Das unentschlossene Mädchen


Im stillen denk ich oft bey mir,
Ein Mann ist seines Weibes Zier,
Er ist des Weibes größte Freude,
Und zum Vergnügen leben beyde;
Doch fällt mir auch daneben ein,
Oft ist der Mann des Weibes Pein,
Oft setzt er sie mit Fleiß in Flammen;
Zum Unglück leben sie beysammen.
Sir Riechholz putzt sich nur aus Pflicht,
Er hat ein allerliebst Gesicht,
Zwey goldne Uhren in der Taschen,
Und immer volle Rosenflaschen;
Doch denk ich etwas weiter nach,
Was er vor einer Stunde sprach,
So ist ein schön geputzter Kopf,
Nichts, als ein leerer Narrentopf.
Sir Reichmann hat, was stets gefällt,
Ein Rittergut, viel baares Geld;
Er kann von seinen Zinsen leben,
Und Geld auf Hypotheken geben;
Doch ist Sir Reichmann jung und schön,
Den Werth des Reichthums zu erhöhn?
Besitzt er auch der Seele Reize?
Nein, die bestehn nicht mit dem Geize.
Sir Heilburg ist ein frommer Pursch,
Er spielt den heiligen Hanswurst,
Er fastet oft, und bethet immer,
Und ein Capellchen ist sein Zimmer,
Doch gibts noch manche Männerpflicht,
Die findet er im Cubach nicht.
Wie? wenn er diese zu vollbringen
Sich weigert? Kann ihn jemand zwingen?
Sir Spielmann kennt die große Welt;
Er stellt sich, wie der Hof sich stellt,
Und borget Mienen und Geberden
Von euch, ihr Großen dieser Erden;
Doch sind ihm auch bey alle dem
Der Großen Fehler angenehm;
Er spielet, und verliert im Spielen,
Sein Weib muß den Verlust dann fühlen.
Wer kennt Sir Buchbergs Weisheit nicht,
Der feurig schreibt, viel Sprachen spricht,
Die Musen kennt, den Flügel spielet,
Voltärens Werke liest, und fühlet?
Allein das Weib, das nichts versteht,
Als daß sie mit zu Bette geht,
Muß Schlafen, Trinken, und das Essen
Bey dem gelehrten Mann vergessen.
O lebte doch ein solcher Knab,
Der standhaft liebt bis in das Grab,
Schön, reich ist, klug und fein im Scherzen,
Voll Zärtlichkeit beym größten Herzen!
Zwar, daß es solche Knaben giebt,
Glaubt jede, wenn sie sich verliebt,
Und doch hat man in allen Jahren
Das Gegentheil fast stets erfahren.

Aus dem Damen-Journal von einer Damen-Gesellschaft - Der Schönsten in Deutschland gewidmet, Erster Jahrgang 1784
Abbildung: Leonardo Da Vinci, Der vitruvianische Mensch

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ludwig Thoma - Sexuelle Aufklärung

Albert Möser - An den Tod

Claire Morgenstern - Mich treibtʼs zu suchen