Robert Garrison - Liebesnacht

Egon Schiele - Umarmung



Liebesnacht

Schon steigt im Ost das graue Morgenlicht.
Nur du und ich, wir schreiten traumversunken!
An meinen Körper schmiegt dein Leib sich dicht
Und deine Augen starren sehnsuchtstrunken.

Ja, schmiegʼ dich fest . . . noch ist die Nacht nicht aus,
Die Erde träumt, kein Mensch kann uns belauschen!
So tretʼ ich mit dir in das dunkle Haus
Und höre nur dein Atmen und dein Rauschen.

Du wilde Nacht! Du wildes, süßes Weib!
Ein Wonneschauer ging durch meine Glieder —
Dann sank ich stumm vor dem entblößten Leib,
Dem zitternden, im trunknen Taumel nieder.

Im Osten hoch die Morgensonne stand. . . .
Du schmiegtest dich an mich als wie mein eigen.
Was unsʼre durstʼgen Seelen fest verband,
Verriet der wunden Lippen süßes Schweigen.

Aus: Robert Garrison, Nachtfalter, Modernes Verlagsbureau, Curt Wigand, Berlin, Leipzig, 1908


Beliebte Posts aus diesem Blog

Ludwig Thoma - Sexuelle Aufklärung

Albert Möser - An den Tod

Claire Morgenstern - Mich treibtʼs zu suchen