Walter Calé - Beim Spinnen

William-Adolphe Bouguereau - Die Spinnerin


  Reißt auch der Faden nicht? 
  Steht auch das Rad nicht still? 
  Hab’ ein träumend Gesicht 
  und weiß nicht, was ich will. 


Was war’s doch für ein Märchen, das die Alte erzählt?
— es wird ja auch Abend, es dämmert schon —
den ganzen Tag hat’s mich gequält.
Wie heißt doch sein Name —? der Königssohn!
— es ist hier ein gar versonnener Platz! 
am liebsten macht’ ich die Augen zu! — 
der hat einen blondhaarigen, weißen Schatz, 
— sie küßten sich bald und sagten sich du!
                  und sagten sich du!


  — — — — —


  Ist es denn schon so spät? 
  Ei, wie die Spindel kreist! 
  Daß nur das Rad nicht stille steht! 
  Daß nur der Faden nicht reißt! 


Das ewige Surren! Ich möchte fort!
So weit hinaus! Fragt nicht, wohin!
Ich beiß’ mir auf die Lippen und sage kein Wort!
Dann scheltet nur wieder: »Du Eigensinn!«


Durch die Finger scheint mir ein rosiges Licht;
— einst lag ich blinzelnd im grünen Gras
und hielt mir die Hände vors Gesicht:
dann träumt sich’s gut; man weiß doch, was!
                  man weiß doch, was! —


  Kommt die Mutter zurück, 
  was liegt mir dran! 
  Reißt der Faden in Stück, 
  so knot’ ich ihn an! 


Was träumt’ ich heut’ Nacht? Von dem bleichen Stern!
— Die Sonnenstäubchen, die — fang’ ich mir —
Ich sag’s ja doch nicht: »Ich hab’ dich gern!« — —
— nun sitz’ ich hier — und sitze hier — —
Ach Gott, das Abendglockengeläut!
Schlief ich doch erst, dann hätt’ ich Ruh!
— Ich weiß nicht, ich bin so müde heut’ —
— — Sie küßten sich bald — und sagten sich du!
                  und — sagten — sich — du! —



(Sie schläft ein)

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