Montag, 25. April 2011

Wilhelmine Funke - Der Kuß

Francesco Hayez - Der Kuß



Der Kuß.

Schwebe, Vöglein, schweb' empor,
Auf zum Himmel singe.
Diesen Kuß — ach sei kein Tor —
Nimm auf deine Schwinge.


Ihm, dem kleinen Sternenwicht,
Der so listig blinket,
Gib ihn. Siehst ihn jetzo nicht?
Weißt doch, wo er winket.


Hat nur vor Frau Sonne sich
Ahnungsvoll verkrochen,
Weil sie so gar mütterlich
Streng mit ihm gesprochen.


Aber wird es abendstill,
Lugt aus dem Verstecke
Gleich der Schelm, tut, was er will,
Still in seiner Ecke.


Wirft den Kuß dem Liebsten mein
Glitzernd schnell hernieder,
Blickt ihm nach: fängt er ihn ein?
Kommt wohl einer wieder?


aus: Wilhelmine Funke, Gedichte, Fritz Eckhardt Verlag, Leipzig



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