Paul Verlaine - Im Waggon

Scott Cumming - katrina_wc (copyright Scott Cumming)



Im Waggon


Wie rasend saust vorbei die Landschaft an den Säumen
Des Vorhangs. Ebenen mit Wasser, Feldern, Bäumen
Und Himmelsfetzen drehn im grausen Wirbel sich,
Darin die Drähte gehn wie krauser Schnörkelstrich
Und wirr im Auf und Ab der Sphären sich verfangen
Mit diesem tollen Tanz der Telegraphenstangen.


Nach Ruß und Kohle riecht's und qualmt von Wasserdampf,
Es ist ein Räderlärm und wüstes Bremsgestampf,
Als ob an tausend Ketten gepeitschte Riesen heulen —
Und plötzlich langes Schrein von Uhus oder Eulen.


— Was tut mir alles das! Vor meinen Augen lacht
Das lieblichste Gesicht, das mich so fröhlich macht.
Die sanfte Stimme tönt mir noch in meinen Ohren,
Und, ach, ihr Name lieb, holdselig, auserkoren
Mischt sich als Ruhepunkt in all der Raserei
Zum rohen Wagenlärm wie zarte Melodei.


aus: Weltlyrik, Ein Lebenskreis, Nachdichtungen von Karl Henckell, Die Lese Verlag, München, 1910



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