Abbé Bretin - Die Gärtnerin

Carl Spitzweg - Der Klosterbruder



Die Gärtnerin.

Einst wandelt Barbara, die schöne Gärtnerin,
Dürrzweige sammelnd auf dem Weg dahin.
Beim Bücken hebt ein tück’scher Ast
Den Rock ihr auf, und in der Hast
Bemerkt sie nicht, daß der am Tragkorb hängen bleibt.

Dieweil so bös’ Geschick ihr seine Possen treibt,
Gehn auch zwei Kapuziner ohne Arg
Selbander dieses Wegs. Da sieht von ohngefähr
Des Jüngern Aug’ – als ob’s ein Trugbild wär’ –
Manch schönes Rund, das sonst der Rock verbarg.
Zum andern spricht er drauf: »Daß Euer Ehrwürden verzeih’:
»Wer hätte je geglaubt, daß eine Magd so schamlos sei.«
 – »Ich seh’, ich seh’! Dein Auge mußt du senken.«
 – »Doch einen Ausweg sollte man bedenken!
«


Und heil’ger Eifer treibt den Jüngling an –
Dies fremde Bild tät frommen Sinn erschrecken. –
Nicht wußt er schier, was er begann:
Er eilt zu Barbara, die Blöße zu bedecken.

Bewegten Herzens tritt er ihr zur Seiten
Und löst den Rock und läßt ihn niedergleiten.
»O Schwester« spricht er, »nicht will ich Euch schelten.
Nein –
Doch müßt’ solch holde Pracht stets wohl verborgen sein!«
Und sie entgegnet: »Dank sei Euch vielmehr.
Ihr tatet Eurem heil’gen Stande all Ehr
!« 

Da sieht sie fernher einen Franziskaner schreiten
Und reckt den Arm, erblaßt, weil sie erschrickt,
Und ruft: »Wie kamt Ihr doch bei Zeiten –
Verloren wär’ ich, hätt’ mich der zuerst erblickt!«

aus: Das Heptameron, Die Erzählungen der Königin von Navarra
        Verdeutscht von Carl Theodor Albert Ritter von Riba
        Wilhelm Borngräber Verlag, Neues Leben, Berlin




(1797.) 

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