein,
die Sehnsucht mit rosigen Wangen.
Bei ihrem Anblick sprang ich…

Fredrika Bremer - Der Schnee

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Fredrika Bremer - Der Schnee


Sinkt, Flocken, nur herab,
Und macht mir kalt mein Grab!
Der Brust, die siedet hier,
Wird Kühlung einst bei dir!

Und senkt' man mich hinab,
Senkt mehr dann auf mein Grab,
Dann bin ich wohl verwahrt,
Wenn ich vergessen ward!

Denn - keine Mutter soll
Mich suchen, trauervoll,
Kein Vater, trüb im Sinn,
Soll fragen, wer ich bin.

Nicht mit der Sorge schwer
Kommt eine Schwester her,
Und keines Bruders Herz
Hier schüttet aus den Schmerz!

Kein einz'ger treuer Freund
Kommt an mein Grab und weint,
Und weiht, beim Morgenlicht,
Mir ein Vergißmeinnicht.

Er, der mir Alles galt,
Geh' drüber stumm und kalt,
Die Braut an seinem Arm,
Beglückt und liebeswarm.

Ach, eis'ge Flocken, fall't,
Macht's Bette doppelt kalt,
Damit das Herz, so brach,
Nicht wieder neu erwach'!

Übersetzung: Edmund Lobedanz

Fredrika Bremer (17. August 1801 auf dem Gut Tuorla bei Piikkiö - 31. Dezember 1865 auf Schloss Årsta, Gemeinde Haninge) war eine schwedische Schriftstellerin und Initiatorin der schwedi…

Jens Peter Jacobsen - Irmelin Rose

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Jens Peter Jacobsen - Irmelin Rose


Seht, es war einmal ein König,
Als den Reichsten pries man ihn,
Und der beste seiner Schätze
Hieß mit Namen Irmelin,
Irmelin Rose,
Irmelin Sonne,
Irmelin alles, was schön war.

Schier von jedem Ritterhelme
Wehte ihrer Farben Schein,
Und mit jedem Reim der Sprache
Klang ihr Namen überein:
Irmelin Rose,
Irmelin Sonne,
Irmelin alles, was schön war.

Freier kamen scharenweise
Hergezogen zum Palast,
Und zu zärtlichen Geberden
Klang ihr Schmeicheln ohne Rast:
Irmelin Rose,
Irmelin Sonne,
Irmelin alles, was schön ist.

Doch Prinzessin Stahlherz jagte
All die Freier schnippisch fort,
Fand an jedem was zu tadeln,
Hier die Haltung, da das Wort.
Irmelin Rose,
Irmelin Sonne,
Irmelin alles, was schön ist.

Übersetzung: Robert Franz Arnold

Jens Peter Jacobsen (7. April 1847 in Thisted - 30. April 1885 in Thisted) war ein dänischer Schriftsteller.