Oscar Panizza - Das rothe Haus

Das rothe Haus.


Es war um Mitternacht, ich ging
Nach Hause zu eilen alleine,
Es war eine sanfte Sommernacht
Mit weissem Vollmondscheine.


Mein Weg war lang, und ausser der Stadt
Lief er gekrümmt und ferne,
Ich wählt einen kürzeren, denn ich war müd,
Doch wählt ich ihn nicht gerne;


Denn an dem Weg da lag ein Haus
In rothem, flammenden Schimmer,
Baroken Stils, — vor diesem Haus
Laut warnen hörte ich immer;


Zimmer an Zimmer sei besetzt
Mit sonderbaren Tröpfen,
So hört’ ich, — gefüllt bis unter das Dach
Mit geistesverwirrten Köpfen;


Und Köpfe voller Gedanken, sogar
Gedanken die schwere Menge,
Die Körper kämen nicht in Betracht,
Die Köpfe oft in’s Gedränge.


Die seltensten Gedanken spännen sie aus,
Und liessen davon sich umgarnen, —
Doch vor den Gedanken und vor dem Haus
Nicht laut genug hörte ich warnen.


Es sei die Geschichte von jenem Baum,
Von dem verboten zu essen,
Die Frucht sei wunderbar und süss,
Doch die Folgen nicht zu bemessen.


Es sei die Geschichte vom Bäumchen, das
Nie aufhörte sich zu beklagen,
Und gläserne, blinkende Blätter bekam,
Doch die gläsernen Blätter zerbrachen.


Von Prometheus die stolze Sage sei’s,
Vom Trotze, der nie entmuthet,
Licht haben musste um all’s in der Welt,
Und hat er’s, dann lachend verblutet.


(Es erinn’re an jenen sanften Mann,
Der gequält von den schwärzesten Fragen,
Und endlich bekannte, was ihn gequält,
Und dann bat, ihn an’s Kreuz zu schlagen.)


Dies überlegend kam ich hinaus,
Der Vollmond strahlte hernieden,
Da lag das prächtige, rothe Haus,
Es lag im tiefsten Frieden.


Und all die grübelnden Häupter jetzt,
Die unergründlich tiefen,
Die ruhten nun von der Tageslast,
Vom Denken aus, und schliefen.


Getäuschte Lippen, einst geküsst,
Und tiefgekränkte Herzen,
Die ruhten nun eine glückliche Nacht
Von ihren Wahnsinnsschmerzen.


Und Träume vielleicht aus goldner Zeit,
Aus Sonnentagen, aus hellen,
Als sie noch gedankenarm und froh,
Die matten Seelen schwellen.


Mir ward bei diesem Anblick so weh’,
Ich dacht’ an die Qualen, die meinen,
An das böse Gezänk’ in der eigenen Brust,
Ich musste bitterlich weinen.


Ich dacht an den goldenen Jugendtraum,
Ich dacht an die Mutter, die gute,
An eingestürztes Lebensglück.
Mir ward so schmerzlich zu Muthe. —


Doch sieh’, da regt’s an den Fenstern sich,
Und die Gardinen rückten,
Und weisse Gestalten in Röckchen und Hemd
Die schauten heraus und nickten;


Männer und Frauen, sie schienen sich
Für mich zu interessieren,
Oft guckten weissnackend die Glieder heraus,
Doch that sie’s nicht genieren.


Die ersten holten and’re herbei.
Es regt sich in jedem Geschosse,
Es war, als wich ein Zauberbann
Von diesem rothen Schlosse;


Als wär’ ein tausendjähr’ger Schlaf
Auf diesen Leuten gelegen,
Nun kommt der Prinz und spricht das Wort,
Und nun beginnt sich’s zu regen.


Sie krochen selbst auf die Dächer hinauf
Wie flinke behende Affen,
Und deuten mit mageren Armen her
Auf mich herab und gaffen.


Es gab ein wildes, tolles Gedräng
Mit ihren Busen und Kröpfen,
Und ganze Fenster waren oft
Bepflanzt mit lauter Köpfen.


Sie blickten müd und kummervoll,
Und scheuten sich zu sprechen,
Es wollte nach so langer Zeit
Keiner das Schweigen brechen.


Die Augen rissen sie auf, — doch ach,
Sie hatten wohl viel vergessen,
Ich aber kannte manchen Mann,
Mit dem ich am Tisch einst gesessen.


Auch viel Familienähnlichkeit
War hier, — der Vater nebst Sohne,
Bruder und Schwester, der Stammbaum ganz
Von manchem Graf und Barone.


Auch mancher Freund, der einst, ich weiss,
Am besten den Horaz übersetzte,
Sah bleich und müd zum Fenster ’raus
Und gesticulirte und schwätzte.


Ich sah noch manches bekannte Gesicht,
Doch will ich nicht länger verweilen,
Man schont die Allernächsten gern,
Drum lasst uns weiter eilen.


Zuletzt kam auch der Director herbei,
Er war im schwarzen Fracke,
Sein riesiger Schädel glänzend und feist,
Einen Orden am fetten Genacke.


Der Director sei der geschickteste Mann,
So hört ich, in Schmeicheln, Verführen;
Die Nüchternsten und Gesunden sogar
Vermöchte er zu rühren.


(Es erinnre an Scharfrichter dies
Voll so zuversichtlicher Miene,
Dass es manche gelüstet zu legen sich
Unter seine Guillotine.)


So behaglich er! Was die andern hier
So verzehrte, schien ihm zu passen;
Es schlug ihm an; — vom ersten Stock
Fing er an mit mir zu spassen:


»Aha mein Freund!« (voll Bonhomie),
»Sind wir nicht alte Bekannte?
Bitte, treten sie näher nur,
Sie sind doch der — wiegenannte?


