Salomon Hermann Mosenthal (132. Todestag) - Die Sclavin


Die Sclavin.
Wie? zu den Mimosenhecken
Flüchten willst Du Dich mit mir?
Warum willst Du Dich verstecken?
Niemand sieht uns als die Sonne,
Und die ist so heiß wie wir.

In die braune haide nieder
— Sieh’ das Brautbett schwellend blüh’n, —
Strecke Deine schlanken Glieder,
Und das Haupt, das pantherschwarze,
Laß es ruh’n auf meinen Knien.

Ha, bei Deinen schwarzen Mähnen
Fass’ ich Dich, Du brauner Leu,
Fasse Dich mit meinen Zähnen;
Schön bist Du, wie nie ein Weißer,
Weiß ist falsch und braun ist treu!

Weiß die Well’n, die trüglich glatten,
Braun die Erde, die uns trägt,
Weiß die Sonne, braun der Schatten,
Braun die Rechte, die mir schmeichelt,
Weiß die Rechte, die mich schlägt.

Spähest Du? Sei ohne Sorgen,
Unser Hüther pflegt die Ruh’,
Auch die Heerde ruht geborgen,
Und die schwere Mittagsschwüle
Drückt der Welt die Augen zu.

Gib und nimm und theil’ im Bunde
Unseres Lebens süßen Kern!
Eine selige Sekunde
Für ein ganzes Sclavenleben!
— Ach, und doch lebt sich’s so gern!

Aus: S. H.Mosenthal, Gesammelte Gedichte, Verlag Carl Gerold's Sohn, Wien, 1866, S. 186f.
Digitalisate 1 & 2
Abbildung: Otto Pilny - Tanzende Sklavin

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