»Ich vergass, — gleichviel, Sie sind mein Gast,
Und soll’n wie zu Hause sich fühlen,
Was Sie auch herführt, —« weiter unten rief’s:
»»Es wird ihm im Kopfe wühlen!««


»Eine geist’ge Freistatt suchen Sie hier
Für Ihre Ideen ‘und Sparren,
Die sollen Sie haben, —« die andern schrei’n:
»»Wir haben die feinsten Narren!««


»Sie erhalten ein Zimmerchen nett und klein
Mit Riegeln erster Classe,
Die Kost wird allgemein gelobt,
Der Staat füllt uns’re Casse.


Gelegenheit zum Denken ist hier,
Zum trüben und zum heitern;
Die Hirne schiessen hier in’s Kraut,
Die Köpfe sich erweitern,


Die Köpfe wachsen riesengross
Mit Augen stier und hässlich,
Arme und Beinchen werden klein,
Die Gedanken unermesslich.


Dort hinten ruht eine Collection
Der prächtigsten Exemplare,
Wir freuen uns schon auf ihr Hirn,
Sie wuchsen viele Jahre.«


Er deutete hier abseits, — voll Grau’n
Folgt’ ich ohne Athem zu schöpfen
Und in der That, ich sah einen Saal
Voll lauter schwitzenden Köpfen.


Von unten bis oben mit Köpfen gepfropft,
Die Besinnung kam mir in’s Schwanken, —
Ein Zimmer mit lauter Köpfen voll,
Die Köpfe voller Gedanken.


Köpfe bedeutend, kugelrund,
Mit griechischen Nasen und Stirnen;
Man sah es gährte und blitzte stark
In diesen mächtigen Hirnen.


Mit vorgetriebenen Augen oft
Der Eine den Andern ansah,
Eifersucht glast aus den Augen heraus,
Sie kamen sich oft zu nah.


Zum Kampfe kam’s hier sicherlich
Doch fehlt es an Muskeln und Waffen:
Die Spinnengliederchen sind zu fein
Um den Kopf nur fortzuschaffen.


Der Kampf, den sie führen, ist stumm und leis,
Es brüllen im Kopf die Haubitzen,
Gedankenschlünde brechen los
Und geist’ge Lanzen blitzen. —


Einen Augenblick ging der Director zurück
Einen Orden noch umzuhängen:
Da fingen die Andern mit Ungestüm
Gleich an mich zu bedrängen:


»Komm doch zu uns herein und schau,
Wir liegen in herrlichen Betten,
Wir wandeln auf Parquet, und kaum,
Höchst selten findest Du Ketten.


Komm her zu uns, Du passt zu uns,
Auch Deine Gedanken stürmen;
Hier bist Du völlig gedankenfrei,
Wir werden Dich schützen und schirmen.


Du brauchst keinen Pass und keinen Schein,
Wenn Du nur Ideen im Hirne,
Doch die hast Du, — man sieht sie brennen Dir ja
Fast durch die verwegene Stirne.


Du lebst wie ein Fürst hier, in Saus und Braus,
Wein giebt es täglich zu schöpfen;
Die besten Gerichte speist Du dazu, —
Wir wollen Dich dann köpfen.


Entflieh der Welt und ihrem Zwang,
Dem geistigen Chikaniren,
Hier bade Dich im Ideenrausch, —
Wir wollen Dich dann seçiren.


Hier bist Du jeglicher Fessel frei,
Darfst toben, rasen und fluchen,
Und leisten, was Dein Gehirn nur kann, —
Wir wollens dann genau untersuchen.


Die armen Menschen da draussen bei Euch
Unter Zwang und Gesetzesverhängniss
Sind übel daran, sie dauern uns sehr,
Sie leben in lauter Bedrängniss.


Was sie zum täglichen Lebenskampf
An geistigem Quantum spenden
Lohnt nicht der Mühe, verglichen mit dem,
Was wir nur stündlich verwenden.


Komm’ zu uns; — ein glänzendes Avancement!
Du wirst Kaiser, Obergott, Rector
Totius mundi, — und bist Du gescheid,
So machen wir Dich zum Director!«—


Sie lockten mich mit vieler Lust,
Mit sanftem ehrlichen Girren;
Wie Zigeuner mit bäckigen Aepfeln oft
Die blonden Kinder kirren.


Mich ergreifen durften beileibe sie nicht,
Selbst musst’ ich hinein mich wagen,
Im Märchen hat Alles sein Aber und Wenn,
Doch dann nähmen sie mich beim Kragen.


Im Märchen wird Alles bequem gemacht,
Man lockt mit Braten und Schüsseln, —
Schon stunden zwei lachende Portiers da
Und rasselten mit den Schlüsseln.


Uns lockt oft eine geheime Lust,
Das Märchen muss sich erfüllen, —
Wir kämpfen, doch wir vermögen nichts
Mit unser’m stolzen Willen.


Doch dacht’ ich mir, noch bist Du gesund,
Die wollen Dich nur betrügen, —
Noch bist Du gesund, noch bist Du gescheid,
Und lässt das Haus links liegen!


Noch hast Du unendlich lieb die Welt
Mit all’ ihren Schmerzen und Jammer,
Und lieber verbluten, als leben hier
In dieser rothen Kammer!


Noch hast Du die Liebe, — sie ist gewiss
Das mächtigste der Gefühle,
Sie rettet Dich vor dem rothen Haus
Und vor dem schmutz’gen Gewühle.

Aus: Oscar Panizza, Düstre Lieder, Verlag von Albert Unflad, Leipzig, 1886, S. 10ff.
Digitalisate: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12 & 13


